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Aus der IAA wurde die e-AA

08.11.2016

Nahezu lautlos rollt ein futuristischer 26-Tonner in eine große Arena, gefolgt von einem Alu-Ei-ähnlichen Transporter, von dessem Dach zwei Drohnen in den Himmel ausschwirren, das ganze untermalt mit Botschaften wie „damit unsere Städte trotz steigender Bevölkerung und höherem Transportbedarf noch lebenswerter werden“. 

Nein, ich bin nicht mit Minister Leichtfried im Silicon Valley, sondern in Hannover und es ist der Vorabend zur Lkw-Weltleitmesse IAA. Daimler Lkw-Chef Wolfgang Bernhard gibt sich vor hunderten geladenen Journalisten aus aller Herren Länder euphorisch, ob der gerade vorgefahrenen (und geflogenen) Zukunfts-Möglichkeiten: Eine Markteinführung des 200 Kilometer schaffenden Elektro-26-Tonners sei Anfang des nächsten Jahrzehnts denkbar, 2018 soll der Elektro-3,5-Tonner – vermutlich noch ohne Drohnen am Hut – in Serie gehen. 
Nächster Tag: MAN Österreich Chef Thomas Hemmerich zeigt mir am Stand der Münchner eine optisch kaum futuristisch anmutende Sattelzugmaschine.

Erst als er ihr den Elektro-Stecker zuführt, outet sich der 18-Tonnen-TGS 4X2 als Elektro-Lkw. Bis zu 150 Kilometer seien damit möglich, Hemmerich will die Fahrzeuge schon im nächsten Jahr im Praxistest in Österreich sehen: „Der Druck unserer Großkunden, speziell aus dem Lebensmittelbereich, ist enorm!“ Auch große Speditionen und Güterbeförderer, wie beispielsweise Quehenberger, seien ungeduldig. Übernächster Tag: Zufällig mit Quehenberger-Chef Christian Fürstaller am Heimflug. „Elektrofahrzeuge sind für uns im Verteilerverkehr die Zukunft – Hybrid und alles andere was bisher war, ist kein Thema“, sagt er vollmundig. Und: „Mitte nächsten Jahres wollen wir derartige Fahrzeuge testen – wer als erstes liefern kann, kommt zum Zug!“ 

Erkenntnisse einer „e-AA“, die früher einmal eine IAA war. Die Hersteller sehen sich mittlerweile einem größeren e-Druck ausgesetzt, als sie vor kurzem noch zu ahnen wagten. Auch aus der sogenannten „New Economy“, die sich im Fahrzeugbau breit machen will und sich über jede althergebrachten Regeln hinweg setzt, vor allem was die Sicherheit anbelangt. Mit Batteriebetrieb ist es freilich nicht mehr so schwer wie früher, Lkw zu bauen: Die etablierten Hersteller haben sich zuletzt vor allem auf die aufwändige und teure (Diesel-)Motorenentwicklung konzentriert, da lag auch die eigentliche Wertschöpfung, vieles rundherum wurde zugekauft.

Die Diesel-Domäne könnte – vorweg nur im urbanen Bereich – also für sie fallen. Wo wird man dann künftig sein Geld verdienen? Mit dreimal so teuren E-Trucks wohl kaum. Und im heutigen Ertragsbringer, Reparatur und After Sales, lässt sich bei den kaum wartungsbedürftigen Elektroantrieben nicht viel holen. Daher richten Daimler, MAN & Co. Ihren Fokus auch bereits auf Dienstleistungs-Themen: Vernetzung da, eine App dort, Kommunikation überall. Die Möglichkeiten sind groß und die Potentiale für uns, genauso wie für die Diesel-blutenden Entwickler, derzeit wohl kaum abschätzbar, wo man nicht noch überall digitale Zusatzleistungen anbieten kann. Die Entwicklung wird jedenfalls rasanter fortschreiten, als sie dies die letzten 123 Jahre tat. Damals, als Herr Rudolf Diesel den, ach wie heißt er noch schnell, na egal, einen Motor erfand. 

Zurück in der Redaktion: Fernab von knisternden Stromgesprächen unterhält man sich in Österreich lieber über die Mineralölsteuer, genauer gesagt über eine Erhöhung selbiger. „Keinen Spielraum“ dafür ortet Logistik-Professor Kummer aufgrund seiner aktuellen Studie. Doch wen juckt das schon, wenn wir eh bald alle unter Strom stehen …  

Autor:
Marco Dittrich
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