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Falscher Verdacht kommt teuer

02.04.2014

Der Besitzer eines Mercedes Sprinter glaubte, sein liegengebliebenes Fahrzeug nur mit Hilfe der telefonischen Auskunft einer Fachwerkstätte selbst reparieren zu können. Ein Irrtum, der ihn schließlich teuer zu stehen kam.

Herbert Steiner, Abteilungsleiter für Transporter bei Mercedes Pappas in Wiener Neudorf, erzählte uns eine wahre Geschichte aus seinem Werkstattalltag, die manchem ambitionierten Do-It-Yourself-Schrauber zu denken geben könnte. Der Besitzer eines etwa zehn Jahre alten Sprinter rief an und begehrte technische Auskunft: Sein Turbodieselmotor starte nicht mehr, woran es denn liegen könnte. Steiner empfahl eine gründliche Überprüfung in der Werkstatt und bot dem Kunden an, den Sprinter abschleppen zu lassen. „Was könnte denn die Ursache sein“, wollte dieser aber genau wissen, und Steiner zählte ihm eine Reihe möglicher Defekte auf: So könnten unter anderem die Injektoren, die Hochdruckpumpe, der Raildrucksensor, das Regelventil, der Nockenwellensensor oder der Kurbelwellensensor defekt sein, doch die genaue Ursache ließe sich, wie gesagt, nur bei einem Werkstattbesuch feststellen.
Einige Tage später sah sich der Pappas Nutzfahrzeugspezialist mit einer unangenehmen Situation konfrontiert. Der Besitzer des Sprinter stand vor ihm und machte seinem Ärger mit kräftigen Schimpfworten Luft: Er habe alle Teile getauscht, die ihm Steiner aufgezählt hatte, und der Motor lief immer noch nicht! Steiner überzeugte den Kunden schließlich, den Wagen doch zur Diagnose in die Werkstatt schleppen zu lassen.

Chronologie der Fehlersuche:
1. Zuerst wird der Motor auf äußere Undichtheiten geprüft, alle Leitungen und Anschlussstücke werden auf austretenden Kraftstoff oder Ölverlust untersucht.
2. Mit einem Kurztest wird der Raildruck überprüft. Liegt dieser beim Starten deutlich unter 230 Bar, ist ein Fehler im Raildruckregelventil zu vermuten, das vermutlich mechanisch defekt ist. Es kann aber auch ein Fehler des Raildrucksensors dahinter stecken.
3. Die Injektoren werden auf Leckagen untersucht – dafür wird ein Messrohr auf die Rücklaufleitung gesteckt.
4. Die Hochdruckpumpe wird überprüft. Dazu benötigt man einen speziellen Hochdruckballon, der den aufgebauten Druck von bis zu 800 bar auffangen kann.
5. Der elektrische Widerstand des Drucksensors wird gemessen, um eventuelle Fehler in der Anschlussleitung aufzuspüren.
6.    Das Raildruckregelventil wird optisch überprüft. Der geschulte Kfz-Techniker erkennt eine Fehlfunktion oder defekte Dichtungen auf den ersten Blick.  

Fazit

Herbert Steiner: „Wir haben eine defekte Dichtung am Raildruckregelventil gefunden, diese ausgetauscht, und der Motor lief wieder. Die ersten Diagnoseschritte konnten wir überspringen, weil der Besitzer ja bereits alle Teile ausgetauscht hatte. Nur das Raildruckregelventil hat er nicht getauscht, weil das ganz hinten am Motor liegt und schwer zu erreichen ist. So hat er rund 3.000 bis 4.000 Euro ausgegeben, die er sich erspart hätte, wenn er gleich zu uns gekommen wäre. Die neue Dichtung kostet nur 2 Euro!“

Peter Seipel: Diagnose unter Hochdruck

Common Rail Systeme sind mit Hochdruckpumpen ausgestattet, die Drücke bis zu 2000 bar aufbauen können. Do-It-Yourself Mechaniker sollten daher lieber die Finger vom Hochdruck-Kreislauf lassen, da ihnen schadhafte Teile um die Ohren fliegen können. Die Werkstätten müssen folgende Sicherheitsvorschriften einhalten:
▶    Hochdruckleitungen dürfen niemals bei laufendem Motor demontiert werden.
▶    Nach dem Abstellen des Motors müssen Wartezeiten eingehalten werden, bis der Systemdrucks abgebaut ist.  
▶    Bei Common-Rail-Systemen der 1. Generation mit druckgeregelter Hochdruckpumpe beträgt die Wartezeit mindestens 30 Sekunden, bei Speichereinspritzsystemen der 2. Generation mit mengengeregelter Hochdruckpumpe mindestens fünf Minuten.
▶    Vor Prüfungen am laufenden Motor müssen alle Hochdruck führenden Teile untersucht werden. Leckagen und Schwachstellen bergen Verletzungsgefahren für den Kfz-Techniker.
▶    Auf jeden Fall muss bei Prüfungen am laufenden Motor ein großzügiger Sicherheitsabstand eingehalten werden.

 

Autor/in:
Peter Seipel
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