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"Telebanking während der Fahrt"

02.03.2015

Mit der Zahl der Funktionen im Cockpit wächst die Gefahr der Ablenkung vom Straßenverkehr. Das oberösterreichische Unternehmen Audio Mobil erforscht und entwickelt neue Bedienkonzepte für mehr Sicherheit und Komfort. CEO Thomas Stottan erklärt im Interview mit der KFZ Wirtschaft, wie das Cockpit der Zukunft aussehen wird.

KFZ Wirtschaft: Herr Stottan, wie viele Funktionen hat der Lenker eines modernen Pkw heute zu bedienen?

Thomas Stottan: Die Anzahl der Funktionen wächst seit rund 30 Jahren exponentiell. 1983 gab es im Fahrzeugcockpit gerade einmal sieben Funktionen: Tacho, Drehzahlmesser, Temperatur, Radio, Kassettenspieler, Tankuhr, Blinker. 2010 waren es 38 Funktionen, 2014 bereits 61, mobile Dienste wie Google Maps oder facebook eingeschlossen. Faktum ist, das die Lenker bereits seit Anfang dieses Jahrtausends, als das Navi großflächig eingeführt wurde, überfordert und stark vom Verkehrsgeschehen abgelenkt sind.

Ist diese Überforderung messbar? 

Die amerikanische National Highway Traffic Safety Administration NHTSA hat die Zeitspanne, in der das Eintippen einer Adresse ins Navi absolviert werden sollte, mit höchstens 24 Sekunden festgelegt. Während des Vorganges dürfen die Augen nicht länger als insgesamt 12 Sekunden auf das Display gerichtet sein. Wir haben gemeinsam mit dem Christian Doppler Labor an der Uni Salzburg einen Test mit neun Mittel-, Kompakt- und Oberklassefahrzeugen großer europäischer Hersteller durchgeführt. Dabei hat sich gezeigt, dass die empfohlenen Limits bei keinem einzigen Fahrzeug erreicht werden konnte, im Gegenteil. Die Probanden haben für die Aufgabe zwischen 80 und 175 Sekunden gebraucht, die Augen waren bis zu 78 Sekunden auf das Display gerichtet.

Welche Konsequenzen hat diese Überforderung?

Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass immer mehr Unfälle aufgrund von Ablenkung passieren. Dazu kommt, dass viele Leute auch während der Fahrt ihr Smartphone nutzen. Eine anonyme Umfrage hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Frauen und mehr als ein Drittel der Männer während der Fahrt telefonieren, jede dritte Frau und jeder fünfte Mann SMS schreiben und 2,2 Prozent der Frauen und 4,3 Prozent der Männer sogar Telebanking durchführen. Verbote helfen dagegen wenig, wir brauchen eine neue Interaktion zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Maschine und Umwelt.

Welche Lösung für das Problem hat Audio Mobil anzubieten?

Wir haben gemeinsam mit dem japanischen Takata-Konzern ein interaktives Lenkrad entwickelt, mit dem sich alle Fahr-, Komfort und Kommunikationsfunktionen steuern lassen. Die Tasten und Drehregler des Interactive Communication Steering Wheel iCS sind nach Farben geordnet und ermöglichen die intuitive Bedienung von Navi, Radio, Telefon und Klimaanlage ebenso wie von Blinker, Licht oder Scheibenwischer. Unsere Testpersonen haben das System bereits nach wenigen Minuten beherrscht. Der große Vorteil dabei ist, dass der Fahrer seine Hände nicht mehr vom Lenkrad nehmen muss, um auf Schalter oder ein Display in der Mittelkonsole zu tippen.

Wann wird dieses Lenkrad in einem Fahrzeug verfügbar sein?

Die Erfahrung zeigt, dass die traditionellen Automobilhersteller zehn bis 15 Jahre brauchen, bis sie sich über derart innovative Konzepte drüber trauen. Das ist auch verständlich angesichts der Tatsache, dass die Entwicklung einer neuen Fahrzeuggeneration etwa acht Jahre dauert. Es könnte aber sein, dass in naher Zukunft Quereinsteiger, die das Geschäftsmodell Mobilität verstanden haben, den Markt aufmischen und für innovative Bedienkonzepte eher aufgeschlossen sind.

Factbox: Audio Mobil

Das im oberösterreichischen Ranshofen ansässige Unternehmen wurde 1989 von Thomas Stottan gegründet und beschäftigt heute 30 Mitarbeiter. Audio Mobil erforscht und entwickelt zukunftsweisende Technologien für die internationale Automobilindustrie. Das R&D-Studio ist spezialisiert auf Informations- und Kommunikationstechnologien im Rahmen der vernetzten Mobilität. Zu den Fokusthemen zählen unter anderem die Bereiche Fahrzeugbedienung, Fahrzeug-Connectivity und Car-Infotainment. Audio Mobil übernimmt auch die Produktion von Kleinserien sowie die Bereitstellung der Produkte. Referenzkunden sind zahlreiche namhafte Automobilhersteller wie VW, Audi, BMW und Daimler. Das mehrfach ausgezeichnete Engineering-Unternehmen unterhält als Industriepartner der Universität Salzburg das Christian Doppler Labor „Contextual Interfaces". Die wissenschaftliche Einrichtung widmet sich in ihrer Forschungsarbeit der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Weitere Informationen: www.audio-mobil.com

Autor/in:
Peter Seipel
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