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Test: Kawasaki Ninja 400 - Scharfe Optik, braver Charakter

12.06.2018

Die Kawasaki Ninja 400 ist der Einstieg in die grüne Supersportlerwelt. Giftig schaut sie aus, erwachsen, potent. Sitzposition und Fahrverhalten haben mich aber überrascht und zeigen auf, warum man sich vor der kleinsten Ninja nicht fürchten braucht. 

Ergonomie

Man muss bei der Kawasaki Ninja 400 zweimal hinschauen, um zu erkennen, dass es sich um die kleinste Ninja-Schwester handelt. Die KRT-Lackierung schaut richtig scharf aus, ohne billig oder prollig zu wirken. Umso überraschter war ich beim Aufsteigen: Man sitzt recht tief im Sattel - Sitzhöhe 785 mm. Und sehr nahe am gar nicht so tiefen Lenker. Der Knieschluss ist eng, die Fußrasten sind recht weit vorne montiert. Ich sitze sehr aufrecht. Fast wie auf einem Roller. Oder anders gesagt: wenig sportlich, eher sehr komfortabel und entspannt. Auf den meisten Nakedbikes sitzt man aktiver. Sogar auf der Kawasaki Z650. Dafür ist der Windschutz ganz passabel und der Sitz nicht zu weich und nicht zu hart. Eventuell - Achtung, ganz subjektive Meinung - könnte er für Sportfahrer aber doch etwas straffer ausfallen. Die Rückspiegel schauen aus der Fahrerperspektive aus wie riesige Fühler, die Übersicht nach hinten ist bescheiden, da sich ein großer toter Winkel auftut. Dafür punktet die kleine Ninja als Fliegengewicht: 168 Kilogramm gibt Kawasaki an. Und mindestens genau so leicht fühlt sie sich beim Rangieren und Schieben auch an. Wer sich sportlich im Sattel betätigt, der wird alsbald mit der rechten Ferse am Auspuffhitzeschutz anstehen. Möchte man die kleine Ninja auf's Knie legen, muss man sich förmlich am Blech abstützen. Glücklicherweise wird das Blech nicht so heiß, dass man sich die Stiefelsohle abschmiltzt. 

Handling

Für mich ist die Sache glasklar: Die Kawasaki Ninja 400 tarnt sich als Supersportlerin, fährt sich aber wie ein Nakedbike. Vor allem beim Handling wird das offensichtlich. Während Supersportlerinnen meistens eine sehr agile, teilweise sogar nervöse Geometrie haben und mit viel Druck am Vorderrad einlenken, ist die Ninja 400 zwischen Front und Heck sehr ausbalanciert und fällt handlich aber stoisch sicher in den Radius. Es gibt kein Kippen, keine Trägheit, keine Schrecksekunden. Ein echtes Supersportlerhandling wäre für das Zielpublikum der Ninja 400 vermutlich auch zu scharf, zu radikal, zu fordernd. So gibt sich die kleine grüne Sportlerin äußert zahm, narrensicher, stets berechenbar. Wir hatten beim Testmodell Pirelli Supercorsa-Reifen montiert, also agiles, superklebriges Material. Damit ließ sich die Kawasaki absolut problemlos bis zum Rastenschleifen umlegen und trotzdem hatte der Hinterreifen noch 1,5 Zentimeter Angstrand pro Flanke. Die Highspeed-Stabilität war sehr gut und auch im Stadtverkehr kann man die kleine Ninja mühelos und spielerisch langsam wie schnell bewegen. 

Motor / Getriebe

Reden wir Tacheles: Der 399 Kubik-Reihenzweizylinder liefert 45 PS und muntere 38 Newtonmeter. Daten, die einen nicht vor Angst erzittern lassen, aber für die A2-Führerscheinbesitzer das absolute Maximum darstellen. Und ganz ehrlich: Der Motor ist gut. Der hat sogar eine gewisse Performance, die man im Winkelwerk und mit einem motivierten Piloten im Sattel nicht unterschätzen sollte. Das drückt schon an. Nicht arg, aber sehr linear von unten weg. Auffällig: Der Motor dürfte eine hohe Schwungmasse haben, da er kaum abzuwürgen ist und auch in niedrigsten Drehzahlen nicht ruppelt. Dafür ist er nicht besonders drehfreudig, schnalzt nicht in den roten Bereich, sondern fährt sehr gemächlich durch das Drehzahlband. Ab 8500-9000 Umdrehungen werden die Vibrationen zwischen den Schenkeln und am Lenker spürbar. Das Getriebe lässt sich tadellos schalten und präseniert sich im besten Sinne unauffällig. 

Fahrwerk

Die nächste Überraschung betrifft das Fahrwerk. Ich hab mich auf ein butterweiches, unpräzises Geschaukel eingestellt. Aber bereits beim Losrollen waren meine schlechten Vorahnung vergessen. Die nicht verstellbare 41-mm-Telegabel haut einen optisch nicht vom Hocker, arbeitet über deutlich straffer als erwartet. Natürlich taucht die Front ein, wenn man kräftig am Bremshebel zieht, aber es ist kein unkontrolliertes, unterdämpftes Abtauchen bis zum Anschlag, sondern da wird spürbar hydraulisch unterstützt. Klar, nicht auf Supersportler-Niveau, aber für das Preissegment ist das echt schwer in Ordnung. Selbst beim flotteren Kurvenräubern schaukelt sich das nicht auf, sondern liegt überraschend lange ganz solide auf der Straße. Das Federbein im Heck - mit verstelbarer Federbasis - schlägt in die selbe Kerbe wie die Gabel: weich, aber nicht zu weich. Das ausbalancierte Handling dürfte zum Großteil vom Fahrwerk kommen, denn Front und Heck bilden bei runder, weicher Linie eine harmonsiche Einheit, wo Feedback und Vertrauen stimmen. Ich muss zugeben, dass mich die vergleichsweise einfachen Komponenten im Praxistest positiv überrascht haben. Das fährt sehr anständig, selbst wenn man ordentlich am Hahn dreht. 

Bremsen

Die halbschwimmend gelagerte 310-mm-Single-Bremsscheibe an der Front schaut solide aus und punktet mit einem braven, dezent sportlichen Biss. Zieht man fester am Hebel, verzögert die kleine Ninja sehr kontrolliert und mit Nachdruck. Das Gefühl am Bremshebel ist gut, der Druckpunkt knackig und präzise. Das ABS setzt spürbar ein. Die Hinterradbremse ist ebenfalls gut dosierbar und hat eine sehr befriedigende Performance. Das Paket ist stimmig und ausgewogen.

Aufgefallen

Die scharfe Optik, die mir persönlich zu brave Sitzposition und die erstaunlich gute Verarbeitung und Detailliebe. Ob Plastikverkleidungen, Lackierung, Spaltmaße und Gußteile - alles wirkt wie von einem Bike einer höheren Preisklasse. Gefällt mir gut. 

Durchgefallen

Die Rückspiegel. Ich finde sie weder optisch appetitlich noch praktisch. Trotz mehrerer Versuche eine gute Einstellung zu finden, hat es einfach nicht sein sollen und ich hatte immer einen großen toten Winkel. Schade, geht besser. 

Testurteil: Kawasaki Ninja 400

Sie ist keine reinrassige Sportlerin, darin fehlt ihr in allen Belangen die Kompromisslosig- und Bissigkeit. Die Ninja 400 ist aber ein sehr interessantes Bike für A2-Fahrer, die etwas leichtes, handliches und unkompliziertes für den Alltag suchen. Sie überfordert nie, macht Spaß, kann zügig, kann langsam und alles dazwischen. Einzig der Startpreis von 6899 Euro ist - in Relation zur Ninja 650 mit 8999 Euro - für mein Empfinden zu hoch. Und eine KTM RC 390 gibt es schon um 5998 Euro. Da muss man schon ein großer Kawasaki-Fan sein, um der grünen Marke treu zu bleiben.

Testurteil: Kawasaki Ninja 400, by p.bednar

Mehr Infos zur Kawasaki Ninja 400

Mit freundlicher Unterstützung von TOTAL Austria

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