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„Wir bauen Supercomputer auf Rädern“

18.12.2014

Das Wiener High-Tech Unternehmen TTTech hat ein zentrales Steuergerät für sämtliche Fahrerassistenzsysteme entwickelt und damit einen Meilenstein auf dem Weg zum autonomen Fahren gesetzt. Die KFZ Wirtschaft sprach mit TTTech-Vorstand Stefan Poledna über die Perspektiven der neuen Technologie.

KFZ WIRTSCHAFT: Herr Poledna, die TTTech hat Computer-Technologien entwickelt, die im jüngsten NASA-Raumschiff Orion ebenso eingesetzt werden wie in den kommenden Premium-Modellen von Audi. Wie haben Sie das geschafft?

STEFAN POLEDNA: Wir sind natürlich stolz darauf, als Wiener Mittelstandsunternehmen von der NASA beauftragt worden zu sein, das komplette Kernnetzwerk für die Raumkapsel Orion zu entwickeln. Wir haben uns in den vergangenen 15 Jahren mit der Entwicklung von robusten, fehlertoleranten Vernetzungslösungen wie zum Beispiel Fly-by-wire einen Namen gemacht und dürfen nun behaupten, auf diesem Gebiet weltweiter Technologieführer zu sein. So haben wir zuverlässige Lösungen für Passagierflugzeuge der Marken Airbus und Boeing in den Markt gebracht und arbeiten auch daran, zuverlässige Lösungen für die Automobilindustrie anzubieten, die immer mehr Sensoren zur Überwachung des Verkehrsgeschehens einsetzt und immer mehr Fahrfunktionen automatisiert. Je komplexer die Sache wird, umso besser passt unsere Technologie dazu.

Was leistet das von TTTech für Audi entwickelte Steuergerät zFAS konkret im Fahrbetrieb?

Das zentrale Fahrer Assistenz System, kurz zFAS, verarbeitet alle Informationen, die von den Kameras sowie den Laser- Radar- und Ultraschallsensoren des Fahrzeugs gesammelt werden. Erstmals können wir so ein vollständiges Modell der Fahrzeugumgebung erstellen, auf das die einzelnen Fahrerassistenzsysteme zugreifen. So verwendet beispielsweise das von Audi entwickelte pilotierte Fahren die vom zFAS berechneten Umfeld-Informationen. Das Steuergerät gibt die Kommandos für Lenken, Fahren und Bremsen.

Schon heute hat ein Mittelklassewagen etwa 60 Steuergeräte an Bord. Ist diese Vielfalt noch beherrschbar?

zFAS ist Teil einer revolutionären Backbone-Architektur, welche die zahlreichen, bisher räumlich voneinander getrennten Steuergeräte durch Hochintegration zusammenfasst. Das zFAS-Board hat heute noch die Größe eines kompakten Notebooks, wird aber im Zuge der Entwicklung weiter verkleinert werden. In der Summe haben die Prozessoren auf dem zFAS-Board eine Rechenleistung, die der kompletten Elektronik-Architektur eines heutigen Audi A4 entspricht. Erstmals kommt damit im Auto ein kleiner Supercomputer zu Einsatz, der mehr als 10 Gigabyte Daten verarbeitet.

Wann wird das pilotierte Fahren marktreif sein?

Grundsätzlich geht es beim pilotierten Fahren um die Vermeidung von Unfällen und die Steigerung des Komforts. Die Entwicklung geschieht Schritt für Schritt und nicht mit einem großen Knall. So hat Audi kürzlich an der CES seinen Parkpilot vorgestellt, der mit unserem System arbeitet. Die Funktion wird im Auto aktiviert, der Fahrer steigt aus, gibt per Smartphone-App den Park-Befehl, und das Fahrzeug parkt völlig selbstständig am Straßenrand oder im Parkhaus ein. Die nächste Stufe wird dann das automatisierte Autobahnfahren sein, bei dem der Fahrer die Hände vom Lenkrad nehmen und Zeitung lesen oder mit dem Laptop arbeiten kann. Das ist auf der Autobahn relativ leicht umzusetzen, da es dort keine Fußgänger, Radfahrer oder Gegenverkehr gibt.

Steuern diese Systeme ein Auto tatsächlich sicherer als ein aufmerksamer Lenker?

Die Sensoren schauen immer gleichzeitig in alle Richtungen und können so auch Gefahren erkennen, die ein Mensch leicht übersieht. Radar lässt sich selbst von Nebel und Gegenlicht nicht beeindrucken. Außerdem ermüdet ein Computersystem im Unterschied zum Menschen auch nach einer mehrstündigen Fahrt nicht und hat eine deutlich schnellere Reaktionszeit. Versuche haben gezeigt, dass der Computer das Auto aus einer Geschwindigkeit von 50 km/h bereits zum Stillstand gebracht hat, wenn der Mensch erst beginnt, auf das Bremspedal zu treten.

Müssen die Werkstätten in Zukunft Computerspezialisten anstellen, um Reparaturen am Fahrzeug durchführen zu können?

Die neuen Steuercomputer im Fahrzeug sind permanent online und überwachen selbst ihre Funktionen. Treten Fehler auf, werden diese via Telematik an die Werkstatt gemeldet. Die Systeme sind so aufgebaut, dass die komplette Signalübertragungskette mit einem Diagnosegerät überprüft werden kann – das ist ja auch heute schon Werkstattalltag.

Vielen Dank für das Gespräch!

Facts TTTech Computertechnik AG 

Gründung: 1997 als Spin-off der TU Wien von Prof. Hermann Kopetz, seinem Sohn Georg Kopetz (Jurist) und Stefan Poledna (Techniker).

Kerntechnologie: Zeitgesteuerte Systeme zur sicheren und fehlertoleranten Datenübertragung.

Referenzkunden: Audi, Boeing, Airbus, Vestas, Nasa.

Mitarbeiter: ca. 360 weltweit.

Jahresumsatz: ca. 45 Millionen Euro.

Webseite: www.tttech.com

Autor/in:
Peter Seipel
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