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"Wir werden von Ost und West überholt"

05.11.2014

Schon 2020 werden Elektroautos den Kfz-Markt in Europa komplett auf den Kopf stellen, ­prophezeit Manfred Schrödl, Vorstand des Instituts für Energiesysteme und elektrische Systeme an der TU Wien, im Interview mit der KFZ Wirtschaft.

KFZ Wirtschaft: Herr Schrödl, was macht Sie so sicher, dass der rein elektrische Antrieb den Verbrennungsmotor verdrängen wird?

Manfred Schrödl: Wenn Sie sich den Antriebsstrang eines Verbrennungsmotorfahrzeugs im Vergleich mit dem eines E-Fahrzeugs anschauen, dann bemerken Sie auf der einen Seite ein überaus komplexes System aus Kolbenmotor und diversen Nebenaggregaten, das die Energie aus Erdölprodukten zu maximal 35 Prozent in Bewegung umsetzt. Auf der anderen Seite kommt der Elektroantrieb ohne Getriebe, Kupplung, Auspuff, et cetera aus, benötigt viel weniger Platz im Fahrzeug und hat einen Wirkungsgrad von 94 Prozent. Dieses Bild spricht für sich.

Elektroautos sind jedoch deutlich teurer und haben eine geringere Reichweite. Wann werden diese Probleme gelöst sein?

Heutzutage macht die Batterie noch 40 Prozent der Kosten eines Elektroautos aus, doch die Preise befinden sich rasant im Sinkflug. 2011 hat eine Kilowattstunde Speicherkapazität noch 500 Euro gekostet, im Jahr 2013 waren es nur noch 200 Euro. Wenn Tesla-Chef Elon Musk nun in drei Jahren gemeinsam mit Panasonic seine Gigafactory in Nevada ­eröffnet und Lithium-Ionen-Batterien am Fließband produziert, wird der Preis weiter um mindestens ein Drittel sinken. Es ist daher abzusehen, dass es schon im Jahr 2020 Elektroautos mit rund 350 Kilometer Reichweite um etwa 30.000 Euro geben wird. 

Für die europäischen Autohersteller ist die Elektromobilität bisher ein Randthema, die meisten forcieren den Hybridantrieb. Setzen sie auf das falsche Pferd?

Die großen europäischen Hersteller und Zulieferer wollen ihre Strukturen erhalten, die nun einmal auf dem Verbrennungsmotor basieren. Sie laufen dabei aber Gefahr, den Zug zu versäumen, der längst abgefahren ist. Auch China investiert derzeit Milliarden in die Entwicklung der Elektromobilität. Wir werden in Europa also gerade von Ost und West überholt. 

Skeptiker werfen unter anderem ein, dass für den Bau der Elektromotoren seltene Erden wie Neodym benötigt werden, die nur in China vorkommen.

Tatsächlich sind die Preise für seltene Erden im Jahr 2012 um das Zehnfache gestiegen, als China seine Monopolstellung erkannt und ausgenutzt hat. Daraufhin haben findige Ingenieure aber Elektromotoren entwickelt, die ohne seltene Erden auskommen, wie die Kupferläufer-Asynchronmaschine im Tesla Model S oder den Synchronmotor im Renault Zoe. Die Preise für seltene Erden sind daraufhin rasch wieder gesunken.  

Welche Chancen und Risiken sehen Sie für die österreichische Automobilwirtschaft im Zusammenhang mit der Elektromobilität?

So simpel ein Elektroantrieb auch ist, gibt es in den Bereichen Effizienzsteigerung, Leichtbau und Elektronik noch zahlreiche Entwicklungsmöglichkeiten. An meinem Institut entwickeln wir elektrische Maschinen, Antriebe und Steuergeräte im Auftrag von OEMs unter anderem aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Die Hersteller und Zulieferer von Verbrennungsmotoren und Getrieben werden sich aber ebenso wie die Ölindustrie und auch die Werkstätten auf harte Zeiten einstellen müssen. Ein Elektroauto braucht schließlich keinen Ölwechsel mehr und muss kaum noch gewartet werden. 

Autor/in:
Peter Seipel
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