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Der Provokateur

21.04.2017

Ein Jag also. Britisches Kulturerbe. Ein bisschen Mythos. Ein bisschen Bubentraum. Ein bisschen Aristokratie. Und ganz viel Emotion. Eigentlich. Oder doch nicht?
 

Wofür steht Jaguar heute noch? Und ist ein moderner Jaguar überhaupt noch ein britischer Jag wie einst der legendäre E-Type? So viele Fragen und ein Auto, der Jaguar XF, das nun stellvertretend die Antworten geben muss. Beginnen wir am Anfang: Jaguar hat als Marke noch immer den Nimbus der Upperclass. Dabei kann man heute problemlos als Normalverdiener einen Jaguar XE (das Einstiegsmodell in die Jag-Welt) fahren. Vergleichbare deutsche Premiummodelle kosten mitunter mehr. Den Jaguar XF gibt es im Full-Service-Leasing bereits ab 458 Euro pro Monat. Unser Testmodell kostet knapp 86.000 Euro. Das liegt vor allem an den vielen Kreuzchen bei der Sonderausstattung und der stärkeren Motorisierung.

Klassisch, souverän, elegant

Ob reichhaltig ausgestattet oder nicht, der XF ist ein Blickfang quer durch alle Bevölkerungsschichten – egal ob klein oder groß, alt oder jung, männlich oder weiblich. Der Jag macht an - keine Frage. Dabei ist der Farbton „Odyssey Red“ (ein Weinrot) eher edel und gediegen als auffällig und laut. Dann muss es die Formensprache sein. Dabei ist die Grundform eher mainstreamig als besonders individuell. Da waren manche Vorgängermodelle deutlich eigenständiger. Trotzdem: Der Jag kommt an. Auch der Sound war eher milde (Diesel) als besonders auffällig. Ohne zu viel hinein­interpretieren zu wollen: Vielleicht haben die Modelle einfach eine spezielle Aura, die man nicht sieht, aber spürt. Oder es liegt an der britischen Zurückhaltung per se. Denn natürlich steht die Karosse einen Hauch sportlicher, einen Tick kantiger da als so mancher deutsche Kollege. Es dürften doch die Kleinigkeiten sein, die Nuancen, die den Unterschied ausmachen. 
Der Innenraum schließt dann wieder an alte Jaguar-Traditionen an. Statt im klassischen Beige sind Gestühl und Türverkleidungen mit braunem Leder tapeziert. Die Walnusspaneele sind hingegen typisch britisch: very nice. Gut integriert sitzt man in den elektrischen Sportsitzen, der etwas höhere Mitteltunnel separiert Fahrer und Beifahrer auf eine sympathische Weise. Das Armaturenbrett ist volldigital und ändert das Design je nach eingelegtem Fahrmodus. Das üppig mit Knöpfen beladene Lenkrad hat offensichtlich mehr Aufgaben als nur die Richtungsänderung. Der Automatikwahldrehknopf samt Fahrmodi-Schalter (bekannt aus den Land Rovers) liegt omnipräsent zwischen den Stühlen. 
Etwas fahl wirken die blau illuminierten Bedientasten unterhalb des großen Displays. Da siegten wohl die Ingenieure.

Der Jag mit 300 PS

Gar nicht nüchtern zeigt sich der antrittsstarke 3-Liter-Sechszylinder-Dieselmotor. Mit 300 PS und satten 700 Newtonmetern Drehmoment geht es hurtig (in 6,2 Sekunden) auf 100 km/h und weit darüber hinaus. Erst bei 250 km/h ist Schluss. Entscheidend: Die 700 Nm liegen bereits bei 2000 Umdrehungen an, praktisch Standgas. Dementsprechend übersouverän geht es in allen Lebenslagen vorwärts. Da würde es gar nicht auffallen, wenn die achtstufige Automatik die Gänge falsch selektierte – tut sie aber sowieso nicht. Auffällig: Im Innenraum ist der Motorsound gar nicht dieselhaft. Haben die Sounddesigner gut hinbekommen. Auf der Autobahn ist der Jag am besten ­aufgehoben, da man im letzten Gang mühe­los noch immer genug Dampf zur Verfügung hat, um g’schwind einem Drängler die lange Nase zu zeigen. In der Stadt hingegen ist der 1,75-Tonner mit seinen fast fünf Metern Länge ­etwas schwer zu manövrieren, da die Übersicht durch die schmale Heckscheibe ohne Rückfahrkamera eher bescheiden ausfällt. Kurvige Landstraßen mag der Brite deutlich lieber. Den Sport-Fahrmodus braucht es dabei gar nicht, um mit viel Feedback und genügend Reserven durch die Radien zu surfen. Der voluminöse Kofferraum (540 Liter) plus der Sitzkomfort in der zweiten Reihe machen auch Reisen zu viert möglich.

Drückt man den Sport-Knopf, schaltet das Getriebe deutlich später hoch und früher runter. Gefühlt wird das Fahrwerk nur minimal straffer, dafür werden die Wankbewegungen weniger. Aber eigentlich passt das scharfe Kurvenanbremsen und zackige Einlenken nicht zum Briten. Zwar kann er es, und für seine Größe samt Länge und Gewicht macht es auch Spaß, aber seine Kernkompetenz ist das Gleiten mit genügend Dampf in Reserve. Im direkten Vergleich mit deutschen Businesslimousinen dieses Kalibers würden wir urteilen, dass sich das Jag-Feeling etwas verändert hat. Ja, es gibt die Momente, in denen man spürt und fühlt, dass man in keinem „normalen“ Auto sitzt. Es sind vor allem die Blicke von außen, die einem unmissverständlich klarmachen: Hey, du hast ein schönes Auto. Und neidische Blicke gibt es kaum – der Jaguar-Fahrer kommt anscheinend sympathisch rüber. Ein großes Aber bleibt: Denn blendet man die Außenwahrnehmung aus, spürt man zwar, dass man in einem hochwertigen, ausgefeilten Fahrzeug sitzt, aber würde die springende Raubkatze am Lenkrad verdeckt werden, es wäre selbst für erfahrene ­Autotester schwer, den Jag im Jaguar ausfindig zu machen. Vielleicht liegt das daran, dass die Autos in diesem Segment allesamt schon so dermaßen gut sind, dass die Unterschiede einfach immer kleiner und kleiner werden. Oder anders gesagt: Gönnen Sie Ihrem Jaguar XF 30d R-Sport ein British Racing Green, die Walnuss­paneele und das beige Interieur, und der Brite ist wieder als solcher zu ­erkennen. 
Offensichtlich sind es wirklich die Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. Obwohl Weinrot mit braunem Leder trotzdem eine schicke Alternative darstellt.

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