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Der traditionelle Fuhrpark kommt KMU schön langsam richtig teuer. Aber wie alltagstauglich sind nun E-Nutzfahrzeuge?

E-Nutzfahrzeuge in der Praxis

06.07.2021

E-Fahrzeuge boomen. Aber wie bewähren sie sich in der Praxis? Wir sprachen mit einem Mobilitätsexperten und den Eigentümern zweier unterschiedlich großer Tischlereibetriebe.

Dem Verbrennungsmotor geht es langsam, aber sicher an den Kragen. Denn CO2-neutrales Fahren hat sich die Politik als eine zentrale Maßnahme zum Erreichen der gesetzten Klimaziele auf die Fahnen geheftet. Aber sind E-Autos wirklich die Lösung aller Probleme? Und wie praktikabel sind diese derzeit überhaupt, vor allem im Bereich professionell eingesetzter Nutzfahrzeuge? Wir haben mit einem Experten und mit Unternehmern gesprochen, die E-Fahrzeuge bereits im Einsatz haben. 

„Aktuell ist das verstärkte Setzen auf E-Mobilität der notwendige Schritt in die richtige Richtung. Man muss den Weg der Suche nach alternativen Antrieben konsequent und intensiv weitergehen – aber dieser wird 2030 nicht zu Ende sein. Die aktuellen Prognosen sind für mich etwas zu überschwänglich“, sagt Sebastian Schlund, Vorstand des Instituts für Managementwissenschaften an der Technischen Universität (TU) Wien und Stiftungsprofessor im Auftrag des Klimaschutzministeriums (BMK) für Industrie 4.0. „Damit die Transformation der Mobilität gelingt, braucht es vernünftige Angebote und praktikable Alternativen. Von heute auf morgen wird eine komplette Umstellung sicher nicht funktionieren, vor allem nicht im Güterverkehr.“ 

Der Experte glaubt an eine Übergangsphase mit Mischkonzepten, die die nächsten zehn bis zwanzig Jahre andauern wird. Dabei werden Verbrennungsmotoren, Hybridkonzepte, Stromer und noch in der Testphase befindliche Technologien wie Wasserstoff-Antriebe eine Rolle spielen. Die Dauer dieser Phase hängt von der Akzeptanz der Nutzer sowie den Vorgaben und der Unterstützung vonseiten der Politik ab. Damit sind u. a. zeitliche Ziele gemeint, bis wann eine komplette Abgasvermeidung erreicht sein soll, aber auch Förderungen – diese sind zumeist die erste Stufe des Eingreifens, gefolgt von bzw. kombiniert mit eingeschränkten Zulassungen und Verboten. 

Neben dem stufenweisen Übergang von fossilen zu umweltfreundlichen Kraftstoffen bzw. Antrieben geht es um die Digitalisierung der Mobilitätsnutzung und den Wandel zu einer multimodalen Mobilität – also der Kombination verschiedener Verkehrsträger. Die mobile Zukunft wird also „grün und vernetzt“.

Geteiltes Auto

Eine weitere Möglichkeit, die Zeit auf der Straße effektiver zu nutzen und damit Kosten zu sparen, ist Car-Sharing. Was im Privaten und in der Stadt bereits gut funktioniert, ist in der betrieblichen Nutzung – vor allem im ländlichen Raum – noch nicht sehr stark etabliert. Für die nähere Zukunft sieht TU-Professor Schlund ­allerdings ein großes Potenzial für Handwerk und Gewerbe. Voraussetzung für ein gutes Funktionieren ist eine Vernetzung der Nutzerdaten, also eine Digitalisierung der Mobilität im Kleinen, um zum Beispiel die Fahrzeugreservierung digital abwickeln zu können. In weiterer Folge ist das auch der Grundstein für weiterführende Mobilitätskonzepte zur Planung größerer Ladungen, Einbindung des Schienenverkehrs und dergleichen. 

Von der Theorie zur Praxis

Als Tischlermeister Anton Hirscher vor sieben Jahren sein erstes E-Auto, einen zweisitzigen Elektro-Smart, anschaffte, wurde er noch ausgelacht. Heute hat er viele Kollegen von seinem Ansatz überzeugt und ist fast ausschließlich elektrisch mobil: „Wenn man einmal umgestiegen ist, will man nicht mehr zurück. Diese Art des Fahrens ist sauber, leise, kraftvoll und güns­tig.“ Bis auf zwei Lkw mit Dieselantrieb, für die es noch keine gute umweltfreundliche Alternative gibt, ist der gesamte Fuhrpark der Tischlerei mit Strom betrieben. „Damit sind wir bei Kundenbesuchen und den meisten Liefer- bzw. Montagefahrten komplett und problemlos elektrisch unterwegs“, so Hirscher, dessen Familienbetrieb elf Mitarbeiter zählt. 

Die Fahrzeug-Flotte mit zwei Klein-Lieferwägen mit einer Reichweite von 350 Kilometern und zwei achtsitzigen Montagebussen mit einer Reichweite von 200 Kilometern (einer dieser Busse soll auch künftig von einem Teil der Mitarbeiter für den gemeinsamen Arbeitsweg genutzt werden) fällt durch die Aufschrift „Tischlerei Hirscher fährt elektrisch“ zusätzlich 
positiv auf. 

Knackpunkt Reichweite

Die Reichweite ist für den überzeugten Elektroauto-Fahrer der ersten Stunde grundsätzlich keine Ausrede – vor allem wenn ein Betrieb vornehmlich regional arbeitet. Bei weiteren Strecken stellen die Lademöglichkeiten und die Lade­geschwindigkeit zum Teil noch eine Herausforderung dar. Auch die Nutzlast ist ein Thema: „Für große E-Nutzfahrzeuge sind Markt und Technik noch nicht ausgereift. Aber bei Pkw, Klein-Lkw und Montagebussen kann man als Gewerbebetrieb problemlos auf E-Mobilität setzen“, so Anton Hirscher, für den die Pluspunkte klar überwiegen. Zur Umweltfreundlichkeit und einem Imagegewinn gegenüber den Kunden kommen wirtschaftliche Vorteile hinzu: Dazu zählen der enorm günstige Betrieb – der Strom für eine Fahrt von 100 Kilometern kostet den Unternehmer rund dreißig Cent.

Reine Elektrofahrzeuge sind sowohl von der Normverbrauchsabgabe als auch von der motorbezogenen Versicherungssteuer ausgenommen. Fahrzeuge mit Elektro- und Verbrennungsmotor, sogenannte Plug-in-Hybride, sind bei der motorbezogenen Versicherungssteuer nur für den verbrennungsmotorischen Anteil steuerpflichtig. Für die Privatnutzung von rein elek­trischen Firmenfahrzeugen fällt der Sachbezug von 1,5 bis 2 Prozent (je nach Fahrzeug) auf null. Zudem wurde der Fördertopf für 2021 neu 
gefüllt und unterstützt die Anschaffung maßgeblich. 

Ein durchdachtes Konzept

Den Strom für die beiden hauseigenen 22 KW-Ladestationen liefert die 30-KW-Photovoltaikanlage am Dach der Tischlerei. Diese installierte Anton Hirscher zeitgleich mit der Anschaffung des ersten E-Autos. Mittlerweile hat sich die Investition durch die gesparten Stromkosten amortisiert. Sobald ein Auto nicht genützt wird, wird es angesteckt. Das Laden kann auch via Handy-App ferngesteuert werden und führt zu einer weiteren Optimierung. Für diese Kombination, die heute schon viele Nachahmer gefunden hat, erhielt man 2015 das „Umweltblatt Salzburg“, zudem ist man als Klimabündnisbetrieb zertifiziert. Das bedeutet u. a., dass man nicht nur bei der Mobilität, sondern auch bei der Wärmegewinnung umweltfreundlich unterwegs ist: Das komplett aus Holz gebaute Betriebsgebäude wird mittels einer Hackschnitzelheizung, gespeist mit Tischlereiabfällen, beheizt. „Es war mir wichtig, unsere Kunden mittels dieses Siegels über unser Umweltengagement zu informieren – und der Werbewert ist und war ein guter“, berichtet Hirscher.

Gute Lösung für kurze Strecken

Für Ulrike Reischl-Kaun, Tischlermeisterin und Geschäftsführerin von „Kaun – die Tischlerin“, stellt sich die Situation etwas anders dar. Das Hauptgeschäft ihres 90 Mitarbeiter zählenden Betriebs in St. Florian in Oberösterreich liegt im Objektbereich. Dementsprechend groß ist auch der Fuhrpark: Dieser zählt insgesamt 40 Fahrzeuge, bestehend aus Pkw, Klein-Lkw und Kleinbussen. Ergänzend zum „klassischen“ Fuhrpark sind Verkäufer und Bauleiter mit vier E-Pkw ­unterwegs. Die entsprechende Lade­infra­struktur ist in der Firma vorhanden. „Dieser Einsatz­bereich funktioniert gut, vor allem für Kurzstrecken. Für längere Fahrten sehe ich noch ein Problem bei Ladestationen und -zeiten. Und für unseren Hauptgeschäftszweig – die Produktion, Lieferung und Montage von Fenstern und Türen für Großprojekte, die auch nicht immer vor der Haustüre liegen – gibt es noch nicht die passenden Elektro-Fahrzeuge“, sagt Ulrike Reischl-Kaun. Genau deshalb sehen viele Unternehmer auch die geplante Ausweitung der NoVA auf leichte Nutzfahrzeuge kritisch. Für Reischl-Kaun sind diese Maßnahmen „versteckte Steuererhöhungen, die wieder einmal die Unternehmen zu stemmen haben.“

Auch das Thema Car Sharing sei für einen Betrieb ihrer Größe schwer umzusetzen, da jeder Monteur mit einem eigens für ihn ausgestatteten Fahrzeug unterwegs ist. Dennoch denkt die Unternehmerin, dass eine sukzessive Umstellung in den nächsten Jahren kommen wird – wenn die Technik entsprechend ausgereift ist. 

Infrastruktur: Luft nach oben 

Luft nach oben orten sowohl Anton Hirscher als auch Ulrike Reischl-Kaun bei der Ladeinfrastruktur und der Batterietechnik: Zum einen, was die Möglichkeiten der Stromspeicherung und die Leistung betrifft, zum anderen, was die Entsorgung angeht. Denn hier sei noch lange nicht „der Weisheit letzter Schluss erreicht“. Neben Forschung und finanzieller Unterstützung regt die Unternehmerin eine Vorbildfunktion der Politik an: So könnte zum Beispiel die Polizei auf E-Autos umsteigen, um die Aufmerksamkeit und die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen. 
 

Autor/in:
Gudrun Haigermoser
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