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Nadelstreif & Techno

21.04.2017

Allein der Schlüssel des neuen BMW 5er verdeutlicht, dass die Businessclass neu zu definieren ist. Der Zündschlüssel beherbergt einen kleinen Touchscreen, ähnlich einem Smartphone, der fast alles weiß: Restreichweite, ob der Alarm eingeschaltet ist, welche Fenster offen oder geschlossen sind, wie die Klimaanlage eingestellt ist.

Hallo, das ist ein Autoschlüssel, kein iPad. Aber gut, das ist automobiler Luxus anno 2017. Irgendwie geil, aber ein Hauch Dekadenz schwingt mit. Falco hätte es gefallen. Dafür braucht man nicht ins Handbuch zu schauen, um mit dem Star Trek-Schlüssel den 5er zu öffnen und anzustarten.

Praktisch: Der Hightech-Schlüssel wird in der Mittelkonsole auf eine bestimmte Ladefläche gelegt und kabellos aufgeladen. Im 5er Platz genommen, stellt sich schnell das Gefühl des Chefs ein: weiches, hellbeiges Leder, perfekt verarbeitet. Sitze und Lenkrad werden natürlich vollelektrisch verstellt. Die tadellose Fahrerergonomie ist sogleich gefunden. Das Glattlederlenkrad ist ebenfalls angenehm weich und dennoch griffig. Hier sitzt alles wie ein Maßanzug. Und sollte es doch einmal wo kneifen, ein kleiner Dreh hier, ein Drücker da, und schon wird die Lendenwirbelsäule mehr oder weniger gestützt und die Sitzwangen packen fester oder leichter zu.

Ergonomie und Sitzkomfort: Eins plus. Auch in der zweiten Reihe sitzt man fast herrschaftlich gemütlich. Wirft man den 3-Liter-Sechszylinder-Diesel einmal an, startet das Mäusekino: volldigitales Dachboard, Head-up-Display, riesiges Multimediadisplay inmitten des Armaturenbretts. Gesteuert wird alles über das BMW-typische iDrive-Touchdrehrad, inklusive den angesetzten Schnellfunktionstasten wie Media, Communication, Navi usw. Die Bedienung ist großteils selbsterklärend, trotzdem gilt es, sich durch zig Einstellungsmöglichkeiten und Untermenüs zu klicken. Einerseits ist der Funktionsumfang riesig und zu groß, um alles hier aufzuzählen, anderseits ist ein gewisses Ablenkungs­risiko durchaus gegeben.

Simplifikation durch Sprache und Gestik

Die bayrischen Ingenieure dürften das auch so sehen, darum bietet der 5er eine formidable Sprachsteuerung. Ein Knopfdruck aktiviert das System und schon kann man seinem 5er alles sagen, was man machen möchte. Nach jedem Sprachbefehl dauert es einen kurzen Moment und das System folgt der Anforderung. Den Radiosender mündlich zu ändern, dauert zwar länger als manuell; möchte man aber in die Wachau navigieren, reichen ein paar Schlagwörter und Ortschaften. Der 5er programmiert sein Ziel von selbst und die weibliche, gar nicht mehr so sterile Computerstimme gibt den Weg vor. So muss Sprachsteuerung sein.

Ein weiteres Bedien-Gimmick ist die Ges­tensteuerung. Um beispielsweise die Musik zu regeln, braucht man nur mit dem Zeigefinger Richtung Display zu zeigen und den Finger nach rechts oder links zu drehen, um wahlweise lauter oder leiser zu stellen. Auch das funktioniert ausgesprochen gut. Ob man es braucht oder nicht, sei dahingestellt, aber es macht Spaß und sorgt für große Augen bei jedem Mitfahrer. Blöd nur, wenn jemand wild gestikulierend neben einem sitzt, denn dann geht auch die Harman-Kardon-Soundanlage impulsiv mit.

Die italienische Schwiegermama sollte vorgewarnt werden. Da der 5er aber noch so viele weitere Features bietet, wie beispielsweise eine vollverstellbare Ambientebeleuchtung oder ein individuelles Fahrerprofil, dank dem alles auf den jeweiligen Nutzer abgestimmt werden kann, belassen wir es dabei und kürzen ab: Die Bezeichnung „volle Hütte“ ist hier mehr als zutreffend. Lediglich zwei Luxus-Features konnten wir nicht finden: Massagesitze und Sitzkühlung. Ehrlicherweise sind sie uns aber auch nicht abgegangen. Vielleicht waren sie ja auch im Untermenü versteckt. Eine Kleinigkeit ist äußert durchdacht: Der Knopf für die Lenkradheizung sitzt direkt unter der Hupe. So geht ­Bedienergonomie.

Genug zum Interieur, wie fährt sich der 5er? Ganz genau so, wie er aussieht: souverän, selbstsicher und mit einem Pfiff Würze. Ohne Vorurteile auspacken zu wollen, aber die BMW-Jungs haben es geschafft, auch das 1,8-Tonnen-­Luxusgefährt so abzustimmen, dass man über die präzise Lenkung sehr viel Feedback bekommt und stets genau weiß, was der 5er tun möchte.

Komfort im Sportmodus mit 265 PS

Der Allrad und die dicken 20-Zöller bieten dabei so viel Traktion, dass das Heck kaum kommen mag. Und falls doch, ist die Elektronik schneller da, als man denken kann. Kategorie: narrensicher, trotz 265 Dieselpferden und 620 Newtonmetern. Dass trotz der sportlichen Niederquerschnittbereifung der Fahrkomfort nicht auf der Strecke bleibt, liegt am hervorragenden Fahrwerk. Im Komfortmodus ­bügelt man alles glatt, was der Reifen überrollt. Selbst im Sportmodus ist genügend Restkomfort vorhanden, um Asphaltkanten ohne Bandscheibenvorfall zu überstehen.

Werter Leser, glauben Sie mir, Autos gegenüber sind wir sehr kritisch. Aber trotz einer intensiven Woche im 5er-BMW ist es schwer, Kritik zu üben. Sogar das Einparken ist dank der vielen Kameras – trotz 4,94 Meter Länge – ein Kinderspiel. Der Motor geht gut, der Verbrauch von acht Litern auf 100 Kilometer ist für den Luxus und die Power fast nichts.

Wo also ansetzen? Vielleicht beim Preis. Der Listenpreis der Testversion (inklusive der übervollen Ausstattung) beträgt 94.545,97 Euro. Da werden selbst einige Geschäftsführer und Inhaber schlucken müssen. Rechtfertigungshilfe: Man bekommt beim neuen 5er eine elegante Businesslimousine, einen iPhone-Zündschlüssel und so viel Rechenpower, dass sich ein Trip zum Mond und wieder retour locker ausgehen würde. Und das Gefühl, jeden Tag den Luxus der Businessclass auf vier Rädern erleben zu können. 

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