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Importeurssprecher Günther Kerle im KFZ Wirtschaft-Interview

Autofreundliche Politik

19.12.2018

GÜNTHER KERLE, Sprecher des Arbeitskreises der Automobilimporteure, bilanziert im KFZ Wirtschaft-Interview das Jahr 2018, spricht über die Umstellung auf WLTP und erklärt, warum die Zusammenarbeit mit den Protagonisten der neuen Regierung so gut funktioniert.

Günther Kerle
Importeurssprecher Günther Kerle
DATEN & FAKTEN

WLTP
Seit 1. September 2018 gilt der neue Abgastest WLTP (Worldwide harmonized Light Vehicle Test Procedure) zur Ermittlung der Verbrauchswerte von Pkw. WLTP löst den Messzyklus NEFZ (Neuer europäischer Fahrzyklus) ab und soll dazu dienen, realitätsnähere Verbrauchsangaben zu liefern. Aufgrund des Messzyklus fällt die NoVA (Normverbrauchsabgabe) deutlich höher aus als bisher. Das Finanzministerium hat den Automobilimporteuren bereits zugesagt, dass bis Anfang 2020 eine neue Formel entwickelt werden soll. Die Automobilimporteure plädieren in Anbetracht der für 2019 angekündigten Steuerreform dafür, bei den automotiven Steuern den Fokus vermehrt auf die Faktoren Nutzung und Verbrauch anstatt auf Besitz und Leistung zu legen.

 

E-MOBILITÄTS-BONUS
Gemeinsam mit Umwelt- und Infrastrukturministerium hatten die Automobilimporteure ein Aktionspaket zur Förderung der Elektromobilität geschnürt. Der sogenannte E-Mobilitäts-Bonus wurde in den Jahren 2017 und 2018 gut angenommen und wird nun über das Jahr 2018 hinaus fortgesetzt. Was wird gefördert? Der Kauf eines Pkw mit reinem Elektroantrieb oder eines Brennstoffzellenfahrzeugs wird mit 4.000 Euro gefördert. Plug-in-Hybride und Range Extender mit elektrischer Reichweite von zumindest 40 km erhalten eine Förderung in der Höhe von 1.500 Euro. Auch die Ladeinfrastruktur wird in Form eines Bonus in Kombination mit der E-Pkw-Förderung in der Höhe von 200 Euro pro Wallbox oder intelligentem Ladekabel zusätzlich unterstützt.

KFZ Wirtschaft: Welche Bilanz ziehen Sie für 2018 in Bezug auf Pkw-Neuzulassungen?
Günther Kerle: Das heurige Jahr war ähnlich prognostiziert wie 2017. Mit Ende November sind wir in puncto Neuzulassungen leicht unter dem Vorjahr. Der Dezember ist immer spannend, insgesamt werden wir aufs Gesamtjahr gerechnet ein kleines Minus zu verzeichnen haben. Es gibt im Wesentlichen aber keinen Grund zu klagen, denn 2017 war ein außergewöhnlich gutes Jahr (2017 wurden 353.320 Pkw neu zugelassen. Nach dem Jahr 2011 mit 356.145 Einheiten war das das zweitbeste Ergebnis aller Zeiten; Anm. d. Red.).

Welche Probleme hat die Umstellung auf den Abgasprüfzyklus WLTP verursacht?
Einerseits war die Vorbereitungszeit für die Hersteller zu gering bemessen. Die Problematik wurde vonseiten des Gesetzgebers schlicht unterschätzt. Ein derartiges Procedere hat es bisher noch nicht gegeben. Engpässe aufgrund von zu wenigen WLTP-Prüfständen und Überlastung bei den Typisierungsstellen haben Probleme verursacht.

Seit 1. September 2018 wird nur noch nach dem WLTP-Zyklus gemessen. Die Rückrechnung auf NEFZ-Werte erfolgt mit einem von der Europäischen Kommission definierten Tool. Wie gut funktioniert dieses Procedere?
Das Problem ist, dass es aufgrund der Ungenauigkeit des Tools schon bei der Rückrechnung zu erheblich höheren Verbrauchsabgaben kommt. Das führt dazu, dass die NoVA im Schnitt um zwei Prozentpunkte steigt.

Eigentlich eine Massensteuererhöhung.
Es ist wie bei der Lohnsteuer de facto eine kalte Progression. Sprich: Der Fiskus verändert nichts und hat dennoch automatisch um 100 Millionen mehr im Sackerl.

Wie wird’s in puncto NoVA neu (Normverbrauchsabgabe) weitergehen?
Die NoVA wird für die betroffenen Betriebe künftig derart schwierig abzuwickeln sein, dass wir dem BMF eine Abschaffung vorgeschlagen haben. Jedenfalls hat uns das Finanzministerium zugesagt, dass bis Anfang 2020 eine neue Formel entwickelt werden soll. Grundsätzlich plädieren wir bei der 2019 geplanten Steuerreform dafür, den Fokus bei den automotiven Steuern vermehrt auf die Faktoren Nutzung und Verbrauch anstatt auf Besitz und Leistung zu legen.

Wie geht’s Ihnen mit der neuen Regierung? Sind die Verhandlungen einfacher oder schwieriger als zuvor?
Vor allem im Infrastrukturministerium hat es eine deutliche Veränderung gegeben. Minister Norbert Hofer agiert sachlicher und kooperativer als seine Vorgänger, die sich politisch nur wenig getraut haben. Jetzt wird vonseiten des Infrastrukturministeriums ernsthaft versucht, die Rahmenbedingungen für die Automobilindustrie besser zu gestalten.

„Minister Norbert Hofer agiert sachlicher und kooperativer als seine Vorgänger, die sich politisch nur wenig getraut haben.“ IMPORTEURSSPRECHER GÜNTHER KERLE

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wir hatten z. B. mit dem Ministerium regelmäßig Sitzungen zum Thema „automatisiertes Fahren“. Da ist die Politik aktiv auf uns zugekommen, um vorab zu erfahren, was technisch überhaupt möglich ist und welche Fahrassistenzsysteme beispielsweise in den nächsten Jahren kommen werden. So konnten nun zwei wesentliche Neuerungen defi - niert werden: In Zukunft darf der Fahrer aussteigen und das Auto selbständig einparken lassen. Und: Es muss nicht mehr zumindest eine Hand am Lenkrad sein.

„Bevor man Fahrverbote ausspricht, ist es besser, alte Autos zu verschrotten.“ GÜNTHER KERLE

Begrüßen Sie sämtliche Steckenpferde des Ministeriums, z. B. auch Tempo 140 auf Autobahnteilstrecken?
Sämtliche Maßnahmen, wie Tempo 140, temporäre Benützung des Pannenstreifens oder auch das Rechtsabbiegen bei roten Ampeln, sind zu begrüßen, da sie ein wichtiges Zeichen „pro Auto“ sind und wir Statements dieser Art von der Politik bis dato vermisst haben.

Wird’s den E-Mobilitäts-Bonus weiterhin geben?
Der E-Mobilitäts-Bonus, den es in den vergangenen zwei Jahren gegeben hat, läuft heuer offi ziell aus. Wir waren diesbezüglich mit Infrastruktur- und Umweltministerium in Gesprächen und konnten erreichen, dass der E-Mobilitätsbonus über 2018 hinaus fortgesetzt wird.

Sie sind also grundsätzlich zufrieden mit der neuen Regierung?
Ja, weil viel passiert und Nägel mit Köpfen gemacht werden. Es wurde verstanden, dass Rahmenbedingungen geschaff en werden müssen, wenn man Ziele erreichen will. In puncto E-Mobilität wurden bereits einige Vorschläge gemacht wie etwa Busspur für Elektroautos bzw. kein Parkpickerl und keine Vignett e für Stromer. Die Wiener Politik hat im Gegensatz dazu in Bezug auf Verkehrsbelange in den letzten 15 Jahren geschlafen.

In deutschen Städten werden sukzessive Fahrverbote für schadstoffi ntensive Dieselfahrzeuge verhängt. Glauben Sie an einen Dominoeff ekt?
Könnten diese auch in Österreich kommen, obwohl das die Politik derzeit dezidiert ausschließt? Nein. Ich glaube sogar, dass diese Fahrverbote in Deutschland innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre wieder aufgehoben werden.

Warum?
In einigen deutschen Städten wird der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoff dioxid pro Kubikmeter Luft überschritt en. Aber seit fünf Jahren gehen die Werte kontinuierlich zurück. In Österreich wird es sicher nicht zu Fahrverboten kommen, weil bei uns die Werte erheblich niedriger sind. Ich plädiere generell für eine Versachlichung der Problematik. Und ich bin überzeugt davon, dass mit Fahrverboten aufgrund von Stickstoff dioxid bald Schluss sein wird. Bestrebungen, den Verkehr aus dem urbanen Raum zu lenken, wird es allerdings weiterhin geben.

Die Vienna Autoshow 2019 steht vor der Tür. Finden Sie den Jahresrhythmus gut?
Defi nitiv Ja. Weil damit eine gewisse Systematik da ist. Alljährlich gibt es zum Jahresauft akt die Vienna Autoshow. Der „Linzer Autofrühling“ und die „Auto Emotion“ in Graz sind sodann weitere wichtige Veranstaltungen.

Erachten Sie es als problematisch, dass nicht alle Hersteller dabei sind?
Natürlich hätt en wir gern alle dabei. Wenn allerdings alle dabei wären, hätt en wir ein Platzproblem. Man muss allerdings die Zeichen erkennen. Viele Hersteller überlegen sich sehr genau, ob sie teilnehmen. Wir müssen darauf achten, dass die Kosten für die Aussteller nicht explodieren. Im internationalen Vergleich ist die Vienna Autoshow überdurchschnitt lich gut gebucht.

Sie äußern sich prinzipiell nicht zu Händlerverträgen. Ich frage Sie trotzdem: Hat es Sie schockiert, dass Bernhard Kalcher, Händlersprecher und stellvertretender VÖK-Vorstand, seinen Peugeot- Händlervertrag verloren hat?
Diese Kündigung hat mich überrascht.

Letzte Frage: Seit fast zehn Jahren wird die Wiedereinführung der Ökoprämie gefordert. Wie realistisch ist, dass sie wiederkommt?
Wir fordern sie gar nicht. Wir wären aber bereit, wenn sie käme. Die Automobilindustrie braucht keine Umtauschprämie, weil der Markt stabil ist. 2009 war eine Ausnahmesituation, in der die Prämie gut gepasst hat. Jetzt würden wir eine derartige Maßnahme auch gutheißen, der Hintergrund müsste aber ein anderer sein. Wenn die Politik sagt, wir wollen die alten Fahrzeuge schneller weg von der Straße bringen und damit den Vorgang beschleunigen, dann sind wir bereit mitzuhelfen. Nur zu sagen, wir wollen weniger Schadstoff e und nichts dafür zu tun, das geht nicht. Bevor man Fahrverbote ausspricht, ist es besser, alte Autos zu verschrott en. Das ist ungleich effi zienter.

Autor:
Wolfgang Baquer

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