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Das Ende der Crash Test Dummies

17.03.2014

200 helle Köpfe forschen am Grazer Kompetenzzentrum „Virtual Vehicle“ an den Sicherheits- und Antriebstechnologien der Zukunft. Im Interview mit der KFZ Wirtschaft erklärt Geschäftsführer Jost Bernasch, wie aus den Simulationen Realität wird.

KFZ Wirtschaft: Welche konkreten Projekte werden derzeit am Virtual Vehicle verfolgt?
Jost Bernasch: Wir entwickeln unter anderem ein menschliches Reaktionsmodell für die Situation vor dem Crash, die mit konventionellen Crash-Test-Dummies nicht hinreichend erforscht werden kann. Gemeinsam mit dem Institut für Fahrzeugsicherheit der TU Graz arbeiten wir zum Beispiel daran, dass komplexe Verhalten des Menschen beim Abbremsen oder Einlenken realitätsnah in einer Simulation abbilden zu können. Fahrzeughersteller wie BMW, Daimler, VW oder Audi bekommen damit ein verbessertes Modell zur Beschreibung des menschlichen Verhaltens in Unfallszenarien und verwenden unsere Daten für die Entwicklung verbesserter Sicherheitssysteme.

Wie kann man sich eine solche Simulation genau vorstellen?
Wir haben ein von Toyota entwickeltes virtuelles Mensch-Modell sozusagen mit Muskeln ausgestattet und mit typischen Reaktionen versehen, um im Computer reale Bewegungsmuster darstellen zu können. Das neue Modell ist deutlich aussagekräftiger und revolutioniert dadurch die Entwicklung von wirksamen Sicherheitssystemen.

Welche anderen Forschungsschwerpunkte verfolgt das Virtual Vehicle?
Auch die Elektromobilität ist für das Virtual Vehicle ein wichtiges Thema. So untersuchen wir beispielsweise in Zusammenarbeit mit AVL List, TU Graz, VW und Universität Münster verschiedene Batteriemodelle in Bezug auf Kosten und Lebensdauer. In weiteren Projekten wird erforscht, wie Batteriesysteme betriebssicher ausgelegt werden müssen und wie sie im Falle eines Crashs abgesichert werden können.

Gibt es konkrete Entwicklungen des Virtual Vehicle, die es schon auf die Straße geschafft haben?
Durch eine am Virtual Vehicle entwickelte neuartige Kombination von Computer-Simulation und experimentellem Versuch können nun einzelne Fahrzeugkomponenten wie zum Beispiel die B-Säule gecrasht werden, wobei man aber die gleiche Aussage wie beim Crash eines Gesamtfahrzeuges erhält. Immerhin kostet die Zerstörung eines ganzen Fahrzeug-Prototyps bis zu einer Million Euro. Dieses Verfahren, das wir gemeinsam mit einem führenden OEM und dem Institut für Fahrzeugsicherheit der TU Graz entwickelt haben, hilft den Autoherstellern, enorm viel Zeit und Geld in der Entwicklung zu sparen.

Sind Ihre Auftraggeber ausschließlich europäische OEMs?
Der Großteil der Forschungsleistungen wird in Zusammenarbeit mit führenden europäischen OEMs wie Audi, BMW, Daimler, Porsche, und VW erbracht, der Anteil von Herstellern aus Amerika und Asien nimmt aber zu.

In welchem Ausmaß profitieren die österreichischen Zulieferunternehmen von den Aktivitäten des Virtual Vehicle?
Österreichische Zulieferunternehmen wie austria micro systems, AVL, Infineon, Liebherr, Magna, SAG, Siemens, Steyr Motors oder voestalpine schiene sind bedeutende Forschungspartner des Virtual Vehicle. Die Zulieferer profitieren, indem sie am Virtual Vehicle sehr komplexe Aufgaben angehen und diese von der Idee über die erforderliche Reife bis hin zur raschen Markteinführung bringen können.

Aus welchen Nationen stammen die am Virtual Vehicle beschäftigten Mitarbeiter, und wie viele von ihnen sind Österreicher?
Am Virtual Vehicle arbeiten derzeit über 200 Forscherinnen und Forscher aus 17 Nationen. Rund 85 Prozent davon sind Österreicher.
 
Wie schwer ist es heute, qualifizierte Mitarbeiter für das Virtual Vehicle zu gewinnen, und welche Maßnahmen setzen Sie, um kluge Köpfe zu bekommen?
Der Wettbewerb um die hellsten Köpfe hat sich seit dem Bestehen des Forschungszentrums weiter intensiviert. Wir bieten daher den „High Potentials“ unter den Nachwuchsforschern die Möglichkeit, am Virtual Vehicle schon während der akademischen Ausbildung an topaktuellen industrienahen Projekten mitzuarbeiten, ihre Diplomarbeit oder Dissertation am Forschungszentrum zu verfassen sowie im Verbund mit international renommierten Forschungs- und Industriepartnern zu forschen. Mit Kooperationen wie der „Kinder-UNI“, „TEKnow Kids“ oder Schulexkursionen setzen wir auch bei der Frühförderung an.

Wie kann aus Ihrer Sicht die Attraktivität Österreichs als bedeutender Forschungsstandort der Automobilindustrie aufrecht erhalten werden?
Österreich kann seine Position im globalen Wettbewerb nur halten, wenn wir das Potenzial und die Innovationskraft unserer klugen Köpfe optimal ausschöpfen. Es muss uns gelingen, junge Menschen auch weiterhin für Technik und Naturwissenschaften zu begeistern und ihre Kräfte auf die Schlüsselthemen Mobilität, Ökologie und Nachhaltigkeit sowie Energieeffizienz und Sicherheit zu lenken.

Autor/in:
Peter Seipel
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