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Das Ende der dualen Ausbildung?

03.04.2015

Das renommierte duale Ausbildungs­system steht am Scheideweg. Der Vorwurf: Zu wenige Betriebe bilden Lehrlinge aus. ­Deren ­Argument: Sie ­können es sich nicht leisten. Die Frage: Ist die Lehre am Ende? 

 

von Wolfgang Bauer & Philipp Bednar 

Handwerk hat goldenen Boden. Ein altes Sprichwort, das derzeit hart auf die Probe gestellt wird – zu mindestens in der Kfz-Sparte. Hört man sich in den heimischen Betrieben um und spricht mit den Lehrherren und alten Meistern, kommt einem oft zu Ohren, dass die Lehrlinge heutzutage fast allesamt schlechter geworden sind. Denkt man differenziert, möchte man meinen, es handle sich um das gelebte Phänomen, dass früher alles besser war. Denn hat nicht bereits der Großvater vom Lehrherrn über seinen Enkel geschimpft? Vermutlich. Und trotzdem ist kaum ein Handwerk aus Unfähigkeit der Akteure zugrunde gegangen, sondern eher an wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gescheitert. Ein Weckruf von Markus Fuchs, Direktor der Siegfried-Marcus-Berufsschule für Kraftfahrzeugtechnik, hat die Branche aufgerüttelt, indem er konstatierte, dass das duale Ausbildungssystem ein Ablaufdatum habe. Wir wollten es genauer wissen und haben Direktor Fuchs dazu näher befragt.

Am Scheideweg

„Ich will nicht schwarzmalen, aber ich musste die Branche wachrütteln, und das geht mit Extremen einfach besser“, so Markus Fuchs. Es gehe ihm primär darum, auf die sich abzeichnenden Tendenzen der sinkenden Schüler- und Lehrlingszahlen rechtzeitig hinzuweisen, um die Rahmenbedingungen – bevor es zu spät ist – noch zu ändern. Der Berufsschuldirektor sieht Handlungsbedarf bei allen drei Akteuren: Lehrlingen, Betrieben und Technik. Denn der landläufigen Meinung, dass die Lehrlinge so viel schlechter geworden seien, kann sich der Direktor nicht anschließen: „Man darf nicht vergessen, wie sich alles verändert hat: Die Autos sind viel komplexer geworden, die Betriebe haben einen viel größeren finanziellen Druck, die Lehrlinge sind heute besser vernetzt, und die Gefahr von Ablenkung ist um einiges höher als früher.“ Noch dazu würden rund 50 Prozent der Schüler an der Siegfried-Marcus-Berufsschule mit einem negativen Pflichtschulabschluss kommen und hätten somit deutliche schulische Defizite. Und rund ein Drittel der Lehrlinge seien am Anfang ihrer Ausbildung bereits über 18 Jahre alt. Das bedeutet, dass sie zwischen dem 15. und 18. Lebensjahr entweder eine Lehre abgebrochen oder zumindest nicht fertig gemacht haben. Fuchs: „Die Lehrlinge sind nicht dümmer geworden. Die Ansprüche an sie sind viel höher als früher. 20 Prozent der Lehrlinge sind sehr gut, dann kommt ein großes, nicht besonders gutes Mittelfeld. Und dieses ohnehin nicht berauschende, aber wichtige Mittelfeld hat die Tendenz, noch schlechter zu werden.“ 

Betriebe klagen

Der Lackierermeister Roman Gold ist ein fleißiger und unermüdlicher Geschäftsmann. Er würde gern Lehrlinge ausbilden und sein Wissen weitergeben, hat aber zuletzt viele schlechte Erfahrungen mit Lehrlingen gemacht: „Eigentlich ist das duale Ausbildungssystem eine tolle Sache. Aber jeder, der anständig lesen und schreiben kann, will studieren gehen. Das merken wir stark.“ Gold betont, dass er die jungen Leute verstehen könne, wenn gerade am Ende der Pubertät Hormone und Gefühle verrückt spielen, aber „im Betrieb muss gearbeitet und in der Schule gelernt werden“. Roman Gold vermisst vor allem den Stolz, den Ehrgeiz, den Willen und den Biss bei den Lehrlingen, um in ihrem gewählten Beruf voranzukommen: „Viele bekommen von zuhause zu wenig Werte mit. Das fängt beim richtigen Umgang mit Mitmenschen an und endet bei einer gesunden Arbeitsmoral. Die Bereitschaft, auch nach der Arbeitszeit etwas zu lernen, ist praktisch bei null. Und Eigenverantwortung ist vielen ein Fremdwort.“ Wenn Gold das sagt, schüttelt er den Kopf vor Fassungslosigkeit: „Sie glauben gar nicht, was wir hier für skurrile Bewerbungen bekommen. Ich glaube, dass viele zuhause einfach zu verhätschelt aufwachsen. Ein Beispiel: Ich habe einen jungen Mann beim Schnuppertag aufwischen lassen wollen. Er entgegnete mir, dass das nicht ginge, da der Lappen ja noch feucht sei. Es stellte sich heraus, dass der 16-jährige Mann vorher noch nie aufwischen musste und nicht wusste, dass der Lappen feucht sein muss. Da greift man sich doch auf den Kopf, oder?“ Ein anderes Beispiel des Lackierermeisters ist, dass der angehende Geselle bei der Lehrabschlussprüfung die Frage bekam, woher der Kalk komme. Die Antwort, wie aus der Pistole geschossen: „Aus dem Baumarkt.“

Ausbildung zu teuer?

Georg Ringseis, Kfz-Meister und Bildungsreferent der Landesinnung Wien der Fahrzeugtechniker, erklärt die Sachlage aus betriebswirtschaftlicher Sicht wohlüberlegt und mit Erfahrung: „Kurzum: Für einen Kleinunternehmer wie mich ist die Ausbildung unwirtschaftlich, trotzdem aber ein großes Anliegen. Es geht ja nicht nur um die Lehrlingsentschädigung, sondern man muss auch die Zeit des Lehrherrn einrechnen, die er dem Lehrling über die Schulter schauen muss, und Kosten für Schäden, die entstehen.“ Ring­seis betont, dass die Lehrlinge oftmals mit einem ganzen Rucksack an Mankos in den Betrieb kommen, und stimmt hier mit Roman Gold überein: „Sie kommen schlechtqualifiziert, es fehlt wichtiges Allgemeinwissen, und die Leistungswilligkeit ist selten vorhanden. Das ist zum Teil sicher auch ein politisches Problem, das es so schnell wie möglich zu lösen gilt.“ Außerdem betont Ringseis, dass der Kündigungsschutz und die Einsetzbarkeit eines Lehrlings – wenn man das Gesetz ganz genau auslegt – einfach nicht zum Arbeitsalltag passen würde. „Streng genommen darf ein Lehrling im ersten Lehrjahr nicht einmal eine Elekt­robohrmaschine ohne Aufsicht selbstständig bedienen. Wie soll er dann das theoretische Wissen aus der Schule mit der Praxis im Betrieb vereinen und lernen, produktive Arbeit zu verrichten?“, fragt sich Ring­seis.
Zudem sei die Zeit zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr eine wichtige Orientierungsphase, in der es noch zu großen Persönlichkeits- und Interessenschwankungen kommt: „Es kann sein, dass ein Lehrling in den ersten drei Probemonaten tolle Arbeit leistet. Und dann, von einem Tag auf den anderen, ist er wie ausgewechselt. Das Engagement und die Lernbereitschaft des Lehrlings können dann komplett verschwinden. Das Problem: Nach der Probezeit ist eine vorzeitige Beendigung des Lehrverhältnisses nur mit hohem zeitlichen und finanziellen Aufwand und nur einmal im Jahr möglich.“ Ein Problem, das wir nicht nur von Georg Ringseis im Zuge der Recherche geschildert bekommen haben.

Es gibt Hoffnung

Dass das Lehrlingswesen nicht nur im Argen liegt, weiß BIM Friedrich Nagl zu berichten: „Unsere Kfz-Techniker-Lehrlinge sind auf einem guten Weg. Der Beruf ist hochtechnisch, und die jungen Leute von heute sind vor allem in Sachen Elektronik so viel weiter, als wir damals in deren Alter waren. Aber darauf vergessen viele alte Meister.“ Eine wesentliche Tatsache sei: Während die totale Lehrlingszahl tendenziell rückläufig sei, steige die relative Zahl der Lehrlinge unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung und der Lehrlingsquote (siehe Grafik). Nagl ist von der Wichtigkeit überzeugt, dass sich eine Branche sozusagen ihre eigenen Fachkräfte auszubilden habe. „Große Kfz-Betriebe haben ein System bei der Akquisition von Lehrlingen.“ Der Bundesinnungsmeister spricht hier dezidiert von einem „Angebots- und Nachfragemarkt“.

Von der Front

Selbst wenn das Mittelfeld der Lehrlinge tendenziell schwächer wird, gibt es doch noch genug Vorzeigelehrlinge. Dass deren Werdegang selten so geradlinig verläuft wie eine Beamtenlaufbahn, zeigt sich im Betrieb von Clemens Stiegholzer in Wien-Meidling. Die freie Werkstatt mit Land-Rover-Schwerpunkt hat gleich zwei junge Mitarbeiter, die laut ihrem Chef tolle Arbeit leisten, aber erst über Umwege in die Kfz-Branche gekommen seien und auf dem Papier nicht wie Musterschüler aussehen. Da ist zum einen Melani Stanjo, 19 Jahre alt und im zweiten Lehrjahr zur Karosseriebautechnikerin. Die junge Dame mit buntem Haar, prominent platziertem Piercing und leiser Stimme wirkt schüchtern, aber lebensfroh. Wie kam sie zur Lehre als Karosseriebautechnikerin?
„Ich habe Verschiedenes ausprobiert. Zuerst war ich in einer Modeschule, aber nach einem Monat war mir das zu langweilig. Dann habe ich Floristin angefangen, aber das war auch nichts für mich“, erzählt uns Melani. Erst ein Kurs mit dem treffenden Titel „Mädchen in die Technik“ machte sie mit ihrem zukünftigen Handwerk bekannt. Die Spenglerarbeiten und das Lackieren haben ihr sofort Freude bereitet. „In der Schule lagen mir das Lernen und die Theorie nicht so gut wie die Praxis. Nun hab ich nur mehr einen Tag Berufsschule, und den Rest der Woche mache ich das, was mir Spaß macht, direkt im Betrieb“, so Melani.
Ihr Chef, Clemens Stiegholzer, ist mit Melani sehr zufrieden: „Die Melani taugt mir. Sie ist frech, unerschrocken und packt tatkräftig mit an. Ich möchte sie gern nach der Lehrzeit übernehmen.“ Dass das Image der Lehre im Keller sei, kann Melani nicht bestätigen: „Als ich meiner Familie und meinen Freunden gesagt habe, dass ich die Karossierbauerlehre beginne, haben alle sehr positiv reagiert. Ich kann mir das schlechte Image der Lehre nicht erklären.“

Junger Meister

Der Werdegang von Daniel Kerstof, 24 Jahre alt, verlief ähnlich: Nach der Pflichtschule hat der junge Mann mit dem freundlichen Lächeln auf den Lippen die Lehre zum Elektroniker angefangen und beendet. „Aber ich habe dann schnell gemerkt, dass das nicht das ist, was ich für den Rest meines Lebens machen möchte“, so Daniel. Man sei mit 15 Jahren einfach zu jung, um schon zu wissen, in welche berufliche Richtung es gehen soll. Daniel ist dann mit 20 Jahren als Hilfarbeiter in den Betrieb von Clemens Stiegholzer gekommen und wollte an Autos schrauben. Schnell stellte sich heraus, dass Daniel ein geschickter und talentierter Kfz-Techniker ist. „Ich habe dann schnell den Entschluss gefasst, dass ich einen Meisterkurs besuchen möchte, da ich mich unbedingt einmal selbstständig machen möchte“, erzählt Daniel. Dabei war der Weg dorthin kein leichter: Obwohl sich Daniel den Meisterkurs komplett selbst finanziert hat, musste er sich eine Arbeitsauszeit nehmen, um den Kurs, der zirka ein Dreivierteljahr dauert, besuchen zu können. Er wollte sich beim AMS melden, um in dieser Zeit versichert zu sein, aber die Behörde willigte nicht sein. Seine freiwillige Fortbildung – auf eigene Kosten! – sei zwar schön, aber man könne ihn in dieser Zeit trotzdem nicht versichern wie einen Arbeitslosen. Um Geld hat Daniel nicht angesucht.
Der junge Mann fand einen anderen Weg und beendete den Meisterkurs. Rund 20 Personen traten an, davon hat der Großteil den Kurs vom AMS bezahlt bekommen. Daniel nicht. Daniel war einer von fünf Kurs­teilnehmern, und er hat positiv abgeschlossen. Die anderen sind durchgefallen. Heute ist Daniel Kfz-Techniker-Meister im Betrieb von Clemens Stiegholzer. Sein Chef sagt über ihn: „Daniel ist ein Superbursche. Er ist quasi mein Stellvertreter, und ich vertraue ihm voll und ganz. Natürlich ist er noch jung, und daher fehlt im etwas die Erfahrung, aber man kann ihn zu jedem Kunden schicken, und er wird sich und unseren Betrieb gut präsentieren.“

Geld nicht so wichtig

Interessant ist, dass sowohl bei Daniel als auch bei Melani das Thema Geld überhaupt nicht im Vordergrund steht: „Geld ist für mich kein großer Antrieb. Ich war vorher in der Industrie, die zahlt ganz andere Löhne. Aber ich habe großen Spaß an meiner Arbeit, und darum geht es mir“, erklärt Daniel. Auch für Melani hatte andere Motive bei der Berufswahl: „Ich möchte unbedingt den Meister machen und mich dann auch im Bereich Airbrush weiterentwickeln. Geld ist mir nicht so wichtig, ich mache lieber etwas, was ich gern tue. Daher fällt mir die Lehre auch recht leicht.“ Zum Schluss hat uns Daniel noch von seiner großen Leidenschaft für Oldtimer und US-Cars erzählt. Man sieht das Funkeln in seinen Augen und denkt: Solange wir noch Daniels und Melanis in dieser Branche haben, ist die Zukunft der Branche in guten, fähigen Händen. 


Entwicklung des Lehrberufs

Ausbildungsordnung 2000 (Zusammenlegung des Kfz-Technikers und des Kfz-Elektrikers)

Ausbildungsordnung 2008 (Schaffung der Modularen Lehre – erhöht die Flexibilität)

Ausbildungsordnung 2013 (Schaffung eines Zusatz­moduls für Hochvolttechnik in Fahrzeugen)

2014 österreichweit ein­heitliche vom Wirtschafts­ministerium zertifizierte ­Lehrabschlussprüfung

Autor/in:
Redaktion KFZ Wirtschaft
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