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Das Schreckgespenst des Teilehandels

12.02.2020

Trotz eines soliden Autojahrs 2019 ist die Stimmung im TEILEHANDEL nicht gerade überschwänglich. Wir haben nachgefragt: Quo vadis, Teilehandel?

WAS IST DER VFT?

Der Verband der freien Kfz-Teilehändler (VFT) ist eine freiwillige und unabhängige Branchenvertretung, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Interessen der Kfz-Betriebe, Autofahrer und des gesamten freien Teilehandels nach vorne zu tragen. Aktuell hat der VFT 44 Mitglieder. Laut Obmann Walter Birner konnte man zuletzt eine Öff nung der Statuten in Richtung Mobilitätsakteure erreichen sowie neue Mitglieder und Partner gewinnen. Mehr dazu auf www.vft .at

Heimische Werkstätten sind verwöhnt – und wissen das oft nicht einmal. Ein dringend benötigter Ersatzteil in Erstausrüstungsqualität wird heute binnen wenigen Stunden geliefert. Und dank großer Teilelieferanten wie Stahlgruber, Birner, Derendiger und Co. ist immer etwas lieferbar. Warum? Diese haben üppige Lager, randvoll mit schnelldrehenden und exotischen Ersatzteilen, ein effizientes Bestellsystem und eine noch effizientere, nahtlose Logistik, ein kostenintensives und komplexes Geschäftsfeld. Oder warum sparen viele kleinere Werkstätten gerne am Lager? Weil es Kapital bindet. Und gerade als freie Werkstätte weiß man nie, ob die nächste Kundschaft mit einem Ford, Mitsubishi oder SsangYong am Hof steht. Kurz: Eine rasche Teileversorgung ist mit dem Blutkreislauf in unserem Körper vergleichbar. Gerät hier was ins Stocken, wird es lebensgefährlich.

PREIS VS. SERVICE

Bei unserer Recherche, wo der Schuh im Teilehandel wirklich drückt, scheinen sich die maßgeblichen Akteure einig: Billiganbieter – meist aus dem Osten – setzen dem heimischen Markt zu. Während heimische Teilehändler hier Steuern bezahlen, Arbeitsplätze sichern und sich an die sozialen, wirtschaft lichen Regeln halten, können ausländische Firmen mit Billigpreisen in den Markt fahren. Der Grund: niedrigere Lohnniveaus, nicht vergleichbare Arbeitsbedingungen und niedrigere Einkaufspreise. „Leider haben uns die Teileproduzenten (die Industrie) mit ihrem Vertriebsmodell nichts Gutes getan“, seufzt Roland Hausstätt er, GF Stahlgruber Österreich. „Die Industrie beliefert heute jeden, auch kleinere Teilehändler, die bei weitem nicht unsere Standards bieten und daher mit Niedrigstpreisen in den Markt fahren.“ Bruno Weidenthaler, GF Derendinger Österreich, pfl ichtet seinem Branchenkollegen bei: „Die Belieferung aus den Ost-Märkten heimischer Werkstätt en ist ein Problem, da geht Umsatz verloren.“ Gegen Wett bewerb habe niemand etwas, aber es müssten gleiche Voraussetzungen herrschen, so die einstimmige Meinung. Wolfgang Dytrich, Obmann des Berufszweigs Großhandel mit Kfz-Teilen im Landesgremium Wien, gibt zu bedenken: „Das Erschreckende ist, dass die Industrie die gleiche Ware um bis zu 30 Prozent günstiger in den Ostmärkten anbietet. Da können Firmen beispielsweise aus Tschechien oder Polen grenznahe Händler mit konkurrenzlos günstigen Preisen beliefern. Das schadet dem heimischen Teilehandel massiv.“ Ist des Pudels Kern die Geiz ist geil-Mentalität heimischer Werkstätten? Eine alte Kaufmannsweisheit besagt: Im Einkauf liegt der Gewinn. Wozu also mehr zahlen als nötig? Darauf weiß Walter Birner, VFT-Obmann, eine Antwort: „Der heimische Teilehandel bietet so viel mehr als nur Ersatzteile. Er bietet ein Rundum- Paket, bestehend aus Vertriebsmitarbeitern, die nahe am Kunden sind. Eine ausgezeichnete, rasche Logistik und ein Verständnis für die Branche. Tauschen Sie mal nicht passende Teile bei einem ausländischen Billiganbieter um – viel Spaß dabei.“ Roland Hausstätt er schlägt in die gleiche Kerbe: „Wir bieten unseren Kunden von A bis Z nur das Beste. Natürlich spiegelt sich das im Preis wider, denn wir müssen und wollen auch Geld verdienen.“

„Wir forcieren mit aller Kraft den freien Datenzugang freier Werkstätten.“ ROUVEN DANIEL, SCHAEFFLER AUTOMOTIVE

ANGST VORM E-AUTO?

Es herrsche derzeit eine allgemeine Verunsicherung, verortet Weidenthaler: „Die Schreckensmeldungen aus Deutschland, welche Hersteller und welche Zulieferer tausende Jobs einsparen oder nicht nachbesetzen wollen, sind beunruhigend. Die Industrie müsste jetzt mit klaren Worten und Konzepten zeigen, wohin die Reise geht. Das tut sie nicht, daher die Ungewissheit.“ Die weltweite Klimadiskussion hat die Automobilindustrie fest im Griff : niedrige CO2-Ausstöße sind gefragt, das E-Auto als Heilsbringer ist in aller Munde. Knackpunkt: reine E-Autos sollen deutlich wartungsärmer sein als konventionelle Verbrenner, eine Hiobsbotschaft für Werkstätt en und Händler. Trocknet das E-Auto das Teile- und Reparaturgeschäft aus? Wir fragen bei Rouven Daniel, Leiter Transmission Systems bei Schaeffl er Automotive, nach: „Der Aft ermarket hat vor allem jene Fahrzeuge im Fokus, die vier bis fünf Jahre alt sind. E-Autos kommen erst jetzt ganz langsam in den Markt. Wir rechnen bei Schaeffl er Automotive Aft ermarket 2025 mit einem elektrischen Umfeld (am Gesamtbestand) von fünf Prozent. Bis dahin werden vor allem Plug-in-Hybridmodelle beliebter werden und deren Wartungsaufwand ist sogar höher als jener konventioneller Verbrenner, weil gleich zwei Technologien parallel zum Einsatz kommen.“ Daniel erkennt wieder eine Konsolidierung bei der Verteilung zwischen Benzin- und Dieselmodellen – die Dieseldelle füllt sich wieder auf. Auch die heimischen Branchenakteure sind sich einig, dass der E-Auto-Absatz nicht so dramatisch steigen werde, dass das Teilegeschäft deswegen in den kommenden zehn Jahren plötzlich einbrechen werde. Walter Birner: „Noch ist das Geschäft ein gutes. Man muss mehr laufen, der Konkurrenzdruck ist höher, die Entscheidungsstrukturen sind andere – Stichwort Flott enkunden.“

„Die Branche erlebt einen Umbruch: Der Schraubenziehermechaniker wird ersetzt durch Diagnosetechniker.“ BRUNO WEIDENTHALER, GF DERENDINGER ÖSTERREICH

MEHR ALS TEILELIEFERANTEN

Roland Hausstätt er von Stahlgruber bringt es auf den Punkt: „Der Wett bewerb mit den anderen Marktt eilnehmern auf Augenhöhe ist nicht das Problem.“ Zumal die großen, etablierten Teilehändler mehr sind als nur Teilelieferanten. Jeder von ihnen bietet neben Verfügbarkeit und kompetenten Ansprechpartnern noch Werkstatt konzepte und Schulungen an, um sich sowohl vom Mitbewerber als auch von den Billiganbietern aus dem Ausland zu unterscheiden. „Wir müssen unsere Dienstleistung in den Vordergrund rücken, nicht den Preis“, sagt Walter Birner, und fügt hinzu: „Wichtig ist, dass die freien Werkstätt en weiterhin Zugang zu essenziellen Fahrzeugdaten haben, um die Autos warten und reparieren zu können.“ Dem kann Bruno Weidenthaler nur beipfl ichten: „Die Branche erlebt einen Umbruch: Der Schraubenziehermechaniker weicht dem Diagnosetechniker. Die komplexeren Modelle erfordern mehr digitales Verständnis. Die Werkstätt en sollten sich jetzt darauf einstellen, weil diese Autos in den kommenden fünf Jahren zu ihnen auf den Hof kommen.“ Daher seien die Fortbildungsangebote, die teilweise kostenlos für Konzeptkunden zur Verfügung stehen, enorm wichtig. Auch Rouven Daniel von Schaeffl er verortet hier Potenzial aus Industriesicht: „Wir forcieren mit all unserer Kraft den freien Datenzugang der markenungebundenen Werkstätt en. Wir kämpfen mit anderen Zulieferern dafür, dass es hier zu keinen Wett bewerbsbeschränkungen kommt.“ Ein Thema, für das VFT-Obmann Walter Birner seit Jahren kämpft : „Die Fahrzeughersteller machen es uns und den freien Werkstätt en nicht leicht. Der neue VW Golf 8 zum Beispiel braucht einen ähnlichen Zugangscode, wie man ihn schon aus verschiedenen FCA-Modellen kennt. Als Verband treten wir vehement dafür ein, dass ein freier Datenzugang sichergestellt ist.“

FAZIT

Aufgrund des enormen Fahrzeugbestands von alleine über fünf Millionen Pkw in Österreich, sind der Teilemarkt und das Geschäft für freie Werkstätten mindestens die nächsten zehn Jahre abgesichert. Unter vorgehaltener Hand – und wenn die E-Autos nicht über Nacht dramatisch an Bedeutung dazugewinnen werden – sogar noch deutlich länger. Hand aufs Herz: Wie viele Branchen können heute mit Gewissheit sagen, dass ihre Zukunft so abgesichert ist? Eben. Fakt ist aber auch, dass heimische Werkstätten gut beraten sind, lieber ein paar Euro mehr bei der Teilebestellung auszugeben, da der heimische Teilehandel ein essenzieller Bestandteil der Kfz-Branche ist und am Teilehandel – sofern dieser fair und ausgeglichen ist – tatsächlich alle etwas verdienen. Wenn das nicht einmal gute Nachrichten sind.

Autor/in:
Philipp Bednar
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