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Der Fehler, den es nicht geben dürfte

02.03.2015

Der Scheibenwischer eines acht Jahre alten Renault Megane versagte plötzlich seinen Dienst. Die Suche nach dem Defekt wurde knifflig, nachdem alle bekannten Ursachen überprüft und ausgeschlossen wurden.

Georg Ringseis dachte, die Sache wäre schnell erledigt, als ein Stammkunde mit einem defekten Scheibenwischer in seine Werkstatt am Wiener Schwarzenbergplatz kam. Der Renault Megane, Baujahr 2004, hatte bereits 116.000 Kilometer auf dem Buckel, war aber regelmäßig gewartet und gut gepflegt. „An diesem Tag war der erste Schnee gefallen. Da kann schon einmal die Sicherung des Scheibenwischermotors wegen Überlastung durchbrennen“, erzählt Ringseis. Tatsächlich funktionierte der Scheibenwischer nach dem Tausch der Sicherung wieder einwandfrei, doch drei Tage später kam der Kunde mit dem gleichen Problem wieder. Ringseis tauschte erneut die Sicherung, doch diesmal brannte diese gleich nach dem Einschalten der Zündung wieder durch. Fazit: Aus der vermeintlichen Schnellreparatur wurde eine mühsame detektivische Spurensuche mit einem überraschenden Endergebnis.  

CHRONOLOGIE DER FEHLERSUCHE

  • Diagnosegerät angeschlossen, Fehlerspeicher ausgelesen, Fazit: kein Fehlereintrag.
  • Stecker vom Scheibenwischermotor abgezogen, Kurzschluss noch immer vorhanden. Vermutung: Das Zuleitungskabel könnte durchgescheuert sein.
  • Kabelstrang freigelegt, doch keine defekte Stelle gefunden.
  • Laut Anschlussplan vom Sicherungskasten Stecker vom Kabelstrang zum Wischermotor abgezogen. Fazit: Das Diagnosegerät zeigt einen Fehler im Lenksäulensteuermodul an.
  • Aufwändiges Studium der Schaltpläne mit dem Ergebnis: Der Sicherungskasten enthält gleichzeitig das Steuermodul für die Motorraum-Elektronik. Der Wischermotor und die Lenksäulenelektronik hängen am gleichen Vielfachstecker – das erklärt den Fehlereintrag.
  • Um das Problem weiter einzugrenzen, wird das Kabel vom Wischermotor abgezwickt - der Kurzschluss ist immer noch vorhanden.
  • Nun kann der Fehler nur noch in der sogenannten „Zentralelektrik“ des Sicherungskastens liegen. Eine Sichtprüfung bringt allerdings kein Ergebnis, denn weder auf der Platine noch an den Steckern ist ein Defekt zu erkennen. Dennoch wird der Sicherungskasten ausgetauscht.
  • Der neue Sicherungskasten wird eingebaut, alle Systeme werden auf Null zurückgesetzt. Fazit: Problem behoben, der Scheibenwischer funktioniert.

FEHLER UNBEKANNT

Sowohl die Fahrzeughersteller als auch die Anbieter von Diagnosegeräten betreiben heute umfassende Datenbanken, in denen Defekte ausführlich dokumentiert und für den technischen Support medial aufbereitet werden. So erhalten nicht nur Markenwerkstätten sondern auch freie Werkstätten bei Bedarf wertvolle Unterstützung bei der Fehlersuche. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass mysteriöse Defekte erstmals und vielleicht auch nur ein einziges Mal auftreten, sodass sie in keiner Fehlerdatenbank aufscheinen. So konnte Georg Ringseis, Inhaber einer freien Werkstätte in Wien, auch von Kollegen aus einer Markenwerkstätte keine Unterstützung bekommen, da dieser spezielle Fehler in der gesamten Renault-Organisation unbekannt war. Auch seine Recherchen in einschlägigen Internet-Foren brachten Ringseis nicht weiter, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als selbst die Ursache herauszufinden. Das Problem dabei: Die Reparatur des Scheibenwischermotors beschäftigte ihn fast einen ganzen Arbeitstag. „Das kann ich dem Kunden natürlich unmöglich in Rechnung stellen“, so Ringseis. „Da gilt es, die richtige Balance zu wahren. Ich will ja keinen Stammkunden verlieren.“

Autor/in:
Peter Seipel
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