Direkt zum Inhalt
Die Elektromarke Polestar hat eine eigene Video Streaming App für den Polestar 2 entwickelt.

Die Gretchenfrage der Autobranche

01.06.2021

Im Bereich Datennutzung und Vernetzung von Fahrzeugen schlummert ein Potenzial von 400 Milliarden Dollar. Die Software wird immer mehr zur Schlüsseltechnologie. Die entscheidende Frage lautet nun: Setzt man auf Eigenentwicklungen oder auf Kooperationen mit Tech-Konzernen? Die KFZwirtschaft macht eine Bestandsaufnahme. 

Ein ruckelfreier Screen, coole Updates, ein einfach zu bedienendes Navi, ein Sprachassistent, der einen versteht. Solche Dinge werden in Zukunft bei Autos kaufentscheidend sein, wichtiger als PS. Für die Autobranche ergeben sich daraus zwar große Herausforderungen, aber auch Chancen. McKinsey sieht im Bereich Datennutzung und Vernetzung von Fahrzeugen im Jahr 2030 bereits ein Potenzial von 400 Milliarden Dollar weltweit. Pro Fahrzeug können Mobilitätsunternehmen des gesamten Ökosystems (von Autoherstellern, Zulieferern und Serviceanbietern bis hin zu Versicherern und Tech-Konzernen) dann im Schnitt jährlich bis zu 310 Dollar zusätzlichen Umsatz und 180 Dollar Einsparpotenzial realisieren. Obendrein kann man Kunden mit Software-Services und Updates stärker binden.

Aufholbedarf beim Infotainment

Freilich ist dafür ein radikaler Wandel erforderlich, neues Know-how muss aufgebaut werden. Denn derzeit sind die Infotainment-Systeme, so ehrlich muss man sein, selbst bei Premiumherstellern oft noch alles andere als State of the Art. Umständliche Bedienung, ruckelnde Grafik, nervige Sprachassistenten sind allgegenwärtig – da ist man von Smartphones mitunter längst Besseres gewohnt. Nicht umsonst kooperieren viele Autohersteller jetzt mit Tech-Riesen. GM und Ford holen Google und Amazon (Alexa) ins Boot, Stellantis den chinesischen Apple-Auftragsfertiger Foxconn. Die Deutschen Autohersteller setzen stattdessen auf die Entwicklung eigener Betriebssysteme. 

Kooperationen führen wohl schneller zum Erfolg. Kommt es womöglich zu einer Phase, in der Kleinwagen von Ford oder Peugeot den Luxuslimos von BMW in Sachen Infotainment gar überlegen sind? Dafür muss das beste Stück vom Kuchen allerdings mit den Tech-Konzernen geteilt werden. Das kann sich rächen. Denn die Zukunft gehört nicht den reinen Autobauern, sprich Hardware-Produzenten. Das zeigen andere Branchen: Sieben der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt gründen ihren Erfolg auf datenbasierten Geschäftsmodellen! Nicht umsonst investieren deutsche Hersteller wie VW gerade Milliarden in eine eigene Software-Plattform. Das hat langfristig Fantasie, kurzfristig kostet es freilich viel Zeit und Geld.

Derweil fahren die jungen Wilden den etablierten Herstellern, gerade auch was die Software betrifft, um die Ohren. Und zwar nicht nur Tesla, auch Polestar. Der Polestar 2 war das erste Auto der Welt, das 2019 mit einem Infotainment-System auf Basis von Android Automotive OS auf den Markt kam - ein revolutionäres, integriertes System, das die Vorzüge und Flexibilität von Googles Android OS zum ersten Mal in ein Auto brachte. 

Polestar setzt auf offene Struktur von Android

Die offene Struktur von Android ermöglicht es App-Entwicklern, Apps für Smartphones, Tablets und Wearables gleichermaßen zu entwickeln - und nun auch für Autos. Der Polestar-eigene Android Emulator, der zusammen mit dem Polestar 2 auf der Google I/O 2019 als Beta Version vorgestellt wurde, bietet App-Entwicklern Designvorlagen und App-Einbindungen, mit deren Hilfe sie Apps speziell für den Polestar 2 entwickeln können.

In Abstimmung mit dem aktuellen Status, der im Polestar 2 verfügbar ist, wurde das System nun mit Android Automotive OS 10 Vorlagen und Einbindungen aktualisiert.„Das Android-System birgt enormes Potenzial für Autos", sagt Thomas Ingenlath, CEO von Polestar. "Wir sehen viele unterhaltsame und intelligente Vorschläge von internen und externen Entwicklern und dank des kurzen Wegs zur Markteinführung, können wir sehen, wie Apps relativ schnell vom Konzept zur Produktion übergehen. Das ist einer der entscheidenden Vorteile von Android im Fahrzeug - wir sind in der Lage, die Kreativität und das Tempo der gesamten Android Entwicklergemeinde zu nutzen." 

Polestar ist eine unabhängige schwedische Premium-Elektro-Automarke, die 2017 von Volvo Cars und der chinesischen Geely Holding gegründet wurde. Seit der Einführung hat der Android Emulator zur Entwicklung und Veröffentlichung von Apps für den Polestar 2 beigetragen, darunter EasyPark, ABRP, ChargePoint, Video Player und TV2 Sumo. Der Emulator wurde auch bei zwei Hackathons eingesetzt, bei denen er physische Fahrzeuge ersetzte. Dies reduzierte die potenziellen Kosten drastisch und befreite die Entwickler von möglichen Einschränkungen, die mit dem Testen ihrer Apps im Auto verbunden sind.

Polestar hat erst kürzlich bereits eine eigene Video Streaming App für den Polestar 2 entwickelt. Die Beta-App, die ab sofort in allen europäischen Polestar Märkten im Google Play Store verfügbar ist, bringt webbasierte Inhalte von verschiedenen Anbietern direkt auf das 11-Zoll-Mitteldisplay im Fahrzeug – für Unterhaltung beim Parken oder Laden. Es wird spannend, ob und wie die etablierten Hersteller da Schritt halten können. 

Autor/in:
Hans-Jörg Bruckberger
Werbung

Weiterführende Themen

Diese nach Marktkapitalisierung gewichtete Grafik veranschaulicht die Relationen der aktuellen Marktwerte verschiedener Autohersteller.
Aktuelles
09.12.2020

…GM, Ford, Renault, Peugeot, Fiat, Hyundai, Honda und Nissan zusammen! Und das ist nicht die einzige Überraschung an der Börse.

Aktuelles
04.08.2020

Mitsubishi Motors erwirtschaftete zuletzt einen deutlichen Verlust und stellt nun eine neue globale 3-Jahres-Strategie vor.

Cloud-, Web- und App-Lösungen
Aktuelles
23.04.2020

Die Cloud-, Web- und App-Lösungen der Motiondata Vector Gruppe sind nicht nur aktuell, sondern auch zukünftig nachhaltige, wirtschaftliche und sinnvolle Investitionen.

Einzelhandelssprecher Josef Schirak
Aktuelles
24.01.2019

Einzelhandelssprecher Josef Schirak kritisiert die Kundenzufriedenheitsabfragen der Hersteller und lehnt jegliche „Margenminderung“, die in Zusammenhang mit den Abfragen steht, vehement ab.

Matthias Kempf, Berylls Gründungspartner
Aktuelles
10.10.2016

Eine aktuelle Studie des internationalen Beratungsinstitutes Berylls Strategy Advisors zeigt, dass die europäischenn Autohersteller den Pfad der Digitalisierung nur sehr zögerlich beschreiten.

Werbung