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Der GW-Markt bietet Autohändlern auch während der Krise attraktive Ertragschancen.

Die Insel der Seligen: Eine Analyse des Gebrauchtwagenmarkts

08.06.2021

Noch kämpft das Neuwagengeschäft mit den Folgen des Virus. Doch der Gebrauchtwagenmarkt zeigt wieder einmal seine Stärke – selbst in angespannten Zeiten. Eine Analyse.

Die Covid-19-Pandemie hat die Automobilwirtschaft hart getroffen: Markteinbrüche, Lieferprobleme aufgrund von durchtrennten Lieferketten und gedrosselten Rohstoffproduktionen. Neben den grausamen gesundheitlichen Katastrophen quer über den Erdball, sind die wirtschaftlichen Folgen derzeit noch nicht absehbar. Aber es gibt auch Licht am Ende des Tunnels: den Gebrauchtwagenmarkt. Denn schaut man mit der Lupe auf den GW-Handel, erkennt man interessante und lukrative Trends. 

Gebrauchtwagen sind Gewinner

Das Neuwagenjahr 2020 war ein schmerzhafter Bauchfleck: nur 248.740 Pkw-Neuzulassungen in Österreich. Ein Minus gegenüber dem Vorjahr von 24,5 Prozent. Blickt man indes auf die Pkw-­Gebrauchtwagenummeldungen (841.196 Ummeldungen 2020), so liegt das Minus hier bei lediglich 3,4 Prozent zu 2019. Der GW-Handel hatte also eine Minidelle und das auf sehr hohem Niveau. Das Spitzenjahr 2018 mit 874.827 Ummeldungen ist gar nicht so weit weg gewesen. Diese Zahlen untermauern genau die Aussagen, die wir in den vergangenen 14 Monaten auch von der Front gehört haben: Die Endkunden sind beim Neuwagen zögerlich, Gebrauchtwagen gehen aber ungebremst gut. Das beweist auch eine aktuelle Studie von willhaben.at

Stabiler Trend

Gut, könnte man meinen, die Kunden haben in der Coronakrise gespart, den Neuwagenkauf aufgeschoben und daher etwas den GW-Markt befeuert. Nein, der GW-Trend ist viel nachhaltiger. Laut Erhebungen von Eurotax und Statistik Austria gab es im ersten Quartal 2021 einen Rekord bei Pkw-Ummeldungen: satte 214.133 konnten verzeichnet werden. Zum Vergleich: Das Q1 2017 – das bisherige Rekordquartal mit 209.355 Ummeldungen – konnte spürbar überflügelt werden. Das allein könnte aber auch nur eine Momentaufnahme sein. Spannend ist, dass sowohl das Gebrauchtwagenangebot als auch die Angebots­tage gesunken sind. Lag die durchschnittliche Standzeit im April und Mai 2020 noch bei 110–115 Tagen, sanken diese im Dezember und jetzt wieder im Q1 2021 auf rund 85 Tage. Für den Gebrauchtwagenhandel eine dramatische Verbesserung – immerhin kostet jeder Tag bares Geld. 
Dazu kommt ein stetig wachsender Fahrzeugbestand. Waren es im Jahr 2010 noch 4,36 Millionen Pkw, so zählte man 2020 bereits 5,02 Millionen. Das ist ein nachhaltiges, solides Wachstum. Die Motorisierungsrate stieg ebenfalls: Von 530 Fahrzeugen pro 1.000 Einwohnern 2010 in Österreich auf 570 in 2020. Das ist auch ein starkes Signal für die Werkstätten: Der aktuelle Fahrzeugbestand sichert das Geschäft zumindest für die nächsten zehn Jahre ab. Denn neben dem reinen Bestand steigt auch das Alter der Fahrzeuge kontinuierlich an. Während 2005 das Durchschnittsalter im Bestand bei Privatpersonen 7,9 Jahre betrug, wuchs es bis 2020 auf 9,7 Jahre an – also knapp zwei Jahre älter. Ebenfalls gute Nachrichten für die freien Werkstätten und Teilehändler, denn wie man in der Branche weiß, sehen so betagte Fahrzeuge nicht mehr allzu oft die Vertragswerkstätte. Selbst die gewerblich genutzten Pkw-Modelle wurden älter, wenn auch nur von 3,4 auf 3,7 Jahre. 

Wie potent sind die Alternativen? 

Nicht nur medial sind alternative Antriebe derzeit stark angesagt: 2020 machten Elektro- und Hybridmodelle bereits 11,3 Prozent der Neuzulassungen aus. Im ersten Quartal 2021 waren es sogar schon 18,8 Prozent – also fast jeder fünfte Neuwagen. Ein Trend, der früher oder später auch auf den GW-Markt schwappen wird. Wobei das eher eine Zukunftsprognose ist, denn bei den Pkw-Gebraucht­ummeldungen 2020 und im Q1 2021 liegt der Diesel mit knapp 60 Prozent noch immer und konstant an der Spitze. Der Benzinanteil ging von 2013 auf 2021 konstant leicht zurück (von knapp 41 auf unter 37 Prozent). Das bedeutet, dass die alternativen Antriebe am GW-Markt praktisch nur den Benziner-Anteil reduzieren, aber die Diesel unberührt lassen. Man muss allerdigs dazu sagen, dass die Hybridmodelle fast alles Benziner sind. 

Restwerte mit Überraschungen

Mit Beginn der Pandemie gingen die Angebotspreise leicht runter. Seit Mai 2020 entwickelt sich der Markt aber wieder positiv und hat sich bereits komplett erholt. Besonders stark haben die Preise bei leichten Nutzfahrzeugen angezogen. Spannend ist die Preis­entwicklung bei besonders jungen Fahrzeugen (0 bis 6 Monate) und älteren und alten Fahrzeugen (54–90 Monate und mehr), die mit Abstand am stärksten zulegen konnten. Durchaus unter Druck sind die ­Angebotspreise für alternative Antriebe: Die batterieelektrischen Modelle (BEV) haben am meisten verloren, Hybridmodelle gaben ebenfalls nach und sind noch immer im Minus im Vergleich zum Pandemiebeginn. Diesel und Benzin konnten hingegen sogar zulegen. Betrachtet man die Restwerte nach Treibstoffart (Benzin, Diesel, elektrisch und Hybrid) und Fahrzeugalter (12/24/36 und 48 Monate), dann zeigt sich ein eindeutiges Bild: Bei den jungen Gebrauchten müssen Dieselfahrzeuge die größten Verluste einstecken. Ab 24 Monaten fallen die Elektromodelle dramatisch ab und bilden sogar das Schlusslicht in der Altersklasse bei 48 Monaten. Am stabilsten verhalten sich Benziner, die selbst nach 48 Monaten noch 52,3 Prozent bringen, während BEV nur mehr 44,4 Prozent schaffen. Nach Fahrzeugsegmenten sind die Restwertkaiser die Stadtwagen, gefolgt von kleinen und mittleren SUV. Das Schlusslicht bildet ab 24 Monaten Fahrzeugalter die Mittelklasse. 

Fazit

Der GW-Markt birgt für heimische Händler noch immer ein gutes Geschäft. Robert Madas, Regional Head of Valuations von Eurotax: „Im Vergleich zum Neuwagenmarkt ist der Gebrauchtwagenmarkt stabil. Kurz- und mittelfristig erwarten wir eine stabile bzw. leicht steigende Nachfrage bei weiterhin knappem Angebot. Durch Covid sind Neuwagen am Markt schlechter verfügbar und es gibt weniger Kurzzulassungen. Wir verzeichnen eine erhöhte Nachfrage bei kleineren Fahrzeugen durch den Trend zur individuellen Mobilität.“ Die Restwerte betreffend ist Madas eindeutig: „Ältere Elektro- und Hybridmodelle sind stark unter Druck aufgrund der Technologie­alterung. Sehr junge Modelle zeigen aber hohe, stabile Restwerte. Für Benziner erwarten wir eine positive Restwertentwicklung. Für Diesel langfristig jedoch ein Überangebot, da sich die Neuwagentrends erst zeitverzögert am GW-Markt zeigen.“ 

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