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Durch Lernen gerettet

08.09.2015

Ishaq Mohammad konnte weder lesen noch schreiben und rechnen, als er mit 16 Jahren vor den Kriegswirren Afghanistans nach Österreich floh. Fünf Jahre später gewann er den Landeslehrlingswettbewerb der Karosseriebautechniker in Niederösterreich. Eine unglaubliche Geschichte – aber wahr. 

„Ishaq ist ein guter Mann“, sagt sein Chef, Lenze-Montageleiter Thomas Lintner (li.).

Ishaq Mohammad stammt aus Bamiyan, einer Stadt im Herzen Afghanistans. Die Taliban sprengten dort im Jahr 2001 riesige antike Buddhastatuen aus dem Fels und verbreiteten ihren Terror über das ganze Land. Ishaqs Kindheit war geprägt von Armut und Angst vor dem Krieg, der durch Attentate der Neo-Taliban und Gegenschläge der Nato im ganzen Land immer wieder aufflackerte. Seine Eltern, einfache Bauern, konnten ihm nicht einmal die einfachste Schulbildung ermöglichen. Vor sechs Jahren wagte die Familie schließlich die lebensgefährliche Flucht in den Westen – und wurde dabei auseinandergerissen.
„Ich habe meine Eltern zuletzt in einem türkischen Hafen gesehen, als wir versuchten, auf ein Schiff zu kommen“, erzählt Ishaq. Sie schafften es nicht gemeinsam auf das gleiche Schiff, und seit damals hat er nichts mehr von ihnen gehört. Ishaqs weitere abenteuerliche Flucht via Lastwagen und zu Fuß endete schließlich in Österreich, wo er als Flüchtling anerkannt wurde und eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erhielt, die seither einmal pro Jahr verlängert wird.

Voller Einsatz 

In einem für jugendliche Flüchtlinge eingerichteten Wohnhaus in Steyr startete der damals 16-Jährige eine beispiellose Aufholjagd nach Wissen und Können. Mit Unterstützung der Flüchtlingsbetreuer und mit einem österreichischen Wörterbuch brachte er sich innerhalb eines Jahres nicht nur Lesen und Schreiben sondern auch gleich die deutsche Sprache bei, sodass ihm bereits ein Jahr später über die Organisation Jugend am Werk eine Lehrstelle vermittelt werden konnte. „Ich habe in meinem Leben schon 15 Lehrlinge ausgebildet. Ishaq war mit Abstand der Beste“, sagt Stefan Mayer, der in Wachtberg bei Melk bis vor kurzem einen Karosseriebetrieb führte. „Er hat vom ersten Tag an vollen Einsatz gezeigt, das hab ich noch bei keinem anderen gesehen“, so der Lehrherr. Auch an der niederösterreichischen Landesberufsschule in Eggenburg, wo Ishaq während der Schulzeit im Internat lebte, hat sein unermüdlicher Fleiß starken Eindruck hinterlassen. „Er war der Erste, der aufgestanden, und der Letzte, der schlafen gegangen ist, immer mit einem Buch in der Hand“, erzählt Fachlehrer Josef Lang. Viele Abende lang hatte er Ishaq Nachhilfe vor allem in Mathematik gegeben. „Anfangs wusste er nicht einmal, was ein Divisionszeichen ist“, so Lang, der sich auf Bitten seines Direktors Christian Bauer des jungen Flüchtlings angenommen hatte. „Einmal hab ich Ishaq gesagt, er soll doch einmal am Abend mit seinen Mitschülern ausgehen, statt immer nur zu lernen“, erzählt der Fachlehrer. Ishaqs Antwort kann er bis heute nicht fassen. „Er hat abgewinkt mit den Worten: Ich bekomme schließlich eine Lehrlingsentschädigung, und dafür will ich auch etwas tun.“

Ungewisse Zukunft

Beim diesjährigen niederösterreichischen Landeslehrlingswettbewerb der Karosseriebautechniker wurde nicht nur der Fleiß des jungen Flüchtlings, sondern auch der Einsatz seiner Ausbildner belohnt: Ishaq erreichte den 1. Platz. Beim Schweißen, Löten, Schleifen und Lackieren hatte er an den einzelnen Prüfstationen den entscheidenden Vorsprung herausgearbeitet. Im Juli dieses Jahres absolvierte er schließlich die Gesellenprüfung mit „gutem Erfolg“, kurz darauf bekam er einen Job als Industrielackierer beim Maschinenhersteller Lenze im oberösterreichischen Asten. Keine Endstation, so viel steht fest, denn Ehrgeiz und Wissensdurst lodern weiter im heute 21-Jährigen. „Wenn es möglich ist, will ich als nächstes die Abendmatura machen und dann Maschinenbau studieren“, sagt er. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sein Aufenthalt in Österreich lange genug gestattet wird. „Ishaq ist ein guter Mann“, sagt sein Chef, Lenze-Montageleiter Thomas Lintner, „wenn es möglich ist, werden wir als Firma bei den Behörden ein gutes Wort für ihn einlegen.“

Autor/in:
Peter Seipel
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