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Günther Kerle war seit 1983 für Mazda Österreich  tätig und von 2006 bis 2016 Geschäftsführer. Jetzt ist er Sprecher der Automobilimporteure.

„Finanzminister einbremsen“

19.06.2016

Im Interview mit der KFZ Wirtschaft skizziert der neue Importeurssprecher Günther Kerle die Herausforderungen für die Interessenvertretung. Die Wichtigste: Den Finanzminister einbremsen, über die NoVA mehr Geld zu lukrieren.

KFZ Wirtschaft: Seit 1. April sind Sie in Pension. Weshalb tun Sie sich die Aufgabe des Sprechers der Automobilimporteure an?
Günther Kerle: Wenn man mich ein halbes Jahr früher gefragt hätte, hätte ich wahrscheinlich abgesagt. Je näher die Pension herangerückt ist, desto mehr Gespräche habe ich gehabt. Tatsache ist: Die Autobranche liegt mir sehr am Herzen. Und der Arbeitskreis der Automobilimporteure steht in den nächs­ten Jahren vor großen Herausforderungen.

Worauf wird’s ankommen?
Einerseits ist es nicht einfach, einen Arbeitskreis der Automobilimporteure auf einen Nenner zu bringen, zumal im Geschäftsalltag jeder Hersteller letztlich seines Glückes Schmied ist. Es geht darum, die Interessen zu bündeln und an den richtigen Stellen optimal zu vertreten.

Haben Sie bereits ein Netzwerk in der Politik oder gilt es, das jetzt aufzubauen?
Mein eigenes ist logischerweise noch gering. Das Netzwerk hat Geschäftsführer Christian Pesau. Ich verlasse mich einstweilen auf das Haus der Industriellenvereinigung.

Weder die Menschen auf der Straße noch branchenfremde Opinion Leader haben eine Ahnung, wie wichtig die Autobranche für Österreich ist.
Der Mensch von der Straße ist ja nicht unsere Zielgruppe, wenn wir informieren, was die Branche leistet. Denn der macht ja nicht die autofeindliche Stimmung. Dafür sind die Politiker verantwortlich.

Die haben aber auch keine Ahnung.
Ja, aber sie machen die Stimmung gegen das Auto. Genau so wie viele Wirtschaftsjournalisten, die oftmals sehr sprunghaft agieren. Oder der ORF, für den es seit zwei Jahren de facto nur noch Elektroautos gibt.

Welche Herausforderungen gibt es?
Kurzfristig ist die größte Herausforderung das Finanzministerium dabei einzubremsen, über die NoVA mehr Geld zu lukrieren. 2017 kommt das neue Abgastestverfahren. Alle Finanzminister in der EU werden sich die Hände reiben. Fast in allen Ländern gibt es Steuern auf den CO2-Ausstoß. Wenn man in Österreich die NoVA-Berechnung nicht ändert, kassiert der Finanzminister um 20 bis 25 % mehr NoVA. Der Leidtragende ist dann der Endverbraucher. Herauskommen muss eine aufkommensneutrale NoVA-Berechnung – egal, ob Test­zyklus alt oder neu.

Was können Sie tun?
Unsere Aufgabe wird sein, diese Krux in Musterberechnungen darzustellen und konkrete Vorschläge zu machen, wie der Wechsel von der aktuellen ­Euro-Norm zur neuen Testzyklus-Norm vonstatten gehen kann. Es wird eine Überbrückungszeit geben müssen, in der die Hersteller beide Testergebnisse darzulegen haben.

Ist das die einzige Bedrohung, oder steht uns auch eine Mineralölsteuererhöhung ins Haus?
Diskussionen gibt es immer. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die MöSt erneut erhöht wird.

Im Jänner bei unserem Interview als Mazda Österreich-Chef sagten Sie, Sie würden mit einer MöSt-Erhöhung nach der nächsten Wahl rechnen.
Wir wissen nicht, welche Regierung wir nach der nächsten Wahl haben werden. Eine Prognose ist schwierig. Tatsache ist, dass täglich neue Steuern diskutiert werden. Beispielsweise ist die Bemautung der Bundesstraßen für Lkw nichts anderes als eine Massensteuer. Der Lenkungseffekt wird minimal sein, für die Kosten wird der Endverbraucher aufkommen.

Wie groß oder klein erachten Sie die Chance, dass die Ökoprämie wieder aufgelegt wird?
Das ist schwierig einzuschätzen. Ich denke aber, dass die Entscheidung in Deutschland, die Elektromobilität für Private zu fördern, auch in Österreich für ein Umdenken sorgen wird. Im Zuge dieser Gespräche hoffe ich, dass wir die Politik davon überzeugen können, dass es eine gute Sache wäre, durch die Ökoprämie die alten Stinker von der Straße zu bringen.

Seit Jänner steigen die Neuzulassungen wieder. Die Politik wird sagen: „Euch geht es doch eh so gut.“
Man müsste viele Tageszulassungen abziehen …

Sie waren als Mazda-Chef immer ein großer Kritiker.
Ja, die Autoindustrie würde dann ganz anders dastehen. Sie haben in jedem Fall recht, dass es der falsche Weg wäre, zum Finanzminister zu gehen und zu sagen: Wir sind so arm, wir verkaufen zu wenig Autos. Wir müssen argumentieren, wie wir 13 Jahre alte und ältere Fahrzeuge von der Straße bringen. 

Thema: Kurzzulassungen. Ihr Vorgänger Clary hat gemeint: „Ich kann und will den Herstellern nicht vorschreiben, wie sie ihre Fahrzeuge absetzen sollen.“ 
Ich kann und will das auch nicht. Aber ich will nicht alle Kurzzulassungen verdammen. Jene, die einen Lenkungseffekt hervorrufen, für den Käufer attraktiv gemacht werden und in Österreich bleiben, das ist die eine Schiene. Die andere ist jene, wo man Autos anmeldet und exportiert und keinerlei Wertschöpfung in Österreich bleibt. Damit wird nur die Statis­tik gefälscht. Grundsätzlich geht’s für mich darum, wie der CO2-Ausstoß beim Individualverkehr verringert werden kann. Die Ökoprämie wäre da effizient.

Wird die autofeindliche Politik zunehmen?
Ich befürchte, dass sie das wird.

Als Mazda-Chef waren Sie immer bekannt für Ihre offenen Worte. Haben Sie sich vorgenommen, das als Interessenvertreter beizubehalten?
Ich denke, dass es wichtig ist, dass man authentisch ist. Das bin ich, und das bleib’ ich.

Autor/in:
Wolfgang Bauer
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