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LIM Georg Ringseis mit Lehrling Matthias Handl (2. Lehrjahr).

Georg Ringseis im Interview

11.09.2018

GEORG RINGSEIS, LIM der Wiener Kfz-Techniker und Betriebsinhaber, über Imageprobleme, bildungspolitische Irrwege und fehlende Sanktionen bei der Lehrlingsausbildung.

Georg Ringseis

KFZ Wirtschaft: Herr Ringseis, wie sehr haben sich die Anforderungen an den heutigen Kfz-Techniker im Vergleich zu vor 20 oder 30 Jahren verändert?
Georg Ringseis: Sehr stark. Unser Beruf ist wesentlich schwieriger, umfangreicher und komplexer geworden. Nicht umsonst wurden die Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker und dem Dach der Kfz-Techniker vereint.

Es herrscht hohe Unzufriedenheit bezüglich der Lehrlingssituation. Viele Betriebe finden zu wenige gute Lehrlinge. Die Situation ist nicht neu. Wo ist der Knackpunkt?
Oftmals fehlt es an der Leistungsbereitschaft der Lehrlinge und der Vorbildung. Viele Junge haben in ihrer Pflichtschulzeit nicht einmal die Grundkenntnisse mitbekommen: Lesen, logisches Denken, Rechnen. Zu viele Betriebe müssen dann diese Grundkenntnisse auffrischen oder erst schaffen, um dann darauf mit der Lehre aufzubauen. Das ist aber weder die Aufgabe der Berufsschulen noch der Betriebe. Das muss die Pflichtschule erledigen.

Und wo müsste man jetzt Ihrer Meinung nach ansetzen?
Im Bildungswesen. Es muss ab der Volksschule ein spielerischer Leistungsdruck gefordert werden, damit die Jungen erlernen, dass man im Alltag seine Leistungen erbringen muss.

Sehr viele scheitern bei der Lehrabschlussprüfungen. Muss man das Niveau senken, um mehr Lehrlinge für den Arbeitsmarkt zu haben?
Nein, ich halte das für genau den falschen Weg. Seitens der Bundesinnung möchten wir das Niveau der Lehrabschlussprüfung noch weiter erhöhen. Ich habe lieber etwas weniger aber gut ausgebildete Lehrlinge, als viele schlecht ausgebildete. Das Problem ist, dass die Lehrabschlussprüfung nur eine Momentaufnahme ist. Zusätzlich haben verschiedene Kfz-Betriebe verschiedene Ansprüche an ihre Lehrlinge bzw. Gesellen.

Berufsschuldirektoren, Betriebsinhaber, Innungsvertreter – jeder sagt, dass der Beruf des KFZTechnikers deutlich umfangreicher geworden ist. Die Lehrzeit ist aber seit Jahrzehnten unverändert geblieben. Müsste man vielleicht die Lehrzeit dem neuen Berufsbild anpassen und entsprechend verlängern?
Darüber könnte man nachdenken. Man darf aber nicht vergessen, dass die Jungen auch ein Ausbildungsende vor Augen haben wollen. Wenn die Ausbildung dann plötzlich deutlich länger wird, kann das unüberwindbar scheinen.

„Ab der Volksschule sollte ein spielerischer Leistungsdruck eingefordert werden.“ GEORG RINGSEIS, LIM WIEN KFZ TECHNIKER

Aber Sie stimmen zu, dass heutige Lehrlinge wahrscheinlich das Doppelte oder Dreifache erlernen müssen als früher, oder? Wie soll das in der gleichen Zeit möglich sein?
Ja, es ist mehr geworden. Die Aufgabe besteht darin, das ganze Wissen kompakter und effizienter zu vermitteln und vielleicht auch entsprechend mit Prioritäten zu versehen. Aber die Grundausbildung des Kfz- Handwerks muss immer gleich bleiben. Und man darf nicht vergessen, dass man auch als Geselle noch lange nicht ausgelernt hat und weiterhin ständig auf Fortund Weiterbildung ist.

Halten Sie das duale Ausbildungssystem dann noch für die beste Lösung?
Ja, absolut. Ich wünsche mir aber, dass im Berufsschulzeugnis auch eine Note vom Lehrbetrieb enthalten ist. Und wenn die negativ ausfällt, dann sollte das Lehrjahr zu wiederholen sein. Lehrbetriebe sollten mehr Sanktionsmöglichkeiten erhalten, um den weniger leistungswilligen Lehrlingen während der Ausbildung ihre Grenzen aufzeigen zu können.

Liegt die Misere nicht nur am schlechten Image der Lehre? Eltern sagen oft, es soll den Kindern besser gehen, deswegen werden Matura und Studium bevorzugt. Müsste man vielleicht bei den Eltern ansetzen?
Man muss bei den Kindern und den Eltern ansetzen. Und natürlich müssen wir das Image der Lehre verbessern. Das betrifft übrigens alle Branchen. Aber ich sage es offen: Wir werde nicht gehört. Dabei ist das Erlernen eines Handwerks etwas Wunderbares. Und viel zu wenige kennen die Variante der Lehre mit Matura, wo Absolventen dann die freie Wahl haben, in welche Richtung sie gehen wollen. Wir müssen uns auch davon lösen, dass ein Kfz-Techniker immer nur an Autos schraubt. Die Ausbildung ist eine gute Basis für ein breites Berufsfeld.

Werden wir konkreter: Was wäre für die Betriebe sinnvoll, um die Lehrlingsproblematik eindämmen zu können?
Ein Lehrling kostet Zeit und Geld, vor allem im ersten und zweiten Lehrjahr. Ab dem dritten Lehrjahr sollte der junge Mensch aber soweit sein, dass er für den Betrieb zumindest kostendeckend ist, weil man ihm genug Arbeiten anvertrauen kann. Wenn man die Betriebe mehr fördern würde, beispielsweise mit einem Erlass der Lohnnebenkosten während der Lehrzeit, würde man sie finanziell entlasten.

Das gesparte Geld können die Betriebe in eine bessere Ausbildung oder sogar in einen zweiten Lehrling investieren. Man müsste es sich einmal durchrechnen: Kurzfristig kostet es den Staat zwar Geld, aber langfristig – glaube ich – gäbe es weniger Arbeitslose.

Sie sind Landesinnungsmeister und Vertreter ihrer Branchenkollegen in der Wirtschaftskammer. Was kann die Kammer tun, um die Situation zu verbessern?
Wir machen immer wieder Vorschläge, was uns und der Branche helfen könnte. Aber wir werden einfach nicht gehört. Dafür ist der politische Gegenwind zu groß. Durch fehlende Sanktionsmöglichkeiten können wir nicht den nötigen Druck ausüben.

Dann lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Werden wir in 15 Jahren wieder hier sitzen und über das Gleiche sprechen?
Eine Zukunftsprognose ist sehr schwer, weil die relevanten Entscheidungen auf politischer Ebene getroffen werden. Derzeit sind wir bildungspolitisch auf dem Holzweg.

Wie schaut dieser Holzweg aus?
Es fängt schon in der Volkschule an, wenn Schulnoten unerwünscht sind. Noten haben nicht wehgetan. Sie können helfen, sich selbst einzuordnen. Der Leistungsgedanke gehört schon bei Kindern gestärkt. Ein Beispiel aus dem Lehrmaterial: Dort fängt es mit den Rechten des Lehrlings an. Ich würde mit den Pflichten anfangen und dann mit den Rechten. Natürlich ohne dem Lehrling um seine Rechte zu bringen – ganz und gar nicht – aber nur um zu verdeutlichen, dass jeder junge Mensch ein Recht auf Ausbildung haben soll. Aber er soll auch wissen, dass das mit Pflichten und Leistungen einhergeht, die er im Laufe seiner Ausbildung zu erbringen hat.

Autor/in:
Philipp Bednar
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