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Erik Papinski, BIM Karosseriebauer; Josef Harb, BIM Kfz-Techniker; Klaus Edelsbrunner, BGO (v. l.)

Ideen für die Ausbildung der Zukunft

21.05.2019

Ob Duale Akademie in Oberösterreich oder die „Automotive Lehre neu gedacht – vom Lehrling bis zum MBA“ der FH Kufstein – die KFZ Wirtschaft bat drei Top-INTERESSENVERTRETER zum Gespräch über Ausbildung und Zukunft der Branche.

JOSEF HARB, BIM KFZ-TECHNIKER
ERIK PAPINSKI, BIM KAROSSERIEBAUER

In Oberösterreich bietet die Duale Akademie Kfz-Betrieben Zugriff auf über 2.000 AHS-Maturanten und Studienabbrecher, die als Einzelhandelskaufmann/-kauffrau oder Kfz-Techniker/- in in der Automobilbranche durchstarten wollen; um die duale Ausbildung zu modernisieren und einen durchgängigen Karrierepfad vom Lehrling zur Führungskraft zu gewährleisten, haben die FH Kufstein und Vertreter der Wirtschaft ein neues Programm zur Aufwertung der Lehre entwickelt.

KFZ Wirtschaft: Herr Papinski, Sie haben nach dem 5-Länder-Treffen der Karosseriebauer in Friedberg (Deutschland) die von der Schweiz präsentierte zweijährige Ausbildung zum Carossier-Monteur als „grundsätzlich interessant“ bezeichnet.
Erik Papinski: Ja, Qualifizierten steht in der Folge auch das Absolvieren der gesamten Lehre offen. Wenn ich österreichische Betriebe betrachte, brauche ich Leute, die Montage- und Demontagearbeiten machen. Das heißt: Wir brauchen nicht zwangsläufig unfertige Akademiker.
Herr Harb, wie sieht es in Ihrem Bereich in Bezug auf Ausbildung aus?
Josef Harb:
Die duale Ausbildung ist nach wie vor das Fundament der guten Qualität unserer Ausbildung. Die letzten zwei Lehrlinge, die in meinem Betrieb ausgebildet wurden, hatten die Handelsschule gemacht, aber das wurde nicht angerechnet. Ziel muss sein, dass sowohl technische als auch kaufmännische Ausbildungen angerechnet werden. Vor allem wir Kfz-Techniker brauchen bestens ausgebildete junge Menschen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch die FH Kufstein erwähnen, die eine hervorragende Weiterbildung ermöglicht, die man berufsbegleitend absolvieren kann.

„Es gilt die Devise: Besser mehr Lehrlinge ausbilden als zu wenig.“ JOSEF HARB, BIM KFZ-TECHNIKER

Sie haben immer Lehrlinge ausgebildet?
Josef Harb:
Ja. Ich habe in meinem Leben über 100 Lehrlinge ausgebildet. 50 bis 60 arbeiten jetzt bei Magna. Mein Appell an die Mitgliedsbetriebe war immer: Bildet Lehrlinge aus. Das macht zwar auch Sorgen, aber noch größere Sorgen macht der Facharbeitermangel. Wir im Betrieb haben durchwegs Eigenbauspieler. Das ist das Fundament von jedem Betrieb. Die Betriebe mit den am besten ausgebildeten Mitarbeitern haben die besten Zukunftschancen. Das ist doch ganz logisch. Wir hatten in der Steiermark voriges Jahr um zehn Prozent mehr Lehrlinge als im Jahr davor.

Ist es im Laufe der Jahrzehnte schwieriger geworden, gute junge Menschen zu finden?
Josef Harb:
Das Niveau ist gesunken. Vor 30 Jahren haben wir nach der Aufnahmeprüfung von 25 Bewerbern zwei oder drei genommen. Heute ist das Niveau so, dass ich alle 25 von damals nehmen müsste. Lesen, Schreiben, Rechnen sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Ich nehme im Übrigen nur jemanden, der auch soziale Kompetenz hat. Grüßen ist eine absolute Notwendigkeit. Meine Chefs sind die Kunden und die tolerieren es nicht, wenn sie nicht gegrüßt werden.
Klaus Edelsbrunner: Die Schnupperlehre ist etwas Wesentliches. Eine Woche lang kann man sich einen guten Eindruck verschaffen; eine Woche kann sich niemand verstellen. Bei uns entscheiden Kfz-Meister und Betriebsleiter. Es gibt keinen Eignungstest, sondern ein persönliches Gespräch. Mit mir und vor allem mit jenen, die den Jugendlichen ausbilden.
Erik Papinski: Es gibt ein enormes Stadt/Land-Gefälle, die Steiermark ist sicher noch begünstigt. Aber grundsätzlich ist das Potenzial da. Wir müssen da ansetzen, dass die ganze Geschichte schlicht cool wird. Und dass die Eltern miteinbezogen sind. Überdies müssen wir dort sein, wo die Jugendlichen sind. Social Media zum Beispiel. Wobei es etwa auf Facebook nicht reicht, einfach ein Inserat zu schalten. Es bedarf einer Interaktion sowie Aktivitäten. Auch die Kino-Werbung wird wieder wichtiger, bin ich überzeugt.
Josef Harb: Ich bin überzeugt davon, dass Social Media essenziell sind. Ich bin auch sehr aktiv auf Facebook. Auch in puncto Lehrlings- bzw. Mitarbeiterrekrutierung.
Klaus Edelsbrunner: Was wir auch nicht vergessen dürfen: Kfz-Techniker ist die beliebteste Lehre überhaupt.

Stichwort Fachkräftemangel: Ist es tatsächlich so, dass man am Markt niemanden kriegt?
Josef Harb:
Es ist tatsächlich sehr schwierig. Es geht darum, Fachkräfte selbst auszubilden. Und deshalb gilt die Devise: besser mehr Lehrlinge ausbilden als zu wenig.
Klaus Edelsbrunner: Bei unserer Kooperation mit der FH Kufstein sind alle Automobilhersteller mit von der Partie. Wir sind gerade dabei, Namensänderungen durchzuführen. Im Verein mit neuen Inhalten in der Lehre selbstverständlich. Einzelhandelskaufmann für Kfz bleibt. Mit dem Zusatz Automobilkauffrau bzw. Automobilkaufmann.

Der Direktor der Siegfried Marcus-Berufsschule, Markus Fuchs, hat kürzlich im Gespräch mit der KFZ Wirtschaft vorgeschlagen, die „Berufsschule“, ein für ihn „angestaubter Begriff“, in „Mobility School“ umzubenennen.
Erik Papinski:
„Mobility School“ klingt grundsätzlich gut. Die Sprache verändert sich permanent. Insofern wird es auch einer Entstaubung bedürfen. Man kann heute nicht mehr auf Begriffen bestehen, die schlicht veraltet sind. Klaus Edelsbrunner: Wie der Begriff ist, ist Geschmackssache. Wichtig ist, dass die Inhalte neu aufgestellt werden.

„Wir müssen letztlich dort sein, wo die Jugendlichen sind.“ ERIK PAPINSKI, BIM KAROSSERIEBAUER

Welche Herausforderungen kommen auf die Kfz- Betriebe zu?
Erik Papinski:
Ich mache mir keine Sorgen, ich sehe die Chancen. Wie enorm sich der Beruf verändert hat: vom Kunststoff über Carbon bis zu hochfesten Stählen. Was die Antriebe betrifft, sind wir Karosseriebauer nicht wirklich betroffen.
Autonomes Fahren kann Ihnen angesichts der geringeren Schadenshäufigkeit nicht egal sein.
Erik Papinski:
Man wird auf den Hauptverkehrsrouten autonom fahren. Wenn man den ländlichen Raum hernimmt, dann müsste man jedes Moped und jeden Traktor auf „autonom“ stellen, damit das System im Gesamten funktioniert. Es wird zu einer Veränderung der Schäden kommen, mehrere kleinere Schäden werden an der Tagesordnung stehen.
Klaus Edelsbrunner: Wir haben die Anbauteile, wir haben die gesamte Komfortelektronik, es wird immer genug zum Reparieren geben.
Josef Harb: Gemäß der aktuellen Studie von Professor Eichlseder (Helmut Eichlseder, Vorstand Institut für Verbrennungskraftmaschinen und Thermodynamik, TU Graz; Anm. d. Red.) werden Neuzulassungen 2030 zu 75 % Hybride sein. Das heißt, ich habe zum Verbrennungsmotor noch einen Elektromotor und damit zusätzliche elektronische Steuereinheiten. Wir haben 6,9 Millionen Fahrzeuge, die den aktuellen Bestand ausmachen. Dazu kommen jährlich 300.000 Neuzulassungen. Die Arbeit wird uns in den nächsten Jahren keinesfalls ausgehen.
Erik Papinski: Wenn man das durchschnittliche Einkommen des Österreichers betrachtet, ist klar, dass es einige Zeit dauern wird, bis all die zahlreichen technischen Innovationen flächendeckend auf unseren Straßen sein werden. Kurz gesagt: Der Altbestand an Fahrzeugen wird uns noch sehr lang erhalten bleiben.
Klaus Edelsbrunner: 10 bis 15 Jahre in jedem Fall. Wobei das Jahr 2030 eine Zäsur sein wird, eine große Herausforderung. (Die EU verlangt bis 2030 eine Reduktion der CO2-Emissionen von 37,5 % bei Neuwagen; Anm. d. Red.)

Elektroautos machen derzeit rund zwei Prozent aller Neuzulassungen aus. Wie schnell wird’s gehen?
Klaus Edelsbrunner:
Jetzt dauert es einmal zwei bis drei Jahre, bis die Autos lieferbar sind. Sodann wird es weitere drei bis fünf Jahre dauern, bis die Infrastruktur so weit ist, dass die Autos überhaupt verkauft werden können. Wir werden also dann die Autos haben, aber nicht die Kunden dafür. Jene, die am Land wohnen, kaufen ohnehin keine Elektroautos, und die Städter haben das Problem, dass sie nicht wissen, wo sie laden sollen.
Josef Harb: Die Bewohner des Speckgürtels von Graz werden in der Steiermark die größten Abnehmer sein, denke ich. Das Elektroauto als Zweitauto sozusagen.

Werden die Preise deutlich runtergehen?
Klaus Edelsbrunner:
Im Gegenteil. In Zukunft werden sich nicht mehr alle Menschen ein Auto leisten können.

Autor/in:
Wolfgang Bauer
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