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Der von der FH Kärnten im Jahr 2010 angekaufte Th!nk City war eines der ersten Serien-Elektroautos in Österreich.

Diagnosekrimi: Lehrstück mit Leiche

09.04.2021

Nach zehn Jahren im Dienst der FH Kärnten gibt der rein elektrisch angetriebene Kleinwagen Th!nk City seinen Geist auf. Nach mehreren vergeblichen Reparaturversuchen landet er in der Fachberufsschule Villach 2, wo ein Diagnosekrimi seinen Anfang nimmt. 

Mit dem Ankauf des rein elektrisch angetriebenen Kleinstwagens Th!nk City im Jahr 2010 will die FH Kärnten die Perspektiven der Elektromobilität im Alltag studieren. Nachdem der mit einer Lithium-Ionen-Batterie ausgestattete Zweisitzer rund 30.000 Kilometer lang brav seine Runden dreht, schaltet er eines Tages ins Notlaufprogramm.

Trotz der folgenden Odyssee durch mehrere Werkstätten gelingt es nicht, den Th!nk wieder flottzumachen. Der Grund: Der Hersteller Th!nk Global AS ist mittlerweile insolvent, technische Informationen und Ersatzteile sind nicht mehr aufzutreiben. So landet der ­Elektro-Kleinstwagen schließlich in der Fachberufsschule Villach 2, wo er im Rahmen eines Schulprojektes unter der Leitung von Fachlehrer Daniel Haid von den ­Mädchen und Burschen des Kfz-Technik-Lehrgangs wieder flottgemacht werden soll. Ziel ist es, seine Verkehrstauglichkeit im Rahmen einer kosten­optimierten Reparatur wiederherzustellen und eine Zertifizierung gemäß § 57a vorzubereiten. Ein Diagnosekrimi beginnt.

● Die Erstdiagnose des etwas ramponierten Wagens ergibt: Die Motorkontrolllampe leuchtet, das Auto läuft nur im Notprogramm. An einer Delle im Dach hinten links ist Wasser eingedrungen. Am Fahrwerk sind die ­vorderen Querlenkergummis beidseitig gerissen, Bremsscheiben und ­-klötze stark rostig, die hinteren Bremsen stecken fest. 
● Das deformierte Kunststoffdach wird abgeschraubt und mit Heißluftföhn und Wärmelampe bearbeitet, um die Delle auszugleichen – erfolglos. Nachdem kein Ersatzdach aufzutreiben ist, wird die Stahlverstrebung wieder angeschraubt und die Berufsschüler*innen der Fahrzeugbautechnik fertigen ein passendes Ersatzdach aus Blech an. 
● Der Versuch, die Ursache der Antriebsstörung in der Fahrzeugelektronik mittels Bosch-Diagnosegerät zu finden, scheitert vorerst mangels geeigneter Diagnosesoftware. Schließlich wird an der FH Kärnten ein Laptop mit aufgespielter Th!nk-Diagnosesoftware aufgetrieben, doch auch diese zeigt keinen Fehler an.

● Eine genauere Untersuchung der Bordelektrik zeigt, dass zwei Sicherungen fehlen. Außerdem ist der Sicherungskasten feucht und stark oxidiert. Weitere Mängel deuten auf vergebliche Reparaturversuche hin: Ein Kabel im Kabelstrang ist gerissen, zwei Lötverbindungen sind von minderwertiger Qualität, zwei Kabel zu lang, die CAN-Busleitungen nicht verdrillt.
● Um die Kommunikation der Batterie zu überprüfen, wird der Th!nk stromlos gemacht. Anschließend wird der schwere Akku mangels passender Hebewerkzeuge mit Muskelkraft herausgehoben, wobei zehn Schüler gleichzeitig mit anpacken. 
● Das gebrochene Kabel und die zu langen Kabel werden ersetzt und neu verlötet, die Batterie – diesmal mit einem Batterieheber – wieder eingebaut. Eine Probefahrt verläuft erfolgreich, das Armaturenbrett und der gereinigte Sicherungskasten werden ebenfalls wieder eingebaut.
● Auf der nächsten Probefahrt schaltet das Auto ohne erkennbare Ursache erneut in den Notlauf und zeigt einen Hochvolt-Fehler an. 
● Das Armaturenbrett wird erneut zerlegt, überprüft und wieder zusammengebaut, und siehe da, der Th!nk läuft wieder, die Reparatur des Antriebs bleibt nachhaltig ­erfolgreich.
● Die oberflächlichen Karosserieschäden werden mittels Entrosten, Abschleifen und Lackieren behoben. Ohne passende Ersatzteile gelingt es aber nicht, Bremsen und Querlenker zu reparieren, sodass das Ziel, den Th!nk fit für die Pickerlüberprüfung zu machen, in weite Ferne rückt. 
● Fazit: Der Diagnosekrimi endet mit einer Teillösung, der fahrbereite, doch nicht für den öffentlichen Verkehr zugelassene Th!nk City bleibt der FBS Villach 2 als Lehrstück erhalten. 

 

Wussten Sie, dass... 

Der Th!nk City war das erste serienreife Elektroauto aus europäischer Fertigung mit EU-Typengenehmigung. 1999 übernahm Ford die Aktienmehrheit des kleinen norwegischen Fahrzeugherstellers Pivco Industries, benannte das Unternehmen in Th!nk Nordic AS um und entwickelte den Th!nk City. 2009 stieg Ford wieder aus, und der norwegische Staat und der finnische Autobauer Valmet übernahmen die Firma. Die volle Produktionskapazität mit bis zu 12.000 Fahrzeugen pro Jahr wurde Ende 2010 im Valmet-Werk im finnischen Uusikaupunki erreicht. Österreich-Importeur Denzel nahm den Th!nk City in sein Portfolio auf, als dieser anstatt mit der ursprünglichen Zebra-Batterie mit Lithium-Ionen-Batterie ausgestattet wurde. 2011 schlitterte der norwegische Hersteller in die Insolvenz, das Unternehmen wurde vom russischen Investor Boris Zingarewitsch übernommen. Ob dieser die Produktion von Elektroautos jemals wieder aufnehmen wird, ist bis heute unklar. 

Autor/in:
Peter Seipel
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