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Walter Birner: „Keine Daten, kein Geschäft“

17.06.2019

Walter Birner, Inhaber von Birner und Gründer des Vereins Carmunication, spricht im Interview über die letzte Vereins-Generalversammlung sowie die Zukunft des datengestützten Reparaturwesens.

Walter Birner, Inhaber von Birner und Gründer des Vereins Carmunication im Gespräch mit der KFZ Wirtschaft.
ÜBER MOBILE DEVICES

 

Das französische Unternehmen verfügt über 17 Jahre Erfahrung im Bereich Telematik. Mit 1,7 Millionen verbundenen Fahrzeugen und 1200 laufenden Projekten weltweit ist es einer der wichtigsten Player auf diesem Gebiet. Das Angebot von Mobile Devices umfasst die Themen Flottenmanagement, Leasing, neue Mobilitätsservices und Datenmonetarisierung. Hervorzuheben ist außerdem die Zertifizierung durch die OEM (europäische & amerikanische Fahrzeughersteller).

 

ÜBER CARMUNICATION

Der gemeinnützige Verein Carmunication sammelt relevante Fahrzeugdaten – sogenannte Auto-Live-Daten – und stellt diese auf der Carmunication-Plattform für alle Mitglieder bereit. Mit der Entwicklung und Wartung dieser Plattform sichert Carmunication aktiv den freien Zugang zu Auto Live Daten. Mehr unter www.carmunication.eu

 

 

KFZ Wirtschaft: Herr Birner, Carmunication ist ein gemeinnütziger Verein, der Vereinsmitgliedern den freien Zugang zu Auto-Live-Daten sichern möchte. Warum setzen Sie sich dafür so ein? Walter Birner: Auto-Live-Daten sind entscheidend für die Analyse und Diagnose, insbesondere dann, wenn Probleme auftauchen, Reparaturen durchzuführen sind oder der Wert eines Fahrzeugs geschätzt werden soll. Versicherungen und Fuhrparkbetreiber, Pannendienste und IT-Dienstleister, Markenwerkstätten und Ersatzteileproduzenten, Kfz-Hersteller, Diagnoseanbieter, aber auch öffentliche Institutionen haben daher ein berechtigtes Interesse an Auto-Live-Daten. Wir möchten mit Carmunication unseren Beitrag leisten, dass freie Werkstätten und Betriebe auch noch in Zukunft ein Geschäft machen können. Denn ohne Fahrzeugdaten kein Geschäft.

Wie viele Mitglieder hat der Verein bis dato? Mit Stand heute sind es 38 internationale Mitglieder.

Was hat die letzte Generalversammlung in Amsterdam für Neuerungen gebracht? Wir haben einen Meilenstein in unserer technischen Entwicklung geschafft. Die Carmunication Plattform setzt sich ab sofort aus zwei technischen Einheiten zusammen. Der erste Teil wird von Atlas – einer typischen Internet of Things Lösung – betrieben und der zweite von Mobile Devices (Details siehe Kasten) – einer klassischen fahrzeugspezifischen Plattform. Beide sind mit einer Schnittstelle verbunden. So können wir die Vorteile beider Plattformen optimal nutzen.

Wozu braucht es zwei unterschiedliche Plattformen? Weil beide Plattformen ihre jeweiligen Vorzüge haben. Carmunication arbeitet hierfür mit zwei hochprofessionellen Lieferanten zusammen, um die Daten für die Vereinsmitglieder bestmöglich zugänglich zu machen.

Wieso glauben Sie, dass die Daten so eine enorme Rolle im Reparaturgeschäft der Zukunft spielen werden? Moderne Autos sammeln eine Unmenge an Daten, die für die Analyse, Fehlerbehebung und Reparatur des Fahrzeugs unerlässlich sind. Derzeit möchte die Autoindustrie diese Daten nur für sich nutzen können und erschwert den Zugang für freie Betriebe. Das ist nicht im Sinne eines freien Wettbewerbs. Die derzeitige Struktur ist sehr ausgewogen, die Hälfte der Arbeiten werden von freien und die andere Hälfte von markengebundenen Werkstätten erledigt. Würde man den Betrieben den Zugang zu den Daten kappen, könnten diese nicht alle Reparaturen durchführen und der Endkonsument hätte keine andere Wahl, als den Markenbetrieb anzusteuern. Das ist definitiv kein freier Wettbewerb.

Wie akut ist die Gefahr, dass die Datenhoheit bei den Automobilherstellern landen wird? Der EU-Kommission wurde Ende Mai ein Testbericht zum Thema „Extended Vehicle“ vorgelegt. Hierbei wurde untersucht, wie gut berechtigte Dritte auf Fahrzeugdaten von drei verschiedenen Herstellern zugreifen können. Der Bericht ist mehrere Hundert Seiten lang. Aber zusammengefasst belegen die Fakten eindeutig, dass Dritte nicht so auf die Daten zugreifen können, dass sie damit professionell und vergleichbar arbeiten können. Bereits jetzt ist der Marktanteil solcher Fahrzeuge in unseren Breiten bei rund 15 bis 20 Prozent. Und deren Anteil wächst jährlich um fünf bis sieben Prozent. Es ist bereits heute ein kritischer Marktanteil, der rasant zunimmt.

Was bedeutet das nun konkret für die jetzige Situation? Die EU-Kommission sollte die Wünsche des Konsumenten im Auge haben. Der Konsument soll entscheiden können, wer Zugriff auf seine Daten hat und nicht der Automobilhersteller. Sonst landen wir bei einem geschlossenen System, das eventuell freie Betriebe ausschließt und ihnen damit die Geschäftsgrundlange nimmt. Denn irgendwann sind auch die alten Autos kaum noch nennenswert im Straßenbild vertreten. Und: Es ist sogar zum Vorteil der Markenbetriebe selbst, denn sie könnten ja gar nicht all die Arbeit ableisten, die derzeit anfällt. Oder woher wollen sie plötzlich ihre Kapazitäten verdoppeln?

„Carmunication ist ein gemeinnütziger Verein, der keine politische Arbeit betreibt.“ WALTER BIRNER GRÜNDER VON CARMUNICATION

Bedeutet das, dass Carmunication auf EU-Ebene Lobbyarbeit betreibt? Nein, gar nicht. Carmunication ist ein gemeinnütziger Verein, der keine politische Arbeit betreibt. Aber wir vertreten genau die gleichen Ansichten wie unsere Interessenvertretung auf EU-Ebene, beispielsweise die FIGIEFA. Wir selbst sind reine Geschäftsermöglicher, um den freien Wettbewerb im Reparaturgeschäft zu unterstützen und den Daten- Zugang zu ermöglichen.

Was sind somit die nächsten Carmunication- Schritte? Es gibt zwei Stoßrichtungen: Erstens wollen wir unsere neue Plattform umsetzen. Zweitens möchten wir weitere Mitglieder gewinnen. Dafür gehen wir gezielt in verschiedene Länder, um dort vor Ort das Thema zu pushen und den Verein weiter zu verbreitern und zu internationalisieren.

Autor/in:
Philipp Bednar
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