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Innungs­­meister-Stell­vertreter Roman Keglovits-Ackerer stellt die Ausbildung neu auf.

„Wir müssen die alten Wege verlassen“

14.05.2021

Roman Keglovits-Ackerer, Innungsmeister-Stellvertreter und Bundesbildungsreferent der ­Bundesinnung Fahrzeugtechnik, erklärt die Logik hinter der Aus- und Weiterbildungsreform. 

KFZwirtschaft: Die Bundesinnung hat eine neue Aus- und Weiterbildungsstrategie formuliert und damit eine Reform auf den Weg gebracht. Wie schwierig war das bzw. wie lange hat es gedauert? 

Roman Keglovits-Ackerer: Die Diskussion hat schon unter Bundesinnungsmeister Nagl begonnen, vor fünf oder sechs Jahren. Noch vor Corona gab es dann ein Treffen der Landesinnungen, auf dem wir unsere Ideen vorgestellt haben, und das hat großen Anklang gefunden. Danach ging es an die Umsetzung und die Details. Vor einem Jahr haben wir das Konzept dann in eine lesbare Form gebracht. Der Rechercheaufwand war schon beträchtlich. Der Grundlagen­beschluss erfolgte schließlich Ende 2020. 

Hat man sich auch angeschaut, wie das in anderen Ländern geregelt ist, und gibt es Vorbilder?

Ja, wir müssen über Österreich hinausschauen, haben ein internationales Netzwerk, in dem wir uns austauschen. Ein Beispiel für uns war Südtirol. Die haben eine vierjährige Lehrzeit und die gesetzliche Problematik, dass du mit 15 oder 16 Jahren dort nichts angreifen darfst in der Werkstatt. Jetzt haben sie vor ein paar Jahren den Versuch gemacht, dass die Lehrlinge zwei Jahre lang in eine Grundschule gehen müssen, zum Beispiel für Metalltechnik, und dann haben sie zwei Jahre im Betrieb zum Arbeiten. Dann den Lehrabschluss. Sie können sich also in der Basisausbildung noch entscheiden, worauf sie sich spezialisieren wollen. 

Durch die rasante technologische Entwicklung braucht man immer mehr Spezialisten, zugleich aber auch die klassischen Grundkenntnisse, oder?

Ganz genau. In der HTL funktioniert das übrigens ähnlich. Das habe ich bei meinem Sohn gesehen. Die haben auch eine allgemeine Grundausbildung mit Metallkunde, Schweißen, mathematischen Grundrechnungen usw., durchaus ähnlich wie in der Lehre, nur noch vertieft. Das hat mich bestärkt darin, dass wir eine zweijährige Grundausbildung brauchen. Jeder muss wissen, wie stark er eine Schraube anziehen muss. Und es braucht dann die Option zu einer Abschlussmöglichkeit mit höherer Qualifikation in Fachbereichen. 

Die Entwicklung ist so rasant, dass man wohl nie ausgelernt hat und ständig am Ball bleiben muss. Wie tragen Sie diesem Umstand Rechnung?

In der Kfz-Branche hat sich das Wissen in den letzten zehn Jahren vervielfacht. Durch verschiedene Qualifikationsschritte soll lebenslanges Lernen gefördert werden. Dafür sind Weiterbildungen und Qualifikationsstandards erforderlich. Ein mehrstufiges, aufeinander aufbauendes System. Wir haben den Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR), zusätzlich gilt es, für die EU-weite Anerkennung von Berufsqualifikationen einen gemeinsamen ­Europäischen Qualifikationsrahmen EQR zu implementieren. Wir müssen die alten Wege verlassen. Die Dellendrücker haben wir beispielsweise schon auf NQR5-Niveau. Das heißt mit einer richtigen Prüfung. Auch bei den Kfz-Überprüfungen müssen wir das noch optimieren. Hier haben wir zwar die Grundschulung und Weiterbildungen, aber keine Prüfungen. Mit Abschlussprüfungen – oder nennen wir es Wissenstests – würden wir uns gegenüber der Europäischen Kommission rechtlich absichern. Das ist EU-weit ein Thema. Wichtig wird außerdem, dass wir eine NQR3-Ausbildung umsetzen, als Vorausbildung vor der Lehre. Da müssen wir mit der Gewerkschaft und der Arbeiterkammer diskutieren, wie wir das machen. Das wird schwierig. 

Wie schaut es mit der Meisterprüfung aus?

Dort mussten wir nachbessern. Die Entwicklung geht in Richtung kompetenzorientierter Ausbildung und kompetenzorientiertem Prüfen. Dass man also nicht nur einzelne Fragen beantworten kann, sondern ganze Systeme versteht. Es ist uns gelungen, die Meisterprüfungsordnungen bereits gesetzlich zu verankern. Die Meisterprüfungsordnungen für Karosseriebautechnik und Karosserielackiertechnik sowie für Kraftfahrzeugtechnik entsprechen nun dem NQR6-Niveau und sind somit einem Bachelor-Studium gleichgestellt. 

Ist es nicht auch ein Vorteil der Reform, dass man bei Spezialisierungen flexibler wurde und gegebenenfalls neue Berufsanforderungen integrieren kann?

Wenn ja: Was tut sich da? Absolut. Und es tut sich wirklich viel. Es gibt beispielsweise eine Tiroler Firma, Seda, die sich auf Maschinen und Anlagen zur Verwertung von Fahrzeugen, ­insbesondere Elektro-Autos, spezialisiert hat. Da gibt es die Idee, einen Recycling-Spezialisten auszubilden. Oder, um ein weiteres Beispiel zu nennen, der Caravan-Verband ist an uns herangetreten. In dem Bereich geht es stärker in Richtung Karosseriebau sowie Tischlerei- und Elektrikerarbeiten. Generell muss man schon sagen: Wir sind nicht mehr die Schrauber, auch wenn wir das vielleicht gerne wären. Ok, es gibt dann noch das Thema Oldtimer, da gibt es in der Schweiz eine tolle Ausbildung. Aber auch das sind Spezialisten. 

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