Direkt zum Inhalt
Ute Teufelberger ist seit Februar 2019 Vorsitzende des Bundesverbands Elektromobilität Österreich (BEÖ), der die ­Interessen von elf Energieunternehmen vertritt.

„Wir werden das schaffen“

11.03.2021

BEÖ-Vorsitzende Ute Teufelberger sieht Österreich auf einem guten Weg in Sachen E-Mobilität, räumt aber ein, dass noch viel zu tun ist und Plug-in-Hybride mitunter gar nicht elektrisch gefahren werden. 

KFZ Wirtschaft: Frau Teufelberger, welche Schulnote würden Sie Österreich in Sachen E-Mobilität aktuell geben? 
Ute Teufelberger: Ich denke, Österreich muss sich in Sache E-Mobilität nicht verstecken. Im Gegenteil: Wir sind in vielen Bereichen auf einem sehr guten Weg. So setzt etwa das aktuelle ­Fördermodell richtige Anreize, die vor allem unternehmerseitig für eine starke Nachfrage sorgen. Kommen jetzt noch gute, leistbare Mitteklasse-­Automodelle, etwa die klassische „Familienkutsche“, auf den Markt, folgt wohl die nächste große Welle.

Die E-Mobilität nimmt – nach zögerlichem Anfang – tatsächlich jetzt auch in Österreich Fahrt auf. Der große Schwachpunkt ist aber, wie in anderen Ländern (etwa Deutschland) auch, die Ladeinfrastruktur. Wie bewerten Sie den Status quo?
In Sachen Ladeinfrastruktur konnte in den letzten Jahren das Henne-Ei-Problem gelöst werden und es entstand ein flächendeckendes Netz, das nun laufend verdichtet und verstärkt wird. 

Sehen Sie die Gefahr, dass Versorgungslücken sogar größer werden könnten, weil der Ausbau der Ladeinfrastruktur nicht mit dem Marktwachstum beim Autoabsatz Schritt halten kann?
Natürlich wird es eine Herausforderung, aber wir werden das schaffen. Die Basis der öffentlichen Ladeinfrastruktur in Österreich ist gut. Ein großer Erfolgsfaktor wird in diesem Zusammenhang auch sein, dass das Laden zu Hause rechtlich vereinfacht wird. 

Sie sprechen von Mehrparteienhäusern. Wie kann man die Situation dort verbessern?
Müsste womöglich auch das Mietrecht ­adaptiert werden? Richtig. Wichtig ist, dass bei der Errichtung einer Ladestation die heute erforderliche Einstimmigkeit unter den Eigentümern wegfällt und der Genehmigungsprozess einfacher wird. Eine einfache Mehrheit wäre ein richtiger Schritt. Diesbezüglich ist eine Novelle im Wohnungseigentumsgesetz für das erste Quartal angekündigt. Erleichterungen im Mietrecht wären dann der nächste wichtige Schritt. 

Sie sind ja auch die E-Mobilitäts-Verantwortliche der EVN. Was für einschlägige Projekte gibt es in Niederösterreich und was für Lehren ziehen Sie daraus?
Ein interessantes Projekt gab es etwa in der Gemeinde Echsenbach, wo 24 Häuser einer Siedlung fünf Monate lang mit E-Autos ausgestattet wurden. Ziel war es, netzdienliches Laden und faire Voraussetzungen für alle auszuprobieren sowie umfangreiche Erfahrungen der Nutzer einzuholen. Dabei zeigte sich, dass das Stromnetz in gutem Zustand ist und gute Voraussetzungen für hohe E-Auto-Dichten bietet. Dennoch wird es in manchen Gebieten ohne 
einen Netzausbau nicht gehen.

Wenn der Absatz weiter wächst und in ein paar Jahren jeder zweite Österreicher oder sogar noch mehr ein Elektroauto besitzt: Gibt es dafür dann überhaupt genügend Strom und vor allem genügend grünen Strom?
Nein. Würden alle Österreicherinnen und Österreicher elektrisch fahren, müssten wir unsere Erzeugungskapazitäten um rund 15 Prozent erhöhen. Bis wir von diesen Größenordnungen sprechen, wird aber noch viel Wasser die Donau hinabrinnen.

Wie stehen Sie im Verband zum Thema Plug-in-Hybride?
Diese werden in neuen Studien zunehmend als grüne Mogelpackung entlarvt, die weit mehr CO2 produzieren als behauptet und Umweltverbänden zufolge gar keine Förderung verdienen. Für uns wäre wichtig, dass man, wenn die Entscheidung für einen Hybrid fällt und dieser auch gefördert wird, sicherstellt, dass dieser auch elektrisch gefahren wird. Das zu prüfen, ist in der Praxis natürlich nahezu unmöglich, wobei es Beispiele gibt, bei denen Leasingautos nach Jahren mit originalverpackten Ladekabeln zurückgebracht wurden. Um diese Frage abschließend beantworten zu können, müssen wir beobachten, wie sich bei den steigenden Reichweiten der rein elektrisch betriebenen Pkw die Nachfrage entwickelt. 

Wie sind Ihre konkreten Markterwartungen in Hinblick auf E-Mobilität?
Wie viele Fahrzeuge sind in fünf bzw. zehn Jahren in Österreich realistisch? Wir befinden uns derzeit in der vom AIT prognostizierten Kurve. Im Dezember lagen die Neuzulassungszahlen bei 14 Prozent. Wir gehen davon aus, dass wir uns auf der exponentiellen Kurve bereits am Beginn des steilen Anstiegs befinden. 
 

Autor/in:
Hans-Jörg Bruckberger
Werbung

Weiterführende Themen

Im Schauraum von Polestar in der Wiener Innenstadt stehen insgesamt nur drei Autos. Verkäufer sucht man vergebens. Wozu auch? Hier kann man gar kein Auto kaufen!
Aktuelles
06.09.2021

Automobilhandel und -vertrieb stecken inmitten ihrer größten Veränderung seit Jahrzehnten. Wir wollten wissen, wie man sich als Kunde fühlt, wenn man einen Polestar kaufen will und sind inkognito ...

Bei der  Ladeinfrastruktur besteht Aufholbedarf. Im privaten Bereich sollten Leitungen aber auch nicht überdimensioniert sein.
Aktuelles
06.09.2021

Die Elektrifizierung des Straßenverkehrs und damit einhergehend die Transformation der Autoindustrie schreiten munter voran. Aber wo genau steht Österreich und wohin geht die Reise? Die ...

Mit Immersionskühlung lassen sich die Batterieladezeiten deutlich verkürzen.
Aktuelles
31.08.2021

Automobilzulieferer Mahle konnte seinen Umsatz im ersten Halbjahr 2021 deutlich steigern. Gefragt sind unter anderem die innovativen Ladetechnik-Lösungen aus Stuttgart.

Jonas Seyfferth, Co-Autor der Studie und Direktor bei Strategy& Deutschland
Aktuelles
31.08.2021

Der „Digital Auto Report 2021“ von Strategy&, der globalen Strategieberatung von PwC, prognostiziert einen E-Anteil von 27 Prozent an den Neuwagenkäufen in Europa bis 2025.

Werbung