Direkt zum Inhalt
 

Woher und wohin rollt der Reifen

13.12.2012

Die KFZ Wirtschaft hat in ihrer letzten Ausgabe die Serie „Woher und wohin rollt der Reifen“ gestartet. Im zweiten Teil der Serie geht’s ums Internet. Wir widmen uns der Frage, welche Bedeutung das Internet beim Reifenvertrieb hat bzw. bekommen könnte. Und was das für den Fachhandel bedeutet.

Grundsätzliche Betrachtungen zur Vertriebsverteilung wurden im ersten Teil der KFZ Wirtschaft-Reifen Serie unternommen, Einschätzungen wurden getroffen und der Status quo wurde beleuchtet.  Point S-GF Michael Peschek geht von folgender Vertriebsverteilung aus: 74 bis 78 Prozent: freier Reifenhandel inklusive Wiederverwertung, 18 bis 20 Prozent Autohaus und 5 bis 8 Prozent Fast-Fitter.

Prinzipiell gilt es zwischen B2B- und B2C-Plattformen zu unterscheiden. Business-to-Business wird von Reifen-Experten auf zirka zehn Prozent geschätzt, Business-to-Customer dürfte zwischen 3 und 4 Prozent liegen.  Der Reifen ist einerseits ein beratungsintensives Produkt und lässt sich nicht eins-zu-eins mit Büchern oder CDs vergleichen. „Andererseits wächst eine Generation heran, die möglicherweise auch mit dem Reifenkauf im Internet keinerlei Probleme haben könnte“, wie Vredestein Österreich GF Thomas Körpert im Gespräch mit der KFZ Wirtschaft betont. Wohin da der Reifen Rolle, sei zurzeit noch äußerst schwierig abzuschätzen. Via Internet bestehe der „Zugang zum besten Preis“ und das sei den Deckungsbeiträgen nicht zuträglich. „Um die Überbestände wegzukriegen, wird extrem geschleudert“, sagt Körpert.

Und wenn die kleine Tankstelle letztlich zum selben Preis wie etwa ein Reifen John einkaufen könne, dann seien Querelen programmiert. Was den B2C-Bereich betreffe ist der Vredestein Österreich-GF davon überzeugt, dass das Preismerkmal im Vordergrund stehe. „Im Internet gibt’s schon Information für den Endverbraucher, aber nicht zwangsläufig vom Fachmann“, gibt Körpert zu bedenken. Das Thema „Internet“ sei aber in jedem Fall eines, an dem man nicht vorbeikomme: „Wenn sich ein Endverbraucher nur im Internet informiert und beispielsweise im Netz nach dem billigsten ÖAMTC-Testsieger sucht, dann fährt er grundsätzlich gar nicht schlecht. Der Fachhandel bleibt dabei aber auf der Strecke.“

Für Frederic Choquet-Stringer, Michelin-Vertriebsdirektor Österreich, werde das Internet zunehmend zu einer „Verkaufsplattform“, im B2B und und im B2C-Bereich. „Wir bei Michelin schauen uns das sehr genau an.“ Augenfällig sei, dass sich nicht nur der „Preiskäufer“ im Internet bediene, sondern ebenso der „Qualitätskäufer“.

Für Tassilo Rodlauer, GF von Goodyear Dunlop Österreich, hat die „Preisproblematik“ mehrere Ursachen: „Das liegt vor allem an den überhöhten Lagerbeständen.“ Die Strukturen müssten teilweise angepasst werden: „Aber der Reifenfachhandel kann sicher nicht jeden Kunden halten. Es geht um die schwierige Balance zwischen Marge und Kosten. Wir empfehlen den Konsumenten, Reifen beim Fachhandel zu kaufen. Dort erhält er kompetente Beratung und kann sich z. B. im Fall von Reklamationen an seine Vertrauensperson wenden“, so Rodlauer. Goodyear Dunlop gebe zwar Empfehlungen an die Handelspartner ab, zu welchen Preisen sie die Produkte anbieten sollten, allerdings sei der Handel autonom in seiner Preisgestaltung. „Die Niedrigpreispolitik der Online-Anbieter macht die Argumentation für den Handel leider nicht einfacher“, konstatiert Rodlauer.

Für Semperit-Marketingchef Wilhelm Krejci ist der Reifen ein „beratungs- und serviceintensives Produkt“, der Internet-Verkäufer könne den kompletten Geschäftsprozess nicht autark abbilden und benötige einen separaten Service-Partner für das B2C-Geschäft.  „Semperit ist ein Anbieter von Premiumprodukten. Wir bevorzugen Partner, die Kompetenz und Qualität gewährleisten können, wie Reifenfachhändler und Autohäuser, in der Kette vorgeschaltet auch Großhändler“. Für den Internethändler sei es schwieriger, durchgängige Qualität sicherzustellen, wenn er keine eigenen Servicestellen besitze. In wie weit für qualifizierte Montagepartner die Kooperation mit Internetanbietern ein tragbares, zukunftsorientiertes Geschäftsmodell sei, müsse jeder für dich selbst entscheiden. „Eindeutig ein wichtiges, zu optimierendes Zukunftsmodell ist der Internetshop für Händler mit Montagebetrieb. Da gibt es zwar noch Anfangsschwierigkeiten, die Diskrepanz Nettopreis versus Ab-Hofpreis ist noch nicht völlig gelöst, aber da sehe ich Zukunftschancen“. Das B2B-Segment im Internet sei ganz anderes Modell, bei dem es derzeit konstante Steigerungen gebe. Krejci: „Das wird eventuell in die tradierten Vertriebssysteme integriert werden.“

B2B und B2C
Im B2B-Segment gibt es jedenfalls bereits zahlreiche renommierte Anbieter. Da ist beispielweise Gettygo mit Sitz im deutschen Bruchsal, eine Firma, die als B2B-Onlineshop Reifenhändler, Autohäuser und Kfz-Werkstätten beliefert. Seit vergangenem Jahr auch in Österreich. GF Steffen Fritz spricht von einer Verfügbarkeitsanzeige eines Lagerbestandes von über 8 Millionen Reifen in Echtzeit und verspricht eine frachtfreie Lieferung ab zwei Stück österreichweit, die Lieferung erfolge innerhalb von 24 bis 72 Stunden (www.gettygo.at). Kaguma steht für „Kauf gutes Material“. Dabei handelt es sich um ein servicestarkes Unternehmen und Internetportal für den Reifenhandel mit gewerblichen Wiederverkäufern. Die vier kostenlosen Service-Module heißen: Quick-Starter, Verkaufsraum, Angebotstool und Einlagerungstool (www.kaguma.com). Für Kaguma spielt Österreich mittlerweile eine große Rolle, sagt GF Marco Schulz. Von wie vielen Händlern wir sprechen, will Schulz allerdings nicht verraten.
Bereits vor acht Jahren wurde die CaMoDo Automotive AG gegründet und erschuf als eines der ersten Systeme den Marktplatz tyre.100.de. Bei der CaMoDo handelt es sich um ein Vermarktungsnetzwerk, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Reifen-, Felgen- und Zubehörgroßhändler mit dem Fachhandel, Kfz-Werkstätten und Autohäusern in Kontakt zu bringen. Seit 2005 gibt es in Österreich tyre100.at

Zahlreiche Internetplattformen haben Montagepartner. Das heißt: der Endverbraucher kauft bei einem Portal seine Reifen, und diese werden von der Plattform zum Montagepartner geliefert. Bei reifendirekt.at handelt es sich um einen online-Reifenhändler mit TÜV-Zertifikat, der eine zweijährige Gewährleistung bietet. Reifendirekt.at ist ein Internetangebot der Delticom AG mit Sitz in Hannover. Klickt man auf „Montagemöglichkeit“ und gibt seinen exakten Wohnort an, werden einem die nähesten Montagepartner aufgelistet. Reifenonline.at offeriert eine 2 Wochen-Rücknahmegarantie und bietet mehr als 100 Montagepartner.

Karl-Heinz Wörle, bis vor Kurzem GF von Profi Reifen & Autoservice GmbH meint: „Das Internet hat genau da Vorteile, wo der Reifenhandel Schwächen hat. In der Erreichbarkeit, die im Internet 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche gegeben ist. Der große Nachteil des Internet sei: es brauche Dienstleister. „Und das ist genau die riesengroße Chance des Reifenfachhandels“, so Wörle. Früher habe die Industrie darauf geschaut, dass die Preise beim Reifen stabil bleiben. Dann hätten die Händler angefangen, die Dienstleistung zu rabattieren. Das sei der große Fehler des Reifenfachhandels. „Die Dienstleistung ist der USP. Das hat der Reifenfachhandel noch immer nicht begriffen.“ Wenn ein Kunde mit den Reifen, die er im Internet gekauft hat, zum Händler kommt, damit er sie ihm montiert, soll der Kunde weggeschickt werden? „Das wäre komplett falsch“, sagt Wörle. „Das wäre eine Emotion, die geschäftsschädigend ist.“ Durch die Dienstleistung bekomme man Kontakt zum Kunden. Und es komme auch vor, dass man durch die Dienstleistung Neukunden gewinne.

Größter Reifenhändler
Matthias Bartz, Marketing Manager Profi Reifen- und Autoservice GmbH sagt: „Profi Reifen als größter Reifenhändler am österreichischen Markt verknüft im B2B und B2C-Bereich online und offline Vertriebswege.  Bei uns können Endkunden 24 Stunden an 7 Tagen die Woche Reifen und Dienstleistungen kaufen und gleich einen fixen Termin vereinbaren. Bezahlt wird dann erst vor Ort. Kunden mit größeren Fuhrparks schätzen unsere Flottenlösung zur Onlineterminvereinbarung, während  im Wiederverkaufsgeschäft zunehmend der B2B-Shop genutzt wird.“ Zu der Konkurrenz zwischen den Kommunikations-und Vertriebskanälen ergänzt Bartz „Wir setzten bei B2B und B2C auf eine Multichannel-Strategie, die den Kundenwunsch zu Information und Kauf in den Mittelpunkt stellt“.

VRÖ-Obmann James Tennant meint: „Der Reifenfachhandel kann sich auf Sicht dem Internet-Handel nicht verschließen. Denn die zukünftigen Generationen werden verstärkt auf das Internet zugreifen. Für den Reifenfachhandel ist es wichtig, sich als Servicepartner, als Dienstleister zu positionieren. Einen Kunden der nur zu Montage kommt, wegzuschicken, ist nicht sinnvoll, aber da gelten dann eben andere Preise.“

Predrag Djordjevic, GF der Reifen Lubo GmbH in Wien 23, sieht’s pragmatisch: „Wenn jemand mit Reifen aus dem Internet zu mir montieren kommt, schicke ich ihn nicht weg. Klar ist aber, dass der dann einen anderen Preis zahlt, nämlich 25 statt 18 Euro, und das sage ich ihm auch so.“

Autor/in:
Redaktion KFZ Wirtschaft
Werbung

Weiterführende Themen

Verkaufsberaterin Virgina Wisienski erläutert Messebesuchern gerne die Eigenschaften der neuen Platin Sommerreifen.
Aktuelles
17.01.2019

Der Reifen- und Felgen-Großhändler präsentiert in Salzburg zwei komplett neue Sommerreifen.

Der neue Porsche Cayenne rollt mit Bridgestone-Reifen vom Produktionsband.
Aktuelles
10.01.2019

Bridgestone - nach eigenen Angaben der Weltmarktführer der Reifen- und Gummibranche - blickt 2018 auf über 120 neue Erstaurüstungen in Europa, Nahost und Afrika zurück. 

Aktuelles
27.09.2018

Reifen Göggel bietet eine neue Gansjahresreifenaktion an.

Thomas Stix, ÖAMTC-Reifenexperte
Aktuelles
27.09.2018

Beim heurigen ÖAMTC-Winterreifentest konnte sich der Continental WinterContact TS860 zum Sieger in beiden Dimensionen küren. 

Werbung