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Akademiker mit Niveau

10.08.2018

Der sich weiter zuspitzende Fahrer­mangel lässt Transportunternehmer und Interessenvertreter kreativ werden. Während man in Tirol syrische Flüchtlinge hinter den Lenker setzt, würde ein Vorarlberger Unternehmer ob seiner familiären Verwurzelung am liebsten scharenweise brasilianische – deutsch sprechende – Fahrer ins Ländle lotsen. Einzig die Einwanderungspolitik macht ihm da einen Strich durch die Rechnung, wie unsere Recherchen ergaben (siehe Bericht in der Juli-Ausgabe). In Kärnten hat man interessanterweise sehr positive Erfahrungen mit der jüngsten Jobbörse (Unternehmer treffen Arbeitssuchende) gemacht, obwohl dieses Konzept in den meisten anderen Bundesländern gescheitert ist.

SCHWERARBEIT LKW-LENKEN
Der Beruf des Lkw-Lenkers ist den meisten Arbeitssuchenden – und vor allem auch jenen Über-50-Jährigen, die den Job bereits ausgeübt haben – zu schwierig. Nicht nur, dass sich die Suche nach Kandidaten schon kompliziert genug darstellt – im Schnitt dauert es 44 Tage, eine offene Fahrerstelle zu besetzen – springen viele bereits nach wenigen Tagen, u.a. aus gesundheitlichen Gründen, wieder ab. Vor allem bei den Fahrern, die vom AMS geschickt werden, sei die „Nicht-willigen“-Quote besonders hoch, bemängeln Unternehmer im Gespräch mit der STRAGÜ-Redaktion. Mit der fatalen Folge: Die meisten Transporteure melden offene Stellen gar nicht mehr dem AMS, womit dieser Berufsgruppe auch die Chance verwehrt bleibt, als „Mangelberuf“ eingestuft zu werden – dieser Status könnte wiederum Förderungen genauso wie Erleichterungen in Sachen Ausländerbeschäftigung mit sich bringen. Die Katze beißt sich also in den Schwanz. 

Ein genauerer Blick in eines der großen Frächter-Bundesländer zeigt bei den Arbeitssuchenden ein ernüchterndes Bild: Aktuell (Ende Juni) sind bei den 22 AMS-Geschäftsstellen in Nieder­öster­reich 449 freie Stellen für Kraftfahrer gemeldet, um 31,7 Prozent mehr als im selben Monat des Vorjahres. Diesem Stellenangebot stehen 1.389 Lenker (!), die beim AMS in Niederösterreich jobsuchend vorgemerkt sind, gegenüber. Allerdings: Mehr als die Hälfte dieser arbeitslosen AMS-Kunden ist bereits 50 Jahre oder älter. 39,2 Prozent haben gesundheitliche Probleme oder es gibt andere Gründe, die eine Vermittlung in diese Branche verhindern. Nur 28 – also zwei Prozent (!) – der jobsuchenden Lenker sind 25 Jahre oder jünger. 

BERUFSLENKER AKADEMIE
In Niederösterreich hat die Fachgruppe Güterbeförderung jetzt gemeinsam mit AMS und Arbeiterkammer die Initiative ergriffen und bietet jungen Erwachsenen die Möglichkeit, im Rahmen einer „Berufslenker Akademie“ in der halben Lehrzeit, d.h. längstens innerhalb von 18 Monaten, den Lehrabschluss als Berufskraftfahrer zu absolvieren (siehe alle Details dazu in der Juli-Ausgabe). 

Das Projekt hat freilich alle Chancen auf ganz Österreich ausgeweitet zu werden, denn letztendlich profitieren alle Beteiligten: also sowohl die Teilnehmer als auch die Transport-Betriebe, die lediglich einen monatlichen Ausbildungsbeitrag in Höhe von 400 Euro leisten müssen. Und die Verantwortlichen kehren explizit hervor, dass die Qualität der Ausbildung absolut hochwertig sei. 

Das niederösterreichische Projekt startet diesen Herbst, die ersten Rückmeldungen von Mitglieds-Betrieben, denen dieses Programm bisher vorgestellt worden ist, waren äußerst positiv. Das Ziel ist übrigens recht ambitioniert, will man doch in den nächsten drei Jahren 100 fertig ausgebildete Fachkräfte aus der Berufslenker Akademie hervorbringen. Rechnet man das also auf neun Bundesländer hoch, wäre das eine statt­liche Zahl an neuen, jungen, gut ausgebildeten ­Lenkern.

 

STRAGÜ 07/18
Autor/in:
Marco Dittrich
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