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Die Prognosen zeigen für die kommende Zeit im Branchenschnitt keine wirkliche Entlastung

Branchenumfrage: „Wir sind nur Passagiere“

13.08.2020

Die Corona-Krise hat die Wirtschaft erschüttert und damit auch dem zyklischen Transportgewerbe zugesetzt. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie ein Rundruf des Stragü ergab.

Durch die bereits früh im Jahr 2020 entstandenen Einschränkungen der Transportketten bekam die Speditionsbranche die Auswirkungen der Corona-Krise sehr bald zu spüren: Der Ausdünnung der Frequenz des Luft- und Seeverkehrs folgten weitere erhebliche Behinderungen beim Warentransport in und aus Österreich, vor allem in den Grenzregionen. Es kam teilweise zu Lieferengpässen und empfindlichen Umsatzeinbußen. Doch es gibt aus der Branche nicht nur Negativ-Meldungen, sondern einige konnten zumindest im ersten Halbjahr sogar deutlich über Vorjahr wirtschaften.

Insgesamt ist die Stimmung in der Branche freilich durchwachsen. Der durchschnittliche Lkw-Verkehr in Europa laut der Logistik-Monitoring-Plattform Sixfold im April zeitweise um ein Viertel gegenüber dem Vergleichszeitraum 2019 zurück, bei Österreichs drittwichtigstem Handelspartner Italien um mehr als ein Drittel (Spanien minus 50 Prozent, Frankreich minus 46 Prozent). Zugleich sei die durchschnittliche Zeit, um Grenzen zu überqueren, um 26 Prozent länger als vor Ausbruch der Epidemie, wobei die Grenze zwischen Österreich und Ungarn zu den Hotspots zählte, meldet die Asfinag. Durch den geringeren Verkehr auf den Autobahnen konnten indes die Fahrzeiten der Lkw-Fahrer flexibler gestaltet werden.

Laut Schätzungen des Fachverbands der Mineralölindustrie ging in Österreich auch der Treibstoffverbrauch seit März 2020 deutlich zurück, hier wird deshalb ein weiterer Preisabfall erwartet. Nun steigt die Fahrleistung in Österreich allerdings wieder, im Juni lag sie im Bereich Lkw immerhin „nur“ noch 10,6 Prozent unter den Vorjahreswerten, so der Fachverband der Mineralölindustrie.

„Jammern bringt nichts“

Insgesamt überrascht es jedoch nicht, dass die Erwartungshaltung der Speditions- und Logistikbranche gegenüber einer Umfrage im Jänner stark zurückgegangen ist, und auch die Prognosen zeigen für die kommende Zeit im Branchenschnitt keine wirkliche Entspannung. So gab in einer Umfrage des Wifo nur etwa ein Viertel aller befragten Unternehmen an, über einen ausreichenden Auftragsbestand zu verfügen.

„Jammern bringt aber nichts“,  betont Karl Frühauf, Geschäftsführer der Spedition“Thomas“ GmbH in Graz, im Gespräch mit Stragü. „Natürlich war das erste Halbjahr nicht berühmt, wir hatten in letzten drei Monaten etwa 20 bis 30 Prozent weniger Auslastung als im Vorjahr. Der Herbst wird spannend, da wir von mittelfristigen Marktentwicklungen abhängen. Es wird auch viel davon abhängen, ob und wie lange die Kreditversicherer mitspielen. Zudem sind schubweise keine Lkw der Frächter gerade aus den neuen EU-Ländern verfügbar, hier wird man um Umverteilungen nicht herumkommen.“ Auch fallende Preise werden nach Frühaufs Einschätzung ein Thema werden. Dies, zumal sich die Solidarität innerhalb der Branche und auch deren Standing in Grenzen halte. „Wir haben nun mal nur eine kleine Lobby mit einem geringen Zusammenhalt. Zudem kommen auch noch die generellen Schwierigkeiten in der Branche dazu, wie unterschiedliche Lohnniveaus oder auch Lehrlinge zu finden und so den Nachwuchs gesichert zu wissen.“

Aber Schwarzmalen möchte der Grazer dennoch nicht: „Wenn Prognosen meinen, die Konjunktur würde sich erst in fünf Jahren stabilisieren, dann ist das für Unternehmer keine gute Basis.“ Positiv hat die Kurzarbeitsregelung funktioniert, die auch schnell abgewickelt wurde: „Ohne diese hätte ich mich von drei bis vier Mitarbeitern trennen müssen, so etwas ist natürlich auch menschlich nicht einfach. Mit der derzeitigen Lösung als auch Abwicklung bin ich zufrieden, man sollte die Kurzarbeit noch erweitern und, nicht zuletzt, kontrollieren.“ Eine Normalisierung der Lage in der Branche erhofft sich Frühauf für Ende des Jahres.

Ein zweiter Lockdown wäre verheerend

Ein ähnliches Bild zeichnet Andreas Gaber, Chef von Englmayer Österreich: „Das vergangene Halbjahr war eine spannende Zeit, aber natürlich muss man regional unterscheiden: Der Süden war natürlich vor allem zwischen März und Mai brutal, in Deutschland und Skandinavien erholt sich die Lage auch jetzt wieder schneller. Die Auftragslage rangiert bei uns zwischen 70 und 90 Prozent im Vergleichszeitraum zum Vorjahr, aber vor allem bei der Komplettbeladung sind wir noch nicht da, wo wir hinwollen. Doch wir haben unsere Maßnahmen gesetzt und stehen erschlankt, aber aufrecht da.“ Positiv ist auch für Gaber die Regelung der Kurzarbeit besetzt: „Wir haben von April bis Juni die gesamte Gruppe in Kurzarbeit geschickt, in Schichtarbeit, damit wir keine Ausfälle haben. Hier hat die Regierung wirklich gute Arbeit geleistet und dafür beneiden uns auch viele im Ausland.“

Prognosen gestalten sich natürlich auch für Gaber etwas schwierig: „Dafür müsste ich eine Glaskugel haben“, lacht er im Gespräch mit Stragü. „Wesentlich ist natürlich, dass kein zweiter Lockdown kommt, das wäre verheerend. Aber davon gehe ich nicht aus. Die Krise wird sich sicher noch bis Ende des Jahres, als auch noch ins erste und zweite Quartal 2021 hinziehen. Hier wird vieles davon abhängen, wie sehr die Industrie die Aufträge streckt. Wir sind nun mal, was das betrifft, in der Speditionsbranche nur die Passagiere.“

Werner Hölzl, Leiter des Wifo Konjunkturtest, warnt vor einer „nachfrageinduzierte Rezession“: „Die Covid-19-Pandemie mit Lockdowns und Veränderungen in den Konsumausgaben hat große wirtschaftliche Auswirkungen auf die regionale und die globale Wirtschaftsaktivität. Trotz der allmählichen Lockerungen des Lockdowns in ganz Europa kann sich dieser Schock in eine tiefe nachfrageinduzierte Rezession verwandeln, was sich wiederum auf eine geringe Dynamik im internationalen und innerösterreichischen Transport auswirkt“, fasst Hölzl, seine Forschungsergebnisse zusammen.

38 Prozent über dem Vorjahr

Ganz anders wiederum gestaltete sich das erste Halbjahr bei GBA Austria. „Wir liegen im  Umsatz als auch Gewinn bei einem Plus von 38 Prozent im ersten Halbjahr“, freut sich Geschäftsführer Alexander Hübschmann. „Kurzarbeit mussten wir nicht in Anspruch nehmen, im Gegenteil.“

Der Grund ist ein naheliegender: das Thema eCommerce. Kauften in den ersten Monaten 2020 vor dem Coronavirus 19 Prozent der Online-Shopper in Österreich ein- bzw. mehrmals pro Woche im Internet ein, so hat sich dieser Anteil in der aktuellen Coronavirus-Phase auf 28 Prozent erhöht, so eine Studie des Instituts für Handel und Marketing der JKU in Linz. Dies wirkte sich auch auf die GBA Austria positiv aus: „Wir sind sehr stark im Bereich eCommerce, etwa bei Amazon oder Zalando aufgestellt, was sich natürlich gerade im Lockdown positiv für uns auswirkte.“ Allerdings geht Hübschmann von einem Abflauen im zweiten Halbjahr aus: „Wir merken schon im Juli, dass es etwas weniger wird, weil die Leute eben auch weniger bestellen. Sicher auch, weil manche gerade im Urlaub sind oder die stationären Geschäfte wieder öffneten.“ Wesentlicher sei allerdings die niedrige Konjunktur und die hohe Arbeitslosenrate: „Die Kaufkraft ist derzeit eben niedriger, und was online verkauft wird, ist ja selten lebensnotwendig.“ Auch das Institut für Handel und Marketing in Linz geht davon aus, dass sich der Online-Handel nach dem Lockdown bestenfalls auf das Niveau vor Corona einpendeln wird.

Auf eCommerce umzuschwenken ist also für die Branche nur bedingt eine Lösung, dennoch geht Hübschmann wie viele seiner Kollegen von einem Preisdumping aus: „Unternehmen, denen es in der Krise schlecht ging, werden natürlich nicht gleich zusperren, sondern versuchen, über den Preis Geschäft zu lukrieren. Das war ja immer so. Natürlich kann es schon sein, dass auch wir die eine oder andere Linie verlieren. Aber vielleicht auch wieder dazugewinnen.“ Denn man sollte den Bereich eCommerce nicht unterschätzen: „So einfach ist es nicht, wir sind 24 Stunden erreichbar. Wir liefern ja keine Konserven aus, wo es egal ist, wann sie ankommen. Wenn der Kunde heute etwas bei Amazon bestellt, erwartet er, dass die Ware am nächsten Tag auch geliefert wird.“ Auch wenn der Preisdruck vermutlich im zweiten Halbjahr zunehmen wird, betont Hübschmann: „Nur über den Preis funktioniert es nicht, weil auch die Qualität zählt. Und da wissen unsere Kunden eben seit Jahren, dass es bei uns passt.“

WKOÖ fordert eine Ökoprämie

Eine Normalisierung ist auch für GBA-Boss Alexander Hübschmann, und diese Meinung teilen viele in der Branche, vermutlich erst in 1,5 Jahren möglich. Angesichts generell schwacher Wachstumsaussichten braucht die heimische Wirtschaft, die in einem sehr hohen Ausmaß von Entwicklungen am Automotive-Sektor sowie im Export abhängig ist, natürlich auch Maßnahmen, die eine Stimulierung der Konjunktur auslösen können. So fordert beispielsweise die WKOÖ eine „Ökoprämie“ für das Aus-dem-Verkehr-Nehmen älterer Fahrzeuge. Dies könne gerade jetzt die schwache Investitionsneigung zur Anschaffung neuer umweltfreundlicherer Fahrzeuge ankurbeln.

Eine derartige Stilllegungsprämie müsste aber nicht nur Elektrofahrzeuge, sondern jedenfalls auch andere alternative Antriebe wie LNG bzw. CNG umfassen. „Im Schwerlastverkehr muss eine derartige Förderung auch für Euro-6-Fahrzeuge gelten, da es aktuell noch keine allgemein taugliche Technologiealternative gibt. 24-Tonnen-Ladungen lassen sich bei noch so gutem Willen für alternative Antriebstechnologien derzeit einfach noch nicht elektrisch bewegen und auch die Infrastruktur für diese Alternative steckt noch in den Kinderschuhen“,  so die oberösterreichischen Standesvertreter rund um Wolfgang Schneckenreither, den Obmann der Sparte Transport und Verkehr der WKOÖ, in einer Aussendung.

Gerade die Wochen des Shut-Down hätten gezeigt, welche hohe Systemrelevanz die Verkehrswirtschaft hat. Verlässliche Mobilität sichere die persönliche Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen und ist das Rückgrat für Produktion und Handel. „Dieses Bewusstsein für die Bedeutung eines verlässlich funktionierenden Güterverkehrs muss der Öffentlichkeit, aber auch den Partnern in der Wirtschaft weiter aktiv vermittelt werden“, so die Forderung der Branchenvertreter. Denn Mobilität ist und bleibt eben ein Erfolgsfaktor für Gesellschaft und Wirtschaft. 1.000 Unternehmen des österreichischen Logistik-Wertschöpfungskerns beschäftigen unmittelbar 160.000 Personen. Spediteure, Transport-Umschlag-Lager-Logistik-Anbieter und Logistik-Technologie-Anbieter schaffen einen direkten Umsatz in Höhe von 33,6 Mrd. Euro. (bb)

Autor/in:
Redaktion Straßengüterverkehr
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