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Wurz Christoph, Geschäftsführer von Frank Reisen: „Ich sehe durchaus gute Chancen für die Branche, aber einen realistischen und nachhaltigen Aufschwung haben wir erst, wenn ein Impfstoff auf den Markt kommt.“

Busunternehmen: Im Zentrum des Sturms

17.08.2020

Rund 4.000 Reisebusse standen in Österreich während des Corona-Lockdowns still, was für Unternehmer 100 Prozent Umsatzverlust bedeutete. Jetzt rollen die Busse wieder, doch die Stimmung ist verhalten. Aus gutem Grund! 

Text: Bettina Biron

Mit 11.000 Beschäftigten, davon 5500 im sogenannten Gelegenheitsverkehr sind Busunternehmen ein wichtiger Arbeitgeber des Landes. Der Umsatz insgesamt wurde im Vorjahr auf rund eine Milliarde Euro beziffert, gerade der Reiseverkehr ließ sich auch mit Anfang dieses Jahres gut an. Busunternehmer sind es gewohnt, sich ständig neuen Herausforderungen zu stellen, man denke nur an überhöhte Einfahrtsgebühren in verschiedene Städte, bürokratische Hürden, um mit einer Gruppe nach Slowenien oder gar nach Kroatien fahren zu können, EU-Fahrtenheft uvm. Corona allerdings stellte und stellt weiterhin eine völlig neue Situation dar und „verblüfft selbst jene, die seit 50 Jahren im Geschäft sind. Dass 100 Prozent der Reisebusse in den Betriebshöfen standen und ein großer Teil gar ohne Kennzeichen, ist noch immer schwer zu realisieren“, sagt Paul Blachnik vom Fachverband der Autobus-, Luftfahrt- und Schifffahrtunternehmungen, Berufsgruppe Bus der WKO: „Aber wir müssen uns auch dieser Herausforderung stellen und haben bei der Regierung für eine Fortbestands-Lösung unserer Branche gekämpft.“ 

Ganze Branche hart getroffen

Am 16. Juni 2020 entschied die Bundesregierung, alle „Rettungsmaßnahmen“ auf ein erweitertes und verlängertes Fixkostenzuschuss-Modell zu konzentrieren. Für die Busbranche wird es zu einer Erweiterung des Fixkostenzuschuss-Modells (= nicht rückzahlbare Zuschüsse) kommen. Zusätzlich sollen wichtige branchenspezifische Kosten von Busbetrieben als Fixkosten anerkannt werden.

Die Höhe und Staffelung der Fixkostenzuschüsse sollen ebenfalls verbessert werden. „Dieser Entscheidung der Bundesregierung gingen viele Wochen intensivster Verhandlungen mit der Politik voraus. Die mediale Berichterstattung über die Branche hat gezeigt, wie dramatisch die Lage der Busunternehmer ist: Unser Geschäft ist völlig weggebrochen. Vielen unser politischen Gesprächspartner waren allerdings die Konsequenzen aus diesen Entwicklungen nicht klar“, betont Blachnik. Denn die rund 800 betroffenen Gelegenheitsverkehrsunternehmer seien in der Schülerbeförderung, im Linienverkehr, im Schienenersatzverkehr, aber auch beim Transport von Flüchtlingen oder für das Bundesheer im Einsatz. „Ohne Hilfe ist daher die Schulbusversorgung im Herbst 2020 und die Mobilität im ländlichen Raum massiv gefährdet! Die notwendigen Busse für Schienenersatzverkehre zur Aufrechterhaltung des Öffentlichen Verkehrs gibt es dann ebenfalls nicht mehr. All diese Fakten haben dazu beigetragen, dass Busunternehmern nun die Aufmerksamkeit als, besonders hart betroffene Branchen‘ bekommen haben“, so Blachnik.

„Unüberschaubares Chaos“

Das Ende der Reisebeschränkungen war ein wichtiges Signal, denn 90 Prozent des Umsatzes hängen von offenen Grenzen ab. Die Planbarkeit von grenzüberschreitenden Fahrten wird aber noch durch ein „unüberschaubares Chaos“ an unterschiedlichen Abstands- und Maskenpflichten erschwert, auch die Angst in der Bevölkerung ist noch nicht ausgestanden. Aber klar ist: Die Grenzöffnungen sind positiv und markieren vorsichtig etwas Licht am Ende des Tunnels.

Dennoch konzentrieren sich aus Gründen der Planungssicherheit viele Angebote der Busunternehmen derzeit noch auf Inlandsfahrten. Die Nachfragen nach grenzüberschreitenden Fahrten sind seitens der Kunden zwar langsam wieder gegeben, die sich zum Teil täglich ändernden Ein- und Ausreisvorschriften und die völlig unterschiedlichen Entwicklungen bei den Infektionszahlen in Europa/Drittstaaten (inkl. der kurzfristigen Aktualisierung von Reisewarnungen durch die Bundesregierung) machen es den Busunternehmern jedoch schwer.

Tibor Felner, Busunternehmer aus Perchtholdsdorf, sieht derzeit die größte Herausforderungen in der noch immer vorhandenen Angst seiner Kunden: „Ich bin ehrlich gesagt ziemlich down, normalerweise hätte ich jetzt zwei Reisebusse nach Kroatien voll, aber erst gestern hatten wir wieder Stornierungen für drei Doppelzimmer. Das Hauptproblem sehe ich in den Medien, die tagtäglich die Angst schüren. Ich versuche zwar meinen Kunden klarzumachen, dass diese meiner Meinung nach unbegründet ist, wenn man sich die Zahlen genauer ansieht. Die Strände in Kroatien sind menschenleer, die Chance, dass ich mich mit dem Virus anstecke, ist beim Billa deutlich höher. Aber meinen Kunden diese Angst zu nehmen, gelingt selten.“ So hätten viele Kunden nicht nur vor einer Ansteckung Angst, sondern auch davor, dass die Grenzen wieder geschlossen und eine Rückreise erschwert werden. „Unterm Strich sitzen wir da und betteln unsere Kunden an, sich nicht zu fürchten.“

Sparmaßnahmen mit Folgewirkung

Felner hat zwar bis dato eine kleine Förderung erhalten, wartet noch auf weitere Bescheide, aber „bis jetzt ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Denn auch bei Reisen innerhalb Österreichs sieht er nicht die erhoffte positive Entwicklung: „Tagesreisen werden zwar gebucht, aber das ist natürlich nur ein Bruchteil des eigentlichen Geschäfts.“ Sorgen macht er sich vor allem auch in einer gesamtwirtschaftlichen Art und Weise: „Wenn wir Busunternehmen keine Auslastung haben, dann betrifft das auch die Hotellerie, die Gastronomie, die Raststätten in Österreich, aber auch in ganz Europa. Erst kürzlich habe ich mit einer Wirtin gesprochen, da waren wir der erste Reisebus seit März. Das macht natürlich auch für die Gastronomie das Kraut nicht fett.“

Aber auch andere Branchen sind von den schwierigen Bedingungen für Busunternehmer mitbetroffen: „Eigentlich wollte ich jetzt nach dem Lockdown in Werbung investieren, aber ich musste der Druckerei absagen, ich traue mich jetzt nicht zu investieren, das wenige, was geht, wie Tagesausflüge, geht so auch. Wir sparen an allen Ecken und Enden und müssen auf private Rücklagen zurückgreifen“. Selbst das Taxigeschäft, ein weiteres Standbein von Felner, läuft äußerst schleppend: „Derzeit kann man sagen, das Geschäft ist um 19 Uhr gelaufen, gestern hatte ich hier 40 Euro Umsatz. Deshalb fahre ich derzeit viel selbst, mit den wenigen Fahrten kann man kaum Lenker beschäftigen.“

An Aufgabe denkt Felner aber noch lange nicht und hofft, „dass die Wirtschaftsministerin ein Machtwort spricht und auch, dass Medien Reisen wieder als etwas Positives darstellen. Wir sind nicht in den USA oder Brasilien.“ Prognosen für die Branche seien aber schwierig: „Gottseidank steht zwar die Gemeinde hinter uns, darüber hinaus haben wir derzeit Buchungen vor allem für Weihnachtsmärkte oder Silvesterfahrten, und hoffen eben, dass dann die Stimmung besser ist. Es bleibt mir somit nur zu sagen: Kopf hoch an alle Busunternehmen!“

Aufschwung erst ab März

Bettina Mannsbart sah sich vor Corona als global agierende Unternehmerin und Gründerin von transfer4me im Bereich Reisebüro, Mietwagen und Busfahrten im Luxusbereich mit wenig Risiko konfrontiert: „Man denkt, wenn man weltweit aufgestellt ist, was soll schon sein? Wenn in der einen Ecke der Welt ein Vulkan oder eine Krankheit ausbricht, dann bleiben mir immer noch die anderen Regionen und bin somit krisensicher. Aber mit einer weltweiten Pandemie ist natürlich alles anders.“ Mit ihrem Luxusbus ist Mannsbart vor allem für Geschäftsreisen und Kongresse gebucht, doch „das Problem ist nicht nur, dass die meisten Kongresse derzeit virtuell stattfinden. Die Unternehmen scheuen sich generell, weiterzuplanen und ihre Geschäftsführer irgendwo hinzuschicken, denn wenn sie sich anstecken, steht das Unternehmen erst einmal ohne Geschäftsführer da. Da sind Prognosen schwierig. Die Kongress-Saison wäre September bis Oktober, diese übertauchen wir jetzt und dann fängt ohnehin die schlechte Phase in dem Bereich an. Wenn überhaupt, ist hier erst ab März mit einem Aufschwung zu rechnen.“

Ihren Bus hat Mannsbart deshalb abgemeldet, sie überlegt, sich komplett aus dem Bus-Segment zurückzuziehen. „Für mich ist der Luxusbus ohnehin eher ein Hobby, mit einem Bus hat man fast denselben Aufwand wie mit zehn Bussen. Allerdings ist die nächste Schwierigkeit, jetzt jemand zu finden, der derzeit überhaupt einen Bus kaufen möchte.“

Mannsbart verortet zudem das Problem von Preisdumping in der Branche: „In der Schweiz zum Beispiel gibt es kein Preisdumping, da kostet es, was es kostet. In Österreich verkaufen sich einzelne zu billig und machen dadurch die Preise der ganzen Branche kaputt. Viele vergessen dabei, dass es einen Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn gibt und dass die Kosten dieselben bleiben. Ich spiele da nicht mit, denn sind die Preise erst mal auf dem Boden, werden sie sich nie mehr erholen.“ Vor allem befürchtet sie den wirtschaftlichen Tod vieler kleiner Subunternehmer, die sich in Abhängigkeiten begeben haben. Denn auch die großen Busunternehmen seien froh, wenn sie derzeit ihre eigenen Mitarbeiter beschäftigen können und weichen nicht auf Subunternehmer aus. „Diese Abhängigkeit habe ich immer vermieden. Gerade jene, die vor Corona nur knapp über die Runden gekommen sind, werden es sehr schwer haben.“

Vorsichtiger Optimismus

Auch der Tiroler Busunternehmer Christof Lüftner sieht vor dem Frühjahr nächsten Jahres keine Entspannung der Lage: „Unsere Hauptsaison läuft von April bis Oktober, also können wir realistisch gesehen erst mit einer guten Auftragslage nächsten April rechnen. Gerade in Tirol hängt vieles davon ab, wie es mit den Grenzöffnungen weitergeht. Hier bin ich vorsichtig optimistisch. Ein Problem ist allerdings, dass Reisebusse wie Linienbusse eingestuft werden und Maskenpflicht herrscht. Dabei haben wir, auch was den Abstand betrifft, ganz andere Voraussetzungen. Wichtig für uns wäre jedenfalls eine Verlängerung der Kurzarbeitsregelung.”

Christoph Wurz, Geschäftsführer von Frank Reisen in Waidhofen a.d. Thaya, zeichnet ein ambivalentes Bild: „Aufgrund unseres Linienverkehrs sind wir gut liquide, auch wenn wegen Corona der Reiseverkehr bis zu 100 Prozent ausgefallen ist.“ Da der starke Linienverkehr den Reiseverkehr bis zu einem gewissen Grad ausgleichen kann und in einem Unternehmen zusammengeführt sind, konnte Frank Reisen keine Förderungen in Anspruch nehmen. Aber es ist ohnehin nicht Existenzangst, sondern ein anderer Umstand, der Wurz aktuell bekümmert: „Vor Corona hatten wir 90 Mitarbeiter, nun haben wir 60. Was mich am meisten schmerzt ist also der Umstand, dass ganz tolle Mitarbeiter das Unternehmen verlassen und in andere Branchen abwandern. Wir können derzeit nicht allen Mitarbeitern eine gesicherte Zukunftsperspektive bieten. Ich verliere also bei meinem wichtigsten Kapital, meine hervorragend ausgebildeten und geschätzten Facharbeiter.“ Denn eine baldige Erholung ist für Wurz im Reiseverkehr nicht zu erwarten: „Wir fahren derzeit zwar, aber im Vergleich zu den Vorjahren sind wir hier im einstelligen Prozentbereich.“

Impfstoff tut not

Auch er sieht nicht die Maskenpflicht, sondern die ständigen negativen Meldungen in den Medien als Hauptproblematik an und sagt: „Ich befürchte, man muss von einer großen Pleitewelle im Herbst ausgehen.“ Gleichzeitig ist er überzeugt, dass den Busunternehmen die Zukunft gehört. „Wir sind zwar, was Maut, Steuern und Auflagen betrifft, gegenüber Flugverkehr stark benachteiligt und hier sollte sich etwas ändern. Aber wir sind flexibler, deutlich umweltfreundlicher und gerade bei kürzeren Distanzen nicht zu schlagen. Dadurch sehe ich durchaus gute Chancen für die Branche, aber einen realistischen und nachhaltigen Aufschwung haben erst, wenn ein Impfstoff auf den Markt kommt.“ Bis dahin stellt Frank Reisen den Kunden für die Busfahrt gratis Faceshields zur Verfügung. Generell merkt Wurz an: „Wir Busunternehmer geben nicht auf, denn wir sind es wie kaum jemand anders gewohnt, Hürden erfolgreich zu meistern.“ 

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