Direkt zum Inhalt

E-getriebene Medienhetze

20.12.2017

Der Südtiroler Großflottenbetreiber Fercam hat bereits einen bestellt. Der Wiener Neudorfer Transporteur Fritz Müller zeigte sich via Facebook auch gleich äußerst euphorisch und retuschierte sein rot-weiß-rotes M auf die Front des „Semi Truck“ genannten Wunderwuzzi-Vehikels.

Der vollelektrische Tesla-Fernverkehrs-Sattelzug erregt jedenfalls die Gemüter. Kein Wunder: Verspricht Firmenchef Elon Musk doch ab dem Jahr 2020 einen 40-Tonner mit 800 Kilometer Reichweite (für mehr Informationen einfach umblättern). Allzu viele technische Hintergründe – außer dass die Zugmaschine von 0 auf 100 in fünf Sekunden beschleunigen soll, ohne Ladung versteht sich, und der Fahrer mittig sitzt – sind allerdings noch nicht bekannt. Daher reihe ich den Tesla Semi Truck vorab einmal in die Abteilung „börsenkurs-getriebene Ankündigungspolitik“ ein, wohlwissend dass sich die Batterientechnologie rasant entwickelt. Trotzdem wird der Lkw-Dieselmotor noch viele Jahre, viele Frachten über weite Strecken verlässlich an ihre Ziele in Europa bringen, das möchte ich hier einmal mehr festhalten. 

MAN VERSCHIEBT À LA TESLA

Im Nahverkehr sieht die Situation freilich ein wenig anders aus: Wenn Sie diese Zeilen lesen, wurden gerade die ersten elektrischen Fuso Canter in Berlin an deutsche Großflottenbetreiber übergeben (nach Redaktionsschluss – wir berichten im Jänner), ein Anbieter startet in Österreich mit der Vermietung von E-Transportern (siehe Seite 37). Lediglich bei den E-Fahrzeugen für den mittelschweren Verteilerverkehr verschob MAN die angekündigte Übergabe (wir berichteten) an Quehenberger, Stiegl & Co. von Ende November auf 1. Februar 2018. Alles vielleicht doch nicht so einfach bei schweren Fahrzeugen, wie es sich Herr Musk vorstellt?
Bis also die E-Fahrzeuge auch tatsächlich wirtschaftlich dort sind, wo der Dieselmotor bereits unterwegs ist, sollten wir diese großartige technische Errungenschaft auch nicht verteufeln bzw. die E-Technologie gar so in den Himmel heben. Freilich, es braucht Alternativen, doch laufen wir alle Gefahr den Dieselmotor weiter zu tabuisieren, mit der Folge, dass uns Diesel-Fahrverbote schneller einholen als uns lieb ist. 

ÖKOLOGISCHER NOTSTAND?

Die „Kronen Zeitung“ hat sich in diesem Zusammenhang übrigens jüngst wieder einmal journalistisch ausgezeichnet. Unter dem Titel „Unter der Transitlawine“ durfte der verbissene VCÖ in der auflagenstarken Sonntags-„Krone bunt“ über vier Seiten (!) Parolen wie „Wir brauchen drastische Mauterhöhung, um den Wahnsinn zu stoppen“ oder „Die Politik darf sich nicht mehr den Drohgebärden der Frächter-Lobby beugen“ ungefiltert von sich geben. Vom „Blechmoloch“ auf Südosttangente und Brenner war zu lesen, schlussendlich rief der VCÖ den „ökologischen Notstand“ aus.

Eine Woche später legte „Krone bunt“ man noch einmal mit zustimmenden Leserbriefen (über eine Doppelseite!) nach. Wo blieben hier – ganz im Sinne der journalistischen Sorgfalt, die man von „Österreichs beliebtester Tageszeitung“ schon einfordern darf – die sauberen Fakten über die Euro-6-Lkw-Technologie? Ein Armutszeugnis schlechten, einseitigen Journalismus jedenfalls, dass die Branche so nicht auf sich sitzen lassen kann. 89 Prozent der Teilnehmer an unserer aktuellen Umfrage sehen das übrigens genauso (siehe Seite 9). Da lesen Sie auch, warum das im Krone-Artikel so hoch gepriesene Schweizer Transitmodell gar nicht so toll ist, wie viele glauben.

In diesem Sinne hoffen wir auf ausgewogenere mediale Berichterstattung über den Lkw im Neuen Jahr. Bis dahin wünsche ich Ihnen im Namen des gesamten STRAGÜ-Teams Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch! 

Autor/in:
Marco Dittrich
Werbung

Weiterführende Themen

Meinung
27.09.2016

So, jetzt ist das Urteil gesprochen und die involvierten Unternehmen des sogenannten Lkw-Kartells werden mit drei Milliarden (!) Euro zur Rechenschaft gezogen.

Meinung
26.07.2016

Der STRAGÜ ist 70! Dieses für eine Fachzeitschrift nicht alltägliche Jubiläum feiern wir mit einem ausführlichen Sonderteil. Neben zahlreichen historischen Geschichten (wie z.B. der „Wurst im Tank ...

Meinung
25.03.2016

Bei all der Diskussion um die flächendeckende Maut oder um Lkw-Fahrverbote stellt sich immer wieder die Frage: Wen juckts? Dem Transportgewerbe sollte es eigentlich wurscht sein. Ja, natürlich ist ...

Meinung
22.02.2016

Es rumort in der heimischen Lkw-Branche: Die Spitzenmanager wechseln bzw. werden schneller ausgetauscht als je zuvor. Unmittelbar vor Redaktionsschluss verabschiedete sich Volvo/Renault-Chef ...

Werbung