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Otto Hawlicek: "Der Transport auf der Schiene ist rund dreimal so teuer wie die Seefracht und etwa halb so teuer wie die Luftfracht“.

Gütertransport: Kombiniert durch die Krise

09.06.2020

Obwohl der internationale Gütertransport auf Straße, Schiene und Wasser gerade einen starken Einbruch verkraften muss, zeigt sich: In der klugen Kombination aller Verkehrsmittel liegt die größte Chance auf eine baldige Erholung. 

Am Höhepunkt des Corona-Shutdowns fand ein medial wenig beachtetes Ereignis statt, das nicht weniger als einen Meilenstein für den heimischen Gütertransport bedeutet: Am 1. April traf der erste Container-Ganzzug, beladen mit Rohstoffen für die heimische Industrie, aus dem chinesischen Shenyang im oberösterreichischen Enns ein. Die insgesamt 18 Tage dauernde Fahrt ging entlang der legendären „eisernen Seidenstraße“ über den Grenzübergang Sabaikalsk in Russland und den Güterbahnhof im polnischen Małaszewicze, wo die 41 Standardcontainer im 40 Fuß-Format von Breitspurwaggons auf mitteleuropäische Normalspur-Waggons umgeladen wurden. Operateur des Containerzuges in China und Europa war das Unternehmen Far East Land Bridge (FELB), eine Tochter der russischen RZD Logistics, die das Projekt in enger Zusammenarbeit mit Sinotrans umsetzte, einem der größten Logistikunternehmen Chinas. Warum diese Pionierleistung auf der Schiene auch für den heimischen Straßengüterverkehr von Bedeutung ist, erklärt Otto Hawlicek, Geschäftsführer der Containerterminals Salzburg (CTS) und Enns (CTE): „Nachdem der Güterverkehr aus Asien auf dem Wasserweg stark eingebrochen ist, wird aktuell viel auf die Bahn verlagert – das kommt wiederum den heimischen Transportunternehmen zu Gute, die ja sonst nichts zu transportieren hätten.“ Denn für die letzte Meile vom Containerterminal zum Kunden ist und bleibt der Lkw der ideale Partner im kombinierten Verkehrsverbund.

Zeit ist Geld

Warum der Großteil der von den heimischen Industrieunternehmen benötigten Rohstoffe sonst bevorzugt per Schiff transportiert wird, hat Kostengründe. „Der Transport auf der Schiene ist rund dreimal so teuer wie die Seefracht und etwa halb so teuer wie die Luftfracht“ erklärt Otto Hawlicek. Da die Coronakrise jedoch alle Kalkulationen über den Haufen wirft, sind aktuell vor allem jene Transportmittel gefragt, die schnell und zuverlässig funktionieren. „Mit der Bahn ist die Fracht aus Asien bis zu zehn Tage schneller beim Kunden als mit dem Schiff“, sagt Hawlicek. So kam bereits fünf Tage nach dem ersten noch ein zweiter Containerzug aus Shenyang über die eiserne Seidenstraße nach Enns. „Aktuell bekommen wir laufend Anfragen von Operateuren aus China“ freut sich der CTS/CTE Geschäftsführer. Er rechnet mit einer weiter steigenden Frequenz auf der neu eröffneten Fernverkehrsachse. „Es kann sein, dass dieser Trend nach der Krise wieder abflacht und die Transportvolumina aufs Schiff zurückfluten, es kann aber auch sein, dass die Industrie draufkommt, dass es mit der Bahn eigentlich sehr gut funktioniert“, so Hawlicek. Seit der Eröffnung der 3. Containerterminal-Erweiterung im Herbst letzten Jahres ist der Ennshafen mit seiner Verknüpfung von Straße, Schiene und Wasserstraße der größte trimodale Terminal-Standort in Österreich. Zu den Leistungen des CTE zählen Ganzzugsteuerung, Abfertigung, Trucking, Lagerung, Reparatur, Handel und Miete von Containern, Entladung von Binnenschiffen, Gewichtsermittlung, Handling von Gefahrengut und die Zollabwicklung. „Unsere Umschlagskapazität wächst mit der Erweiterung auf mehr als 500.000 Ladeeinheiten im Jahr“, erklärt Hawlicek. Zwei zusätzliche hochautomatisierte Gates für den Lkw-Verkehr bringen den Lkw-Transporteuren verkürzte Durchlaufzeiten und somit ein bis zwei zusätzliche Umläufe pro Tag.

An einem Strang

Trotz der gut geschmierten Logistik-Ketten kämpft die gesamte Transportbranche derzeit mit einem starken Rückgang des Frachtvolumens. Nach dem Corona Shut-Down ging die Lkw-Fahrleistung auf Autobahnen und Schnellstraßen laut WKO im ersten Monat um 27 Prozent zurück. Und obwohl auch der kombinierte Verkehr während der gesamten Krise einwandfrei funktionierte und Industrie und Handel mit wichtigen Gütern versorgte, verringerte sich aufgrund des Stillstands vieler Produktionsbetriebe das zu transportierende Frachtvolumen um bis zu 30 Prozent. Die Mitglieder des Netzwerks Kombinierter Verkehr (Combinet) fordern daher staatliche Unterstützungsmaßnahmen, um die Leistungsfähigkeit der Unternehmen im KV abzusichern. Außerdem sehen sie die Krise als Chance, durch Lenkungsmaßnahmen die CO2-Bilanz des Transports deutlich zu verbessern. „Logistikunternehmen, die auf den KV-Verkehr setzen, sparen gegenüber dem Transport auf der Straße durchschnittlich zwei Drittel an CO2-Emissionen“, rechnet Combinet-Obmann Andreas Käfer vor. In Zeiten der Krise geht es den Akteuren der Transportwirtschaft jedoch weniger um ein Gegeneinander als darum, an einem Strang zu ziehen und gemeinsam wieder aus dem Schlamassel zu kommen. „Faktum ist, dass es für eine flächendeckende Versorgung von Gütern keine Alternative zum Lkw gibt - die ersten und letzten 80 Kilometer jeder Lieferung werden auf der Straße zurückgelegt“, betont Günther Reder, Fachverbandsobmann des Güterbeförderungsgewerbes in der WKO. Reder weiter: „Zusammenhalten war die Devise während der Krise, und dieses Credo soll auch beibehalten werden, denn nur durch eine optimale Vernetzung der Verkehrsträger können wir die Klimaziele erreichen.“

Autor/in:
Peter Seipel
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