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Prestigeträchtiges Schlechtwetterprogramm

17.12.2010

Einquartiert im Hotel Globetrotter XL. Was macht ein Lkw-Tester, wenn strömender Regen anstelle von strahlendem Sonnenschein seinen Arbeitsalltag begleitet? Ungewöhnliche Perspektiven eines als ganz gewöhnlich geplanten „Straßengüterverkehr"-Tests.

Wenn am Morgen kurz nach 6:30 Uhr statt den erhofften ersten Sonnenstrahlen Regentropfen auf´s Kabinendach prasseln, bekommt ein sonst von vorne bis hinten durchorganisierter Testtag eine ungewöhnliche Eigendynamik. Statt zur gewohnten Zeit das Nachtlager zu räumen, darf plötzlich ein Hauch von Schlendrian einreißen, ohne gleich als fauler Zeitgenosse dazustehen. Der Schlafsack wird nicht eingerollt und verstaut, der erste prüfende Rundgang am Testzug auf dem Weg zur Morgentoilette in der Raststation kann auch noch warten. Der erste Griff im verdunkelten Innenraum gilt der Radio-Fernbedienung. Vielleicht schafft es einer der unzähligen Radiosender, den für Verbrauchstests scheinbar unbrauchbaren Tag etwas aufzuheitern. Die Fernbedienung ist zwar nicht groß, vereint aber alle notwendigen Funktionen, die einem aufkeimenden Morgen-Schlechtwetter-Muffel die ersten Stunden des neuen Tages verkürzen können. Nachdem das Ö1-Morgen-Journal noch unüberwindbare 27 Minuten entfernt ist, hilft bei dem beinahe kommunistischen Einheitsbrei der kaum zu unterscheidenden Hitradios nur mehr die akustische Flucht ins MP3-Zeitalter. Auf Knopfdruck, natürlich. Zur Aufmunterung des eigenen, bei den Wetterbedingungen bald genauso wolkenverhangenen und verregneten Egos des „Straßengüterverkehr“-Testers hilft nur Humor vom feinsten. So darf Michael Niavarani quasi unter vier Augen über das Social-Network Facebook reflektieren. Herrlich.

Keine Angst vor den Bröseln
Dem eiligen Besuch in den Nassräumen der Raststation folgt eine ungewöhnliche Idee. Warum nicht einmal wenigstens einige Stunden bewusst in der Globetrotter XL-Kabine des Volvo FH-500 herumflanieren? Interessante Ausstattungsdetails gibt es mehr als genug, die über die legendäre Maschek-Seite eine passable Geschichte ergeben könnten. Erster schwerer Schritt auf dem Weg dorthin, das echte Trucker-Frühstück im Restaurant mit Ham&Eggs und allem was dazugehört wird gegen ein bescheidenes Picknick in der Kabine getauscht. Wenn auch nur gegen stillen Protest. Wer isst schon gerne in seinem eigenen Schlafzimmer? Das ans Bett gebrachte Frühstück ist für uns die reinste Horrorvorstellung. Brösel im Bett, Marmeladeflecken auf der Decke und die Schalen vom weichen Ei gewissenhaft am Pyjama klebend. Danke, auf so etwas können wir eigentlich verzichten. Im Angesicht des mittlerweile nicht mehr dahinprasselnden sondern peitschenden Regens gibt´s trotzdem kein zurück. Also pflichtbewusst den Kühlschrank um die letzten Reserven und den Klapptisch in Position gebracht. Freie Fahrt für das erste und letzte Mahl in einer Lkw-Kabine. Mit dem drehbaren Beifahrersitz sind die kulinarischen Morgengenüsse an und für sich kein Problem. Nur die großformatige Tageszeitung vom Vortag muss wohl oder übel am einzigen Bett in der Kabine aufgebreitet werden.

Gestärkt geht´s erst einmal ans Aufräumen. Die Tageszeitung findet in den Ablagemöglichkeiten an der Kabinenrückwand ihren Platz, bevor sie endgültig ins Altpapier wandert. Die Verpackungsreste des Frühstücks wandern in den Mistkübel, der gleich über dem Eiskasten hängt. Den verhassten Bröseln macht ein kurzer Ausflug der Fußmatten an die frische Luft den Gar aus. Der Schlafsack wandert, fein säuberlich zusammengerollt, in den mittleren der drei Stauräume, die im hinteren Teil der Kabine zu finden sind. Bei den Abmessungen, die sich hinter dem Rollladen auftun, sind wir fast versucht, beim nächsten Volvo FH- oder FH16-Test mit Polster und Decke anzurücken. Einen Rollladen weiter wartet der für das Ende Oktober typische, kalte Herbstwetter durchaus willkommene, dicke Pullover auf seinen großen Auftritt. Bevor der zum Zug kommt, taucht plötzlich die Radiofernbedienung unter dem kleinen, noch nicht weggeräumten Kopfpolster auf. Die braucht auf jeden Fall irgendwo einen fixen Platz, sonst geht sie in unserem typischen kreativ angehauchten Chaos aus Zeitungen, Fahrzeugunterlagen, Gewand, Fototasche und Schreibsachen bald heillos unter. Nur gut, dass das dazugehörige Radio einen festen Platz im Cockpit hat.

Fast wie im FH16 unterwegs
Am nach wie vor beigedrehten Beifahrersitz die Füße am Motortunnel hoch gelagert und den an Bord befindlichen Lesestoff sondiert. Beim Durchblättern der gemeinsamen Imagebroschüre von Volvo FH und FH16 wird eines schnell klar. Wenn es um die Ausstattung der Kabine geht, braucht der vor mittlerweile einigen Jahren erstarkte FH12 dem wieder auferstandenen FH16 eigentlich um nichts nachstehen. Gut, der 16-Liter-Motor ebnet einigen Ausstattungsdetails den Weg in die Globetrotter XL-Kabine, die beim aktuellen 13-Liter-Motor einfach nicht zu haben sind. Im Wesentlichen beschränkt sich diese Exklusivität allerdings auf optische Verfeinerungen und den perfekt durchgestylten FH16-Look mit den zahlreichen FH16-Schriftzügen an und im Fahrerhaus. Sogar der im zuletzt gefahrenen FH16 über dem Fahrersitz thronende Flachbildschirm ist im Volvo FH mit dem entsprechenden finanziellen Obolus sofort zu haben. Wir erfreuen uns inzwischen am Flat-TV des kleinen Mannes und nehmen die drei Außenkameras des Volvo FH genauer unter die Lupe. Sie liefern durchaus brauchbare Aufnahmen von der Kabinenrückseite, der Vorderseite und der Beifahrerseite des Lkw. Über die Liveschaltung von der Kabinenrückwand lässt sich sicherlich diskutieren. Die anderen beiden Kameras (Stichwort toter Winkel!) haben dagegen eindeutig ihre Berechtigung.

Der Regen nimmt im Gegensatz zu unserer Geduld kein Ende. Um den Volvo FH-500 nicht nur im Trockentraining zu erkunden, entschließen wir uns wenigstens für die von der Raststation Großram aus gestartete Bereisung der Wiener Außenringautobahn (A21). Auch bei einer Wetterlage die unübersehbar in Richtung Land unter geht, soll dieser zum Fahrbericht degradierte Lkw-Test nicht ohne dynamische Eindrücke über die Bühne gehen. Sollen die genau genommen aus „nur“ 12,8 Liter gewonnenen 500 PS doch auch einmal bei zwischenzeitlich strömendem Regen zeigen, was in ihnen steckt. Davor bekommt gezwungener Weise zum x-ten Male der Sitzverstellbereich der Globetrotter XL-Kabine ihr Fett ab. Die verfügbaren Abmaße mögen auf einen durchschnittlichen Europäer zugeschnitten sein. Für angehende Hünen aus dem Hohen Norden (und damit meinen wir jetzt nicht die Schweden selbst) ist der Wunsch nach mehr Beinfreiheit bei der hintersten Sitzposition noch lange nicht ausgeträumt. Der V-Stil mag im Skisport gut und gerne das Skifliegen revolutioniert haben. In einer Fernverkehrskabine hat er definitiv nichts verloren. Und weil wir gerade beim Raunzen sind: das verstellbare Lenkrad könnte ebenfalls mehr Bewegungsfreiheit vertragen.

Munterer 13 Liter-Motor
Ein Wunsch, den der 500er unter der Globetrotter XL-Kabine nicht einmal im Entferntesten weckt. Ohne einen Brüderzwist im weit entfernten Göteborg entfachen zu wollen, wirkt der schwachbrüstigere Ableger des bärenstarken FH16-700 rein subjektiv betrachtet um nicht vieles langsamer, als sein viel bewunderter, großer Bruder. Woran das liegen mag, ist ohne handfeste Werte unserer „Straßengüterverkehr“-Teststrecke natürlich rein auf Vermutungen angewiesen. Auf der gebirgsähnlichen Topographie der Wiener Außenringautobahn hat der 6-Zylinder keinerlei Probleme, die knapp 40 Tonnen nicht nur auf Tempo zu bringen, sondern auch auf Geschwindigkeit zu halten. Der Ritt auf der linken Spur wird damit immerhin zu einem gelegentlichen Erlebnis. Die I-Shift hat mit den 200 PS weniger ebenso keinesfalls ihre liebe Not. Sie sortiert die Gänge auch auf den längeren Steigungsabschnitten munter vor sich hin, als wäre sie auf einer schnurgeraden holländischen Autobahn und nicht im Wiener Vorstadtgebirge unterwegs. Die beim Test des Volvo FH16 angeführte, wie wir meinen berechtigte Kritik an der kombinierten Arbeitsweise von I-Roll und Tempomat fällt hier nicht ins Gewicht. Die vermeidbaren Geschwindigkeitssprünge in einer Endlosschleife, bei denen der Bord­rechner den gesetzten Wert um 3 km/h überschreitet, dann wieder vom Gas geht bis der Soll-Wert erreicht ist und anschließend wieder um 3 km/h zulegt, ersparen wir uns dadurch.

Fazit: Der Windschatten des Volvo FH16 kann ab und zu auch sehr hilfreich sein. Wenn es nicht unbedingt 700 PS und zusätzliche Chrom-Applikationen sein müssen, ist der Volvo FH-500 ohne weiteres auf Augenhöhe der 200 PS stärkeren Verwandtschaft. Und auf hartnäckige Fälle wartet der Volvo FH-540, der immerhin gleich stark wie der schwächste 16 Liter-Motor ist.    

Plus & Minus
+ mehr als ausreichend motorisiert
+ durchwegs durchdachtes Interieur
+ wohnlicher Innenraum
– geneigte A-Säulen kosten Raum
– Fahrersitz mit beschränktem ­Verstellbereich
– Arbeitsweise des Tempomaten ­unverständlich 

Technische Daten
Motor:
Volvo D13C-500, 12,8 l Hubraum, 368 kW (500 PS) bei 1.400 bis 1.900 U/min, 2.500 Nm bei 1.050 bis 1.400 U/min
Getriebe: Volvo I-Shift AT2612D
Abmessungen (L/B/H): 5,79/2,49/3,89 m
Radstand: 3,60 m
Fahrerhaus: Volvo Globetrotter XL
max. Stehhöhe: 1,93 m.
Gewicht (betriebsbereit): 7.315 kg
Besonderheit: gezähmte Variante des Volvo FH16-700

haw, n

Autor/in:
Redaktion Straßengüterverkehr
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