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Sebastian Kummer auf seinem Segelschiff

Sebastian Kummer: „Ich erwarte eine Glokalisierung der Lieferketten“

08.06.2020

Bis vor kurzem befand sich Sebastian Kummer allein auf seinem Segelschiff im Mittelmeer. Wegen des Coronavirus durfte der WU-Professor in keinem europäischen Hafen anlegen. STRAGÜ erreichte ihn vor seiner Rückkehr noch auf seinem Katamaran zum exklusiven Interview über sein aktuelles Mönchdasein und die Auswirkungen der Krise auf die Transportwirtschaft. 

Zur Person

Dr. Sebastian Kummer ist seit 2001 Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Daneben hält er aktuell einen Stiftungslehrstuhl für eine Gastprofessur an der Jilin Universität in China inne. Kummer ist Autor von mehr als 100 Veröffentlichungen. Er ist Mitherausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift „Logistikmanagement“, wissenschaftlicher Leiter der ÖVG und im Vorstand der österreichischen BVL (Bundesvereinigung Logistik) sowie im wissenschaftlichen Beirat der deutschen BVL. 

STRAGÜ: Herr Professor, gestatten Sie zu Beginn eine persönliche Frage: Wie geht es Ihnen in der aktuellen Situation, die ja gerade in Ihrem Fall sehr speziell ist? Wie ist der Status Quo und was haben Sie persönlich aus der Situation gelernt? 
Sebastian Kummer: Mir geht es nach wie vor gut, ein Segelboot ist natürlich der perfekte Ort, um virenfrei durch die Krise zu kommen. Ich befinde mich in einer wunderschönen mediterranen Bucht und die Türken sind gastfreundlich wie immer, sodass ich alles habe. Allerdings bin ich nun schon über 65 Tage alleine auf dem Schiff, und auch die schönste Quarantäne der Welt sollte mal ein Ende haben. Einige Segler sind weltweit vom Lockdown betroffen. Meine Situation ist sehr speziell: Ich segle auf einem türkischen Schiff als deutscher Staatsbürger auf dem Weg in die Türkei. Während ich legal in griechischen Gewässern segelte, wurde ich auf einmal aufgrund der Corona-Maßnahmen von der griechischen Coast Guard mit vorgehaltener Maschinenpistole und Androhung einer Haftstrafe des Landes verwiesen. Als EU-Bürger hätte ich mir das nie vorstellen können. Gelernt habe ich, dass eine gewisse Distanz und auch das „Mönchsdasein“ die Klarheit des Denkens fördert.

Gibt es auch wissenschaftliche Lehren, die man aus dieser Krise ziehen kann und wenn ja welche? 
Die wissenschaftliche Auswertung der Krise wird sicher noch ein bisschen dauern, allerdings glaube ich nicht, dass wir sehr große neue Erkenntnisse gewinnen. Natürlich war der Einschnitt stärker als bei anderen Krisen, aber die Transportwirtschaft und Logistik haben ja gezeigt, dass die Systeme funktioniert haben. Das Problem von Transportwirtschaft und Logistik – und das war auch schon vor der Krise klar – ist, dass die Transportwirtschaft eine abgeleitete Nachfrage ist: Genauso wie es den Menschen schlecht geht, wenn es der Wirtschaft schlecht geht, geht es natürlich der Transportwirtschaft und Logistik schlecht, wenn es der Wirtschaft schlecht geht.

Wie ist es um die Lieferketten bestellt, und wo liegen derzeit die größten Probleme? 
Natürlich waren die Lieferketten erheblich durch die Lockdowns gestört. Und in Zukunft werden die Unternehmen noch stärker auf eine geographische Streuung der Zulieferer achten. Ich gehe davon aus, dass es zu einer Glokalisierung der Lieferketten kommt, also  gleichzeitige globale und lokale Lieferanten. Zu Beginn der Krise haben alle gejammert, dass die Lieferketten nach China abgerissen waren. Allerdings zeigt sich jetzt, dass zum Beispiel die Unternehmen in Norditalien ein mindestens genauso großes Problem darstellten. 

Eine gewisse Entglobalisierung also als langfristige Auswirkung und sozusagen ein Vermächtnis der Corona-Krise. Was bedeutet der Versuch, Abhängigkeiten von China zu reduzieren, in dem man wieder mehr regional produziert, konkret – generell und insbesondere für die Logistikbranche? 
Ich glaube wie gesagt, dass es zu einer Glokalisierung der Wirtschaft kommt, also ein Nebeneinander von globalen und lokalen Lieferketten. Natürlich wird in Europa versucht werden, die Abhängigkeiten von China zu reduzieren. Allerdings haben die globalen Lieferketten solche Vorteile, dass wir gut beraten sind, diese auch weiterhin zu nutzen. Die schlimmste Auswirkung der Krise könnte sein, dass die positiven wirtschaftlichen Entwicklungen in Afrika und Südamerika zerstört werden. Ich glaube, dass diese Entwicklung durchaus eine Chance für die mittelständischen Transport- und Logistikunternehmen darstellt. Denn diese können erfahrungsgemäß besser lokale Märkte bedienen. Allerdings werden sich auch die großen Logistikdienstleister auf die regionalen und lokalen Märkte stürzen. Dies wird dazu führen, dass der Wettbewerb auch auf den regionalen und lokalen Märkten hart bleibt.

Kann man sagen, dass die Lkw-Branche, also der Straßengütertransport, in gewisser Weise so etwas wie ein Gewinner der Krise ist – insofern nämlich als das Image der Branche plötzlich ein viel besseres ist? 
Ich hatte zu Beginn der Krise vermutet, dass die LKW-Branche als systemrelevant eingestuft wird und ein Gewinner der Krise sein würde. Wenn die Politik und die Bevölkerung rational denken und handeln würden, so wäre das der Fall. Das Gleiche gilt natürlich für das Image der Branche. Auch gab es zu Beginn sehr gute Anzeichen, die Lockerung des Sonntagsfahrverbots, die Lockerung der Lenkzeit und die Arbeitszeitregelung. Wir sollten alle daran arbeiten, dass die Krise dazu führt, das Image zu verbessern und ich bin – und das sehen Sie auch an meiner persönlichen Krisenbewältigung – mit Geduld und Humor Optimist. Der Realist in mir sagt allerdings, dass die Gefahr groß ist, dass sich die Stimmung dreht und die Politik nach der Krise den LKW wieder als Feindbild entdeckt.

Umgekehrt: Wer sind die größten Verlierer? 
Auch das war von Anfang an klar, es sind im Bereich der Transportwirtschaft und Logistik die Fluglinien aufgrund des Personenverkehrs. Auch der öffentliche Personennahverkehr könnte zumindest mittelfristig Schaden nehmen. Dienstleister, die für ihn oder für andere stark betroffene Bereiche arbeiten, wie zum Beispiel die Gastronomie, Hotel- oder Veranstaltungsgewerbe, sind auch große Verlierer der Krise und müssen sich gegebenenfalls mittelfristig umstellen.

Wie ist Ihr kurz- bis mittelfristiger Ausblick: Ist das Schlimmste bereits hinter uns und wo liegen aktuell noch die größten Herausforderungen? 
Karl Kraus hat einmal gesagt, die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Das Hochfahren der Wirtschaft nach einer Krise ist immer schwieriger als das Runterfahren in der Krise. Insofern ist es auch bedauerlich, dass die Regierungen in Europa nicht mehr dafür getan haben, dass große Teile der Wirtschaft nicht völlig zum Erliegen kommen. Die Logistik hat gezeigt, dass sie zum Beispiel durch kontaktlose Auslieferung in der Lage ist, die Übertragungswahrscheinlichkeit der Viren zu minimieren. Wenn die Grenzschließungen allerdings dazu führen, dass die Sommersaison für Länder wie Griechenland, Italien, Kroatien oder Spanien, die auf den Tourismus angewiesen sind, ausfällt, dann habe ich größte Befürchtung, dass sich selbst mit den wildesten monetären Maßnahmen die Wirtschaft nicht retten lässt und wir tiefgreifende Umbrüche erleben werden. Europa muss in diesem Prozess aufpassen, dass es nicht ein Verlierer wird. Die asiatischen Länder haben die Krisen viel besser bewältigt als die europäischen Länder. Aufgrund der hohen Infektionsraten und der vielen Toten scheint es, dass auch die USA einer der Verlierer der Krise sind. Ich glaube aber, dass wirtschaftlich gesehen der Schaden dort zumindest überschaubar ist. Für die Transportunternehmen bedeutet der kurzfristige Rückgang der Nachfrage einen erheblichen Preiswettbewerb. Leider wird sich dieser noch eine gewisse Zeit hinziehen. 

Wann wird die Supply Chain voraussichtlich wieder reibungslos funktionieren und welche Unterbrechungen sind die kritischsten? 
Diese werden ganz schnell wieder reibungslos funktionieren. Insbesondere weil ja die Unternehmen aufgrund der eher geringeren Nachfrage Freikapazitäten haben und es schnelle Liefermöglichkeiten gibt. Wenn wir hingegen eine Insolvenzwelle erleben, dann könnten auch die Supply Chains gefährdet sein. 

Zum Abschluss wieder etwas Persönliches: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Krise vorbei ist? 
Am meisten freue ich mich natürlich darauf, dass ich meine Familie und Freunde endlich wieder sehen kann. Außerdem vermisse ich – wie wohl alle – kulturelle Aktivitäten wie Theater, Oper und Konzerte. Aber ehrlich gesagt graut mir vor dem Leben mit Masken und Distanzregeln, die ich auf meiner Lagoon 46 natürlich nicht brauche.

Autor/in:
Hans-Jörg Bruckberger
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