Die europäische Klimapolitik hat ein grundsätzliches Problem: Sie definiert nicht nur das Ziel, sondern zunehmend auch die Technologie, mit der dieses Ziel erreicht werden soll. Genau damit droht aus einer notwendigen Transformation eine regulatorische Einbahnstraße zu werden. „Wer Klimaschutz ernst nimmt, darf nicht einzelne Technologien politisch aussortieren, bevor sie überhaupt die Chance bekommen haben, ihr Potenzial im Wettbewerb zu zeigen“, sagt Stephan Schwarzer, Generalsekretär der eFuel Alliance Österreich. Für ihn muss die entscheidende Frage lauten, wie fossile Energieträger möglichst rasch ersetzt werden können – und nicht, welcher Antrieb politisch bevorzugt wird. Die batterieelektrische Mobilität gehört dabei zum Werkzeugkasten. Aber sie könne nicht das einzige Werkzeug sein. Wasserstoff, erneuerbare Kraftstoffe und synthetische eFuels müssen ebenfalls ihren Beitrag leisten können.

Bestand verschwindet nicht per Verordnung

Besonders deutlich wird das Problem beim Fahrzeugbestand. Österreich will bis 2040 klimaneutral sein, die EU bis 2050. Doch selbst 2040 werden nach Einschätzung der eFuel Alliance Österreich noch rund zwei Drittel der Pkw mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet sein. Wer ausschließlich auf den Hochlauf neuer Elektrofahrzeuge setzt, muss deshalb erklären, wie die Emissionen des Bestands reduziert werden sollen. Mit erneuerbaren Kraftstoffen können bestehende Fahrzeuge in die Transformation einbezogen werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie in relevanten verfügbar werden. Bis 2050 – in Österreich bis 2040 – müsse der Treibstoff an der Zapfsäule klimaneutral sein – daher führe kein Weg an eFuels vorbei, sind sich Roth und Schwarzer einig.

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CO₂ zählt – nicht das Etikett am Antrieb

Auch bei der Bewertung von Fahrzeugen sei ein Umdenken notwendig. Denn Emissionen entstehen nicht unmittelbar während des Fahrbetriebs. Batterieproduktion, Rohstoffgewinnung und Strombereitstellung haben ebenso eine Klimawirkung wie Produktion, Transport und Nutzung erneuerbarer Kraftstoffe. „Wir brauchen einen Wettbewerb um die tatsächlich beste CO₂-Bilanz und keinen Wettbewerb darum, welche Technologie am besten in ein regulatorisches Schema passt“, fordert Jürgen Roth Vorstandsvorsitzender der eFuel Alliance Österreich. Das bedeutet keineswegs, Klimaziele abzuschwächen. Die Politik sollte definieren, was erreicht werden muss und nicht wie.

Europas Industrie steht auf dem Spiel

Die Debatte ist längst mehr als eine Frage des Antriebs. Sie betrifft den industriellen Kern Europas. Motoren- und Getriebebau, Maschinen- und Anlagenbau, Werkstofftechnik und hoch spezialisierte Zulieferer haben über Jahrzehnte Know-how aufgebaut, das weltweit gefragt ist. Dieses Wissen vorschnell zum Auslaufmodell zu erklären, wäre industriepolitisch fahrlässig. Gerade synthetische Kraftstoffe könnten vorhandene Kompetenzen mit einer klimaneutralen Energiewelt verbinden.

Aber wer profitiert von den Regeln? Hersteller rein batterieelektrischer Fahrzeuge können durch CO₂-Pooling zusätzliche Erlöse erzielen. Tesla hat damit bereits Milliarden verdient. Wenn europäische Regulierung dazu führt, dass heimische industrielle Wertschöpfung geschwächt wird, während außereuropäische Wettbewerber zusätzliche Vorteile erhalten, muss diese Regulierung auf den Prüfstand.

Energieversorgung

Für Rettungsdienste, Katastrophenschutz, Landwirtschaft, militärische Mobilität und kritische Logistik bleiben flüssige Energieträger aufgrund ihrer Energiedichte, Speicherbarkeit und Transportfähigkeit von besonderer Bedeutung. eFuels könnten hier eine strategische Rolle übernehmen. Sie lassen sich mit erneuerbarer Energie herstellen, können bestehende Infrastruktur nutzen und über unterschiedliche Produktionsstandorte bezogen werden. PKW, LKW und Autobusse sind die größte Emittentengruppe im Verkehr – bei ihnen ist am meisten Einsparung zu holen.

Regeln jetzt ändern

Die Politik muss sich daher entscheiden, ob sie Technologie gestalten oder Ergebnisse erreichen will. Für den Klimaschutz zählt am Ende nicht, welche Technologie auf dem Papier bevorzugt wurde, sondern wie viele fossile Energieträger tatsächlich ersetzt und wie viele Treibhausgasemissionen tatsächlich vermieden wurden. Notwendig sind deshalb eine technologieoffene Reform der europäischen CO₂-Flottengrenzwerte, die regulatorische Anerkennung klimaneutraler Kraftstoffe und verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen in Produktions- und Logistikkapazitäten.

Neue flüssige Energie macht Europa unabhängiger

Hätte die EU vor zehn Jahren begonnen eFuels zu produzieren, stünden wir heute besser da. Wir hätten flüssige klimaneutrale Energie, die von bedrohten Lieferrouten unabhängig sind. Es ist höchste Zeit, jetzt massiv in die eFuel-Produktion einzusteigen.

Jürgen Roth
Jürgen Roth fordert Technologieoffenheit. © Weinwurm Fotografie
Stephan Schwarzer
Stephan Schwarzer will fossile Energieträger rasch ersetzen.