Teuerung

WKO und VVO: Gemeinsam durch die Krise

Werkstatt
12.09.2022

Mit harten Verhandlungen suchen Versicherungen und Werkstätten den Interessensausgleich im Sinne zufriedener Kunden. Doch was nun, wenn diesen das Geld ausgeht? Ein Interview mit den Branchenvertretern Manfred Kubik (WKO) und Alexander Bayer (VVO).
Manfred Kubik (WKO) und Alexander Bayer (VVO)

KFZWIRTSCHAFT: Herr Kubik, Sie sind in der Bundesinnung Fahrzeugtechnik Stellvertreter des Bundesinnungsmeisters. Was macht den von Ihnen vertretenen Karosserie- und Lackierbetrieben aktuell am meisten zu schaffen?

MANFRED KUBIK: Nachdem die Corona-Delle endlich ausgebügelt ist, haben wir nun mit dem Anstieg der Energiekosten, Lieferengpässen bei Ersatzteilen, einer Teuerung beim Lackmaterial sowie einem eklatanten Facharbeitermangel zu kämpfen. Manche Betriebe müssen tatsächlich Aufträge ablehnen, weil sie niemand haben, der diese abarbeiten kann. Gleichzeitig müssen die markenfreien Betriebe hohe Investitionen in neue Werkzeuge stemmen, um mit dem rasanten Fortschritt der Fahrzeugtechnologie mithalten zu können.

KFZWIRTSCHAFT: Herr Bayer, Sie leiten das technische Büro beim Verband der Versicherungsunternehmen Österreichs VVO. Finden Sie es gerechtfertigt, dass die Lack- und Karosseriebetriebe angesichts der von Herrn Kubik geschilderten Umstände die Stundensätze erhöhen?

ALEXANDER BAYER: Wir haben natürlich Verständnis für die aktuelle Situation der Reparaturbetriebe aufgrund der weltwirtschaftlichen Probleme und der steigenden Energiekosten. Wir beobachten aber die Erhöhungen der Stundensätze sehr genau und führen harte Verhandlungen mit den Gewerbevertretern. Das Ziel ist immer ein Kompromiss im Interesse des Kunden. Schon seit den 1970er Jahren gehen wir in Österreich einen besonders kundenfreundlichen Weg, indem wir dem Kunden die freie Werkstattwahl überlassen und die Reparaturarbeiten direkt mit der Werkstatt abrechnen.

KUBIK: Die Positionen sind ja klar: Die Werkstatt will immer das Maximum herausholen, der Kunde und die Versicherung wollen so wenig wie möglich zahlen. Der österreichische Weg heißt: Miteinander reden und eine Lösung finden. Dass das meistens gelingt, zeigt auch die Tatsache, dass wir nur sehr selten gerichtsanhängige Schadensfälle haben.

BAYER: Ich komme noch einmal auf die teilweise exorbitant ansteigenden Stundensätze zu sprechen. Aufgrund der steigenden Lebenshaltenskosten sparen die Österreicher natürlich auch bei der Mobilität. Es wäre niemandem geholfen, wenn wir die Prämien soweit erhöhen müssen, dass sich niemand mehr eine Kaskoversicherung leisten kann, wir als Risikoabdecker ausscheiden und der Kunde dieses Risiko selbst trägt. Als Werkstattinhaber sollte ich mir daher immer folgende Fragen stellen: Ist der kalkulierte Stundensatz auch einem Privatkunden zumutbar und kenne ich meinen Selbstkostenstundensatz um daraus meinen Verkaufsstundensatz zu kalkulieren? Und was kommt nach den hoffentlich überstandenen Krisen: Gehe ich dann mit den Stundensätzen wieder herunter?

KUBIK: Im Gegenzug ist aber auch nicht zu erwarten, dass Versicherungsprämien geringer werden, wenn die Verrechnungssätze sinken würden. Jene Werkstätten, die sich auf Fuhrparks spezialisiert haben, spüren den Geschäftsrückgang aufgrund von Homeoffice und Videokonferenzen mehr als jene, die vorwiegend Privatkunden haben. Leider können wir die steigenden Kosten bei Ersatzteilen und Lackmaterial nicht beeinflussen, da sind wir nur die Überbringer der schlechten Nachricht. Unter diesen herausfordernden Bedingungen muss sich das kaufmännische Geschick des Werkstattinhabers beweisen.

BAYER: Angesichts der steigenden Ersatzteilpreise könnten die Werkstätten beispielsweise ihr Angebot in Richtung Reparatur statt Tausch verstärken. Auch im Hinblick auf die Klima- und Rohstoffkrise wäre es eine gute Idee, die Reparaturökonomie zu fördern. Letztlich muss es darum gehen, den Kunden zufrieden zu stellen. Es wäre sowohl für das Gewerbe als auch für die Versicherung fatal, wenn die Totalschadensquote durch überhöhte Stundensätze steigt. Hier sollte auch darüber nachgedacht werden, was es bedeutet, keine Reparaturen aus Kaskoversicherungen im Betrieb zu haben. Was bedeutet dies für die Auslastung des Betriebes bzw. der Mitarbeiter und könnten dann noch Arbeitsplätze gesichert werden?

KUBIK: Ich bin durchaus mit einer Belebung des Reparaturgeschäftes einverstanden, vor allem angesichts der Tatsache, dass bestimmte Ersatzteile einfach nicht zu bekommen sind. Beispiel Stoßfänger: Da gibt es bereits seit 25 Jahren Reparatursysteme auf dem Markt. Das wurde aber zu meiner Verwunderung bisher in den seltensten Fällen von den Versicherungen forciert.

BAYER: Ich durfte in meiner Vergangenheit mehrere Werkstätten unterschiedlicher Größen führen und kenne daher sowohl die Position des Gewerbebetriebes als auch jene der Versicherung sehr gut. Ich war immer glücklich, wenn eine Versicherung hinter einem Auftrag gestanden ist, in dem Wissen einen zuverlässigen Zahler hinter einer ordnungsgemäßen Reparatur zu haben. Aus meiner Sicht ist es am wichtigsten, den konstruktiven Dialog aufrecht zu erhalten, damit das in Österreich bestehende Gesamtkonstrukt einer gut funktionierenden Schadensabwicklung nicht gefährdet wird. Das gemeinsame Interesse des Gewerbes und der Versicherer muss heißen: Versicherung muss leistbar bleiben.