Der Oldtimer als Goldesel

Oldtimer
18.07.2019

Obwohl die Restaurierung historischer Fahrzeuge eine lukrative Nische für freie Werkstätten wäre, droht das dazu nötige Know-how auszusterben. Die Innung für Fahrzeugtechnik startet daher eine Initiative für die Ausbildung zum Oldtimer-Experten.
Helmut Neverla

Helmut Neverla ist Oldtimerfahrer aus beruflicher und privater Passion. Der ehemalige Besitzer einer Oldtimerwerkstätte und amtierende Vorsitzende des Berufszweigausschusses und Bildungsbeauftragte der Kfz Techniker in der WKO restaurierte zuletzt mithilfe mehrerer Spezialisten ein Lancia Flavia Coupé aus dem Jahr 1964 und nahm damit im Vorjahr an der „Ennstal Classic“ teil. Aus langjähriger Erfahrung weiß er, welche Bandbreite an Fertigkeiten für die Restaurierung eines historischen Fahrzeuges benötigt wird. „Blattfedern schmieden, Ledersitze und Cabriodächer maßschneidern, Vergaser reparieren, Kühler schweißen, Holzarmaturen anfertigen, etcetera  – die paar Spezialisten, die das heute noch können, gehen bald in Pension und haben keine Nachfolger“, warnt Neverla. Damit liege eine Nische brach, in der es gerade für freie Werkstätten einen wahren Goldschatz zu heben gäbe. So werden nach einer Statistik aus dem Jahr 2015 am österreichischen Oldtimermarkt rund 247 Millionen Euro umgesetzt (siehe Kasten), die jüngste in der Tageszeitung Kurier im Juni 2019 veröffentlichte Studie spricht gar von 690 Millionen Euro jährlich. Der mit Abstand größte Anteil entfällt dabei auf die Restaurierung, wobei Spezialisten-Knowhow sowie handwerkliche Fähigkeiten stark nachgefragt sind und daher entsprechend üppig entlohnt werden.  

Wissen bewahren

„Es muss doch möglich sein, dieses Wissen vor dem Vergessen zu bewahren und an junge Kfz-Techniker weiterzugeben“, sagt Neverla. Gemeinsam mit Markus Fuchs, Direktor der Siegfried Marcus Berufsschule in Wien-Floridsdorf und Manfred Kubik, Ausbildungsbeauftragter der Karosseriebautechniker in der WKO, entwarf er verschiedene Konzepte für einen neuen Berufszweig „Classic-Reparatur“. „Unser Traumziel wäre, eine Klasse mit 10 – 15 Schülern zusammen zu bringen, die in dreieinhalb bis vier Jahren zumindest ein Grundwissen erlangt, auf dem sie aufbauen können“, so Neverla. Die Ausbildungsvarianten reichen vom vierjährigen Lehrberuf über einen Ausbildungsversuch bis zur Doppellehre. Die speziell auf historische Fahrzeuge abgestimmten Lehrinhalte reichen von der Blechbearbeitung über Mechanik und Elektrik, die Reparatur von Vergaser und Zündung bis zur Rostbeseitigung. Helmut Neverla zeigt sich zuversichtlich: „Wenn sich genügend Interessenten finden, werden wir bereits im Schuljahr 2020/21 
starten.“

DATEN & FAKTEN

Im Durchschnitt ist ein Oldtimersammler in Österreich 54 Jahre alt, besitzt 2,9 Fahrzeuge und fährt an 36 Tagen im Jahr rund 4.657 Kilometer. Der durchschnittliche Wert eines historischen Pkw beträgt 26.903,– Euro, eines Zweirad-
Klassikers 5.847,- Euro. Der stattliche Umsatz der Branche beträgt pro Jahr rund 247 Millionen Euro (Tendenz stark 
steigend) und teilt sich auf folgende Sparten auf:

MARKTPOTENZIAL   JE FAHRZEUG   GESAMTMARKT
Restaurierung 4029,– 121.870.000,–
Service 1041,– 31.230.000,–
Zubehör 884,– 26.520.000,–
Garagierung 1092,– 32.760.000,–
Versicherung 653,– 19.590.000,–
Steuern/Maut 495,– 14.850.000,–
Summe 8.194,– 246.820.000,–

Quelle: Austro Classic, 1/2015