Schaeffler schaltet halbautomatisch

Kupplungssystem
24.05.2016

Im Vergleich zu Handschaltgetrieben bringen die teilautomatisierten Kupplungssysteme von Schaeffler mehr Fahrkomfort und geringeren Spritverbrauch. Im Vergleich zu Vollautomaten sind sie deutlich kostengünstiger. 
Roland Welter (Leiter Kupplungen), Peter Gutzmer (Technologievorstand Schaeffler), Matthias Zink (Leiter Getriebesysteme) (v. l.)
Roland Welter (Leiter Kupplungen), Peter Gutzmer (Technologievorstand Schaeffler), Matthias Zink (Leiter Getriebesysteme) (v. l.)

Mit der Hand schalten, ohne zu kuppeln – das ist zuerst einmal ungewohnt. Auf Testfahrt in einem Ford Focus mit innovativer Halbautomatik an Bord, lerne ich, meinen linken Fuß ruhig zu stellen und die Gänge nach Bedarf nur mit der Hand einzulegen. Ebenfalls ungewohnt: Nehme ich den Fuß vom Gaspedal, stellt sich der Motor einfach ab, und das Auto „segelt“ dahin. Mit einem kurzen Gasstoß wecke ich den Motor wieder auf, der Vorgang ist dank eines kräftigen Riemen-Startergenerators kaum spürbar. EKM oder „Clutch by Wire“ heißt das von Automobilzulieferer Schaeffler im deutschen Baden-Baden vorgestellte System, das gleichzeitig für Komfortgewinn und geringere CO2-Emissionen sorgt und dazu noch deutlich billiger herzustellen ist als eine Vollautomatik. Die Technik dahinter: Ein Sensor erfasst den manuellen Schaltvorgang und schickt das Signal an ein Steuergerät. Dieses aktiviert einen E-Motor, der schließlich den Kupplungsvorgang via Spindeltrieb sowie Geber- und Nehmerzylinder ausführt. 

Eine Idee, drei Konzepte

Schaeffler hat drei Konzepte für verschiedene Anforderungen entwickelt. In der einfachsten Variante MTplus gibt es wie gewohnt ein Kupplungspedal und eine hydraulische Kraftübertragung, die aber durch einen elektrischen Aktuator in der Druckleitung ergänzt wird. Auch diese Variante durfte ich in Baden Baden testen. Fazit: Zum herkömmlichen Handschalter mit Kupplung ist kein Unterschied merkbar. Gehe ich vom Gas, segelt das Auto aber ohne auszukuppeln mit abgeschaltetem Motor auf die nächste Ampel zu. Laut Schaeffler lässt sich damit der Kraftstoffverbrauch im künftigen Verbrauchsmesszyklus nach WLTP um mindestens drei Prozent senken, die Einsparung im realen Stadtverkehr soll sogar bis zu acht Prozent betragen. „Mit MTplus ist es Schaeffler gelungen, die Mehrkosten gegenüber einer klassischen Kupplungsbetätigung in engen Grenzen zu halten“, sagt Roland Welter, Leiter Produktlinie Gesamtsystem Kupplungen bei ­Schaeffler. Das dritte von Schaeffler entwickelte System heißt „Clutch-by-wire“. Dabei gibt es zwar ein Pedal, jedoch keine mechanische oder hydraulische Anbindung an die Kupplung mehr. Das Öffnen und Schließen der Kupplung übernimmt in allen Fahrsituationen ein intelligenter elektrischer Aktor. Damit ist das System auch Situationen gewachsen, die einen hoch dynamischen Eingriff erfordern – zum Beispiel schnelle Schaltungen und schlagartige Bremsungen. 

Milde Hybridisierung

„Das Interesse der Fahrzeughersteller an unseren Lösungen ist groß, die ersten Serienfahrzeuge werden 2019 auf den Markt kommen“, verspricht ­Matthias Zink, Leiter des Unternehmensbereichs Getriebesysteme bei Schaeffler. Etwa die Hälfte der rund 80 Millionen produzierten Fahrzeuge weltweit ist noch mit Handschaltgetriebe ausgestattet. „Hier liegt ein ­enormes Potenzial für CO2-Reduktion“, so Zink. Ebenso im Mild-Hybrid mit 48-Volt-System an Bord, mit dem sich rein elektrisches Fahren in niedrigen Geschwindigkeitsbereichen realisieren lässt. „Für den Autofahrer bedeutet dies, dass er bei moderaten Mehrkosten deutlich Kraftstoff spart und gleichzeitig mehr Fahrspaß erlebt“, sagt Peter Gutzmer, Technologievorstand der Schaeffler AG.