Audi 100: Suche nach dem Elektro-Defekt

Fahrzeugdiagnose
13.10.2017

Ein 22 Jahre alter AUDI 100 ist seinem Besitzer fast 200.000 Kilometer lang ein treuer Weggefährte, bis er plötzlich während der Fahrt seinen Dienst quittiert. In der Werkstatt von Georg Ringseis kommt man dem Fehler erst nach aufwendiger Detektivarbeit auf die Spur.
Das Motorsteuergerät des Audi 100 versteckt sich im Beifahrer-Fußraum hinter einer Abdeckung.

Ein schönes Exemplar der letzten Audi-100- Generation, die nach einem Facelift im Sommer 1994 in A6 umbenannt wurde, landet eines Tages in der Werkstatt von Georg Ringseis in Wien- Landstraße. Der Besitzer hat das Auto vor 22 Jahren gekauft und war nur selten damit gefahren, da er sich öft ers ohne Auto im Ausland aufh ält.

Die vollverzinkte Karosserie des als sehr zuverlässig geltenden Modells zeigt kaum Rostspuren, das Fahrwerk ist in gutem Zustand, und auch das Interieur wirkt keineswegs abgewohnt. Der 2,8-Liter- V-6-Zylinder-Benzinmotor leistet 174 PS und bringt die etwa 1,6 Tonnen schwere Limousine mit einem Drehmoment von 245 Nm bei 3.000 Touren aus heutiger Sicht eher gemütlich auf den Weg.

Als sich der treue Weggefährte eines Tages verschluckt und während der Fahrt den Motor abstellt, verdächtigt sein Besitzer zuerst die nachträglich eingebaute Diebstahlsperre, die zuvor schon öft er Probleme gemacht hat. Er bringt das Auto zu seiner Stammwerkstatt , wo ein neuer Diagnosekrimi seinen Lauf nimmt.

DIE FEHLERSUCHE IM DETAIL

▶ Georg Ringseis untersucht zuerst die in Verdacht stehende Diebstahlsperre, die über einen Chip, der in die Mitt elkonsole gesteckt wird, die Stromzufuhr zum Starter und zum Benzinpumpenrelais freigibt. Fazit: Die Wegfahrsperre gibt zwar die Leitung frei, doch der Starter dreht trotzdem nicht.

▶ Bei der Überbrückung der Wegfahrsperre taucht ein zweiter Fehler auf: Das Benzinpumpenrelais funktioniert nur gelegentlich.

▶ Nun wird das Relais ausgetauscht, der Motor gestartet. Nach fünf Minuten problemlosem Motorlauf stirbt er jedoch wieder ab. Messungen zeigen aber, dass Benzinpumpe und Relais angesteuert werden und funktionieren.

▶ Nach Rücksprache mit dem Kunden wird nun die Wegfahrsperre endgültig deaktiviert und ausgebaut. Leider ohne Erfolg, der Motor läuft nicht rund und stirbt wieder ab.

▶ Nun werden anhand des Schaltplans die elektrischen Leitungen der Treibstoff versorgung überprüft . Ergebnis: Beim Umdrehen des Zündschlüssels bricht die Spannung zusammen.

▶ Die Stromversorgung von Benzinpumpenrelais und Motorsteuergerät wird auf Unterbrechungen und Oxidation untersucht – ohne Ergebnis.

▶ Danach erfolgt die Kontrolle der Minusseite – und hier wird der Übeltäter endlich dingfest gemacht. Denn bei Last am Motorsteuergerät bricht an der Minusseite die Spannung zusammen.

▶ Mit einer neuen Stromleitung direkt vom Motorsteuergerät zu einem Massepunkt an der Karosserie wird das Problem schließlich behoben. Alle Systeme funktionieren einwandfrei – Fall gelöst.

„Eine defekte Masseleitung bringt die Elektronik durcheinander.“ GEORG RINGSEIS, KFZ TECHNIKER

PETER SEIPEL ERDUNGSSTREIFEN OHNE SINN UND ZWECK

Ein Bruch oder Korrosionsschäden an der Masseleitung können die Fahrzeugelektrik und damit auch die hochsensible Elektronik ganz schön durcheinanderbringen. Wenn der Strom nicht gut abfl ießen kann, sucht er sich eben alternative Wege – bei älteren Fahrzeugen ist das Phänomen manchmal an den Rücklichtern zu sehen, wenn diese im Rhythmus des Blinkers aufl euchten.

Interessant übrigens in diesem Zusammenhang, dass die früher so verbreiteten Erdungsstreifen, die vom Fahrzeugboden aus bis zur Straße baumelten, völlig aus der Mode gekommen sind. anscheinend hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie weder gegen die elektrostatische aufl adung der Karosserie helfen noch gegen die bei manchen Passagieren auft retende übelkeit während der Fahrt, wie manche unseriösen Vertreter der Zubehörindustrie den autofahrern seinerzeit weisgemacht haben.