Diagnosekrimi: Gefangen im Elektroauto

Diagnosekrimi
01.08.2017

Diesmal behandeln wir einen gleichermaßen mysteriösen wie spektakulären Fall, bei dem der Lenker eines ELEKTROAUTOS sein Fahrzeug nicht mehr abstellen konnte. Zum Glück hatte seine Werkstatt gerade geöffnet, sodass ihn ein Hochvolttechniker aus der misslichen Lage befreien konnte.
Peter Seipel
Peter Seipel

Der Fall des Autolenkers, der von seinem Fahrzeug praktisch in Geiselhaft genommen wurde, hat sich vor rund zwei Jahren ereignet und seither so manche Stammtischrunde von Kfz-Technikern unterhalten. Ein der Redaktion bekannter Hochvolttechniker schildert den Fall, will aber die Marke des Elektroautos nicht nennen. Ein derartiger Defekt könne grundsätzlich bei allen Elektrofahrzeugen auftreten, wenn einige ungünstige Faktoren zusammenspielen, sagt unser Informant. Dennoch ist dieser Fall bisher einzigartig geblieben, was darauf hin deutet, dass die Hersteller bereits daraus gelernt haben.

Es begann damit, dass der Lenker eines Elektroautos am Ziel seiner Fahrt angekommen war, einen Parkplatz fand und sein Auto abstellen wollte. Doch als er den Motor mittels Start-Stopp-Knopf ausschalten wollte und den Fuß vom Bremspedal nahm, fuhr der Wagen wieder an. Auch die Neutral- Stellung des Wählhebels brachte keine Abhilfe, die Automatik verharrte in der Drive-Position. Nur der Rückwärtsgang ließ sich einlegen, sodass der Lenker zumindest wieder aus der Parklücke heraus rangieren konnte. Zuvor öffnete er noch die Fahrertür und schnallte seinen Sicherheitsgurt ab, denn laut Gebrauchsanleitung sollten dann eigentlich die Bremsen des Fahrzeugs blockieren. Ohne Erfolg, der Wagen setzte sich sofort in Bewegung, sobald er vom Bremspedal ging. Dem in seinem Sitz gefangenen Fahrer blieb also nichts anderes übrig, als die Werkstatt aufzusuchen, die glücklicherweise nicht allzu weit entfernt lag und geöffnet war. Dort angekommen, machte er durch Winken und Rufen auf sich aufmerksam, bis ein Techniker zu seinem Wagen kam und ihn mit einem Handgriff befreite, indem er den Serviceplug abzog und so das Auto still legte.

▶ Die Suche nach dem Fehler erfolgte über ein spezielles Diagnosegerät, das mit der Zentrale des Fahrzeugherstellers vernetzt ist. Gemeinsam nahmen der Hochvolttechniker vor Ort und der Spezialist in der Wartungszentrale des Herstellers die Spur auf.

▶ Zuerst wurde festgestellt, dass der sogenannte Kriechmodus eingeschaltet war, in dem das Fahrzeug automatisch nach Lösen des Bremspedals losrollt. Dieser Kriechmodus ist beim Starten des Fahrzeugs voreingestellt und kann vom Fahrer per Knopfdruck deaktiviert werden, was in dem beschriebenen Fall nicht möglich war.

▶ Nach Durchchecken der in Frage kommenden Steuersysteme stellte sich heraus, dass der Fehler bei der Signalübertragung vom Wählhebel zum Motorsteuergerät zu suchen ist. Das CAN-Signal zum Umschalten der Gänge war gestört.

▶ Die Hochvolttechniker legten die für die Signalübertragung zuständigen Kabel frei und untersuchten diese auf Brüche oder andere Schäden. Fazit: Ein Stecker zeigte Spuren von Feuchtigkeit und wurde getauscht.

▶ Auch der Sensor, der eigentlich die geöffnete Türe erkennen und den Motor stilllegen hätte sollen, wurde getauscht.

▶ Die beiden Maßnahmen hatten Erfolg, danach funktionierte der Wählhebel wieder einwandfrei und auch der Türsensor reagierte wunschgemäß. Fall gelöst.

„Sie hätten das Auto auch langsam gegen eine Wand fahren können.“ EIN HILFSBEREITER HOCHVOLTTECHNIKER

PETER SEIPEL GEGEN DIE WAND FAHREN

Bevor der Siegeszug der Elektronik begann, wurden die Befehle des Fahrers an die Maschine über Gestänge sowie Bowden- und Federzüge übertragen. Der Vorteil: Wenn etwas klemmte, spürte man gleich am steigenden Widerstand, dass etwas nicht in Ordnung war und konnte notfalls den Zündschlüssel abziehen. Heute wird nur noch bei wenigen Fahrzeugen ein Schlüssel ins Schloss gesteckt, Start und Stopp funktionieren per Knopfdruck, und auch der Motorbetrieb wird von unsichtbaren Steuergeräten überwacht. Kein Wunder daher, dass ein einfacher Wassertropfen an der falschen Stelle genügt, den Lenker in eine zumindest peinliche, wenn nicht gar lebensgefährliche Situation zu bringen.

Da war auch der Ratschlag des Hochvolttechnikers im oben beschriebenen Fall nur ein schwacher Trost, dass der Lenker das Auto auch langsam gegen eine Wand hätte fahren können.