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Mit dem Semi will Tesla auch den Lkw-Markt aufmischen - nach einiger Verzögerung soll die Serien-Produktion nun im Sommer starten.

Analyse: Tesla ist kein Autobauer

10.02.2021

Die Tesla-Aktie hat eine unglaubliche Rekordjagd hinter sich. Prompt ist von einer Spekulationsblase die Rede. Zurecht? Die KFZ Wirtschaft hat genauer hingesehen. Eine Analyse.

478 Prozent. Soviel hat die Aktie des Elektroauto-Pioniers Tesla in den zurückliegenden zwölf Monaten an Wert gewonnen. Einer Zeit, in der die E-Mobilität zwar einen Schub bekommen hat, in der jedoch eine Pandemie und somit Wirtschaftskrise herrschte. Mittlerweile ist der Konzern an der Börse mehr als 800 Milliarden Dollar wert.  Achtmal so viel wie der stolze VW-Konzern, der freilich mit 5,3 Millionen Fahrzeugen 2020 allein von der Kernmarke VW mehr als zehnmal so viele Autos verkauft hat wie der amerikanische Nischenplayer, der im Vorjahr rund 500.000 Neufahrzeuge verkaufen konnte.Tatsächlich ist Tesla inzwischen so viel wert wie beinahe die gesamte weltweite Konkurrenz zusammen, wie eine von der KFZ Wirtschaft erstellte Grafik zeigt,, 

Absurd! Wie ist das möglich? Prompt sprechen immer mehr Beobachter von einer Blase, die, so sind sie sich einig, alsbald platzen wird. Nun, ganz so einfach ist das nicht. Wir wollen im Folgenden zwar nicht dagegen argumentieren oder gar die Aktie zum Kauf empfehlen, allerdings ein paar Dinge relativieren bzw. richtig stellen und somit für mehr Klarheit sorgen.

Wachstumsfantasie

Auf den ersten Blick erscheint die Bewertung des Konzerns tatsächlich überzogen, wie erwähnte Vergleiche innerhalb der Autobranche zeigen. Allerdings muss man schon hier etwas relativieren:  Die Börse handelt stets die Zukunft und nicht den Status Quo. Deshalb sind Vergleiche des Absatzes aus 2020 oder auch des aktuellen Gewinns nur bedingt aussagekräftig. Und die Tendenz spricht allemal für Tesla: Die Amerikaner verzeichneten 2020 ein Rekordjahr, VW litt indes unter Absatzeinbrüchen, der operative Gewinn halbierte sich.

Auch die Wachstumsfantasie spricht für Tesla: Analysten erwarten für 2021 im Schnitt 49,5 Milliarden US-Dollar Umsatz (41,2 Mrd. Euro), 2025 dann bereits 110,7 Milliarden und der operative Gewinn soll sich innerhalb dieser vier Jahre gar von rund fünf auf 15 Milliarden Dollar verdreifachen. Bei VW liegt die Schätzung für 2021 bei 246 Milliarden Euro Umsatz und 15 Milliarden EBIT, 2024 sollen es dann 278 Milliarden Umsatz bzw. 24,7 Milliarden EBIT sein. Das ist eine viel schwächere Wachstumsdynamik, in absoluten Zahlen sind das freilich immer noch viel höhere Werte als bei Tesla. Derartige Überlegungen erklären zwar ein wenig den Hype um Tesla, sie rechtfertigen aber keineswegs dessen Wahnsinnsbewertung an der Börse.

Immer mehr Konkurrenz

Dies, zumal noch etwas dazu kommt: Spätestens jetzt sind auch die großen Platzhirschen der Automobilindustrie auf den Zug in Richtung E-Mobilität aufgesprungen. Vor allem VW startet eine Elektro-Offensive mit seiner ganzen Marktmacht und milliardenschweren Investitionen. Die Zeiten, in denen Tesla sein Feld mehr oder weniger allein beackert sind vorbei.

Aber wieso ist die Aktie dann ausgerechnet jetzt so stark gestiegen? Nun, das Positive an der jüngsten Marktentwicklung ist, dass Tesla-Investoren eine Sorge nicht mehr haben müssen: nämlich jene, dass sich E-Autos am Markt womöglich nicht durchsetzen werden (Stichwort Reichweiteneinschränkung und lästige Ladevorgänge). Das kann man mittlerweile getrost abhaken – auch dank politischer Eingriffe (Förderungen als Kaufanreiz und CO2-Vorgaben für den Flottenverbrauch der Hersteller).

Dennoch: Zieht man all das bisher Geschriebene in Betracht, so ist die aktuelle Bewertung immer noch nicht nachvollziehbar. Man könnte verstehen, dass Tesla mit seiner Wachstumsfantasie beispielsweise so viel wert ist wie BMW. Und das wäre schon sportlich, da die Bayern aktuell etwa doppelt so viel Umsatz einfahren und mit 2,3 Millionen Stück im Jahr 2020 fast fünfmal so viele Fahrzeuge verkauft haben wie Tesla. Die Marktkapitalisierung von BMW liegt bei rund 45 Milliarden Euro, jene von Tesla auf Eurobasis jedoch bei rund 670 Milliarden!

Mehr als nur ein Autobauer

Also doch eine Spekulationsblase? Nun, vielleicht ist die Betrachtungsweise ja von Grund auf falsch. Womöglich ist Tesla eigentlich gar kein klassischer Autokonzern oder besser gesagt mehr als nur ein Autobauer. Und wird von vielen Beobachtern und Analysten schlichtweg mit den falschen Peers verglichen.

Bewertet man bei Tesla nur den Autoverkauf, so ignoriert man die anderen Geschäftszweige und Kernkompetenzen von Tesla und die langfristige Wertschöpfung, die sich daraus ergibt. Der Konzern könnte künftig beispielsweise mit Dienstleistungen und Softwareangeboten starke zusätzliche Einnahmenquellen erschließen. In diesen Bereichen sind obendrein und im Gegensatz zum klassischen Autoverkauf hohe Gewinnmargen zu erwarten. Das gilt auch für das Service-Geschäft, die Wartung der selbstfahrenden Fahrzeuge, GPS-Dienste, Unterhaltungsoptionen oder auch Performance-Upgrades.

Daraus ergibt sich erhebliches Wachstumspotenzial. Der TU-Professor und Geschäftsführer von Fraunhofer Austria, Wilfried Sihn, sagt in einem Interview der KFZ Wirtschaft, dass er sich durchaus vorstellen könne, dass Autos, ähnlich wie dies bei Mobiltelefonen der Fall ist, in Zukunft gar nichts mehr kosten und nur noch über Dienstleistungen, Service- oder Stromlieferverträge Geld verdient wird.

Softwaredienste und Big Data

Adam Jonas, Aktienanalyst der Investmentbank Morgan Stanley, sieht bei Tesla tatsächlich in solch angeschlossen Bereichen viel Potenzial. Softwaredienste hätten beispielsweise bereits jetzt einen Anteil von einem bis zwei Prozent am Gesamtumsatz, meint er, der sich aus diesem Grund in Bezug auf Tesla Ende 2020 auf die Bullenseite geschlagen hatte. Sein von 360 auf 540 Dollar erhöhtes Kursziel wurde freilich schnell pulverisiert, sodass er es im Jänner auf 810 Dollar erhöhte, was auch schon überschritten wurde. Bis 2030 werde der Anteil der Softwaredienste am Gesamtumsatz bereits auf mehr als sechs Prozent steigen, glaubt der Experte.

Der Autobau verändert sich jedenfalls radikal. Im Fokus steht nicht mehr der Bau von Motor, Getriebe oder Fahrwerk, sondern die Kompetenz in Sachen Software, autonomes Fahren und E-Mobility. Tesla produziert bekanntlich auch Batterien, ist nebenbei ein Energiekonzern. Und dann ist da noch das Thema Big Data. So wie Apple oder Amazon sich in unsere Wohnzimmer eingeschlichen haben und unsere Daten sammeln, so kann Tesla unterwegs das Steuer übernehmen ­- im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man ans autonome Fahren denkt. Die gesammelten Daten haben einen immensen Wert, der weit darüber hinausgeht, dass man die eigenen Systeme dadurch laufend optimieren kann. Sie können vielfältig genutzt werden: für Werbezwecke (welches Lokal oder Geschäft schlägt das Navi vor?), für technische Serviceleistungen oder auch von Versicherungen. Experten von McKinsey schätzen, dass der Markt für im Auto gesammelte Daten im Jahr 2030 bereits rund 750 Milliarden Dollar wert sein wird.

In all diesen Bereichen – Batterien, Software, autonomes Fahren – ist Tesla anderen Autoherstellern um Jahre voraus. Und hat damit jede Menge Fantasie. CEO Elon Musk hat beispielsweise angekündigt, eine Taxiflotte aus autonom fahrenden Elektroautos aufzubauen. Das wäre ein Schritt zum umfassenden Mobilitätsanbieter. Auch im Online-Vertrieb hat Tesla die Nase vorn, wie eine aktuelle Studie beweist. Und jetzt mischt Musk die Szene auch noch mit einer Milliardeninvestition in die Kryptowährung Bitcoin auf. Tesla plant in Zukunft auch Bitcoins als Zahlungsmittel für seine Autos zu akzeptieren.

Dagegen schauen traditionelle Autobauer wie VW mit Verlaub alt aus. Sie versuchen gerade einmal, ihre veralteten Geschäftsmodelle soweit zu modifizieren, dass sie konkurrenzfähige E-Autos bauen können. Handyweltmarktführer Nokia sollte ihnen ein warnendes Beispiel sein, der war nach Apples Erfindung des Smartphones innerhalb kürzester Zeit weg von Fenster. Apple war schon damals kein reiner Hardwareproduzent und schon gar kein Handyproduzent, sondern auch ein Softwareentwickler mit eigenen Betriebssystemen, kurzum ein Technologiekonzern - und somit den Finnen haushoch überlegen.

Nun, Tesla ist in gewisser Weise gar kein Autohersteller, sondern seinerseits ein Tech-Konzern. Also vergleichen wir den Konzern und dessen Marktwert mit den großen Tech-Unternehmen. Diese dominieren die Liste der wertvollsten Unternehmen der Welt. Es führt Apple vor Microsoft, Amazon und Alphabet (Google), die an der Börse allesamt mehr als eine Billion Euro wert sind. Tesla rangiert bereits auf Platz sechs, hat kürzlich Facebook überholt. Das ist die Liga, in der Tesla spielt und nicht die mit 100 Jahre alten Autobauern, die in Anbetracht hoher CO2-Strafen der EU nun krampfhaft ihr Geschäftsmodell umkrempeln und auf einem völlig neuen Terrain reüssieren müssen.  

Amazon ist auch kein Buchhändler

Im Vergleich mit Amazon, Facebook und Co. wirkt die Tesla-Aktie nicht mehr ganz so exorbitant teuer, sie ist aber immer noch stolz bewertet. Schließlich sind diese Tech-Riesen schon länger und somit dicker im Geschäft, sprich ihre Gewinne sind höher. Facebook, selbst alles andere als ein Schnäppchen an der Börse, hat 2020 einen Nettogewinn von rund 29 Milliarden Dollar erzielt. Tesla ist 2020 gerade einmal aus den roten Zahlen gefahren. Analysten erwarten bei Tesla 2025 einen Nettogewinn von 12,5 Milliarden Dollar, Facebook sollte bis dahin bei 61 Milliarden stehen. Dennoch ist Tesla aktuell schon mehr wert als der Zuckerberg-Konzern.

So gesehen ist gut vorstellbar, dass die Tesla-Aktie demnächst mal nach unten korrigiert. Aber danach kann man einen Einstieg sehr wohl in Erwägung ziehen. Vergleiche mit Autobauern sollten einen jedenfalls nicht abschrecken und die genannten Tech-Riesen machen durchaus Mut. Vergessen wir nicht: Es gab eine Zeit, da schien ein Buch- und CD-Händler namens Amazon, der jahrelang Verluste schrieb, an der Börse hoffnungslos überteuert zu sein. Und wer hätte einst gedacht, dass eine Internet-Suchmaschine namens Google einmal mehr wert sein sollte als IBM, geschweige denn jeder noch so große Industriekonzern dieser Welt?

Anders gefragt: Wenn ein als Gag unter Studenten entstandenes soziales Netzwerk 765 Milliarden Dollar wert sein kann, wieso soll dann nicht auch ein innovativer E-Mobilitätsanbieter in ähnliche Sphären vorstoßen? Dass Tesla schon dort ist, ist kein Zufall. Ganz ohne Grund wandert nicht so viel Kapital in eine Aktie. Ob jetzt 800 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung gerechtfertigt sind oder vielleicht 400 Milliarden, kann man nicht sagen, da die Zukunftsfantasie nicht so einfach in Zahlen gegossen werden kann. Insofern ist ein Investment in Tesla eine Glaubensfrage. Das zeigen auch die Kursziele der Analysten: Sie variieren derzeit zwischen 135 und 1200 Dollar! Aber: Dass Tesla um ein Vielfaches mehr wert ist als die traditionellen Autohersteller, hat selbstverständlich seinen Grund. Und genau das sollte letzteren zu denken geben. 

Autor/in:
Hans-Jörg Bruckberger
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