Die kleine Waldviertler Gemeinde Armschlag ist als „Mohndorf“ unter Niederösterreich-Urlaubern bestens bekannt. Nur wenige wissen allerdings, dass sich gegenüber den Verkaufsständen für süße und pikante Mohn-Spezialitäten eine Schlosserei befindet, die sowohl von Landwirten als auch von Oldtimerfans wegen ihrer Stahl-Spezialitäten hochgeschätzt wird. In einer weitläufigen Halle betreibt der Waldviertler Zerspanungstechniker Kurt Riss als Ein-Mann-Betrieb einen mehrere Dutzende Tonnen schweren Maschinenpark, mit dem er Zahnräder, Antriebswellen und komplette Getriebe anfertigen kann. Das Know-how dafür hat er sich zunächst als Autodidakt beigebracht, später in Abendkursen verfeinert und schließlich mit unermüdlichem Einsatz zur Meisterschaft entwickelt.

Leidenschaft seit der Kindheit
Erst im Alter von 46 Jahren entschloss sich Riss, seine Leidenschaft für Mechanik, Metalle und Maschinen zum Hauptberuf zu machen, zuvor war er als Lkw-Fahrer, Baumaschinen-Lenker und Tankstellenpächter tätig gewesen. Schon als Kind war sein Lieblingsspielzeug der Schraubenschlüssel. Eines Tages verlor sein Vater, der eine kleine Landwirtschaft betrieb, mitten am Feld die Lichtmaschine seines Traktors. Obwohl erst sechs Jahre alt, war es dem kleinen Kurt unbemerkt gelungen, die Schrauben des Aggregats zu lösen. Sein Vater war ihm aber nicht böse, sondern beschloss, das aufkeimende Schrauber-Talent zu fördern. Kurzerhand stellt er eine riesige ausgemusterte Erntemaschine in den Vorgarten und legte eine Palette Schraubenschlüssel dazu.

Der Zahn der Zeit
Gerade oder schräg verzahnte Stirnzahnräder, Kegelzahnräder, Tellerräder und komplette Triebsätze mit Zyklo- Palloid- und Hypoidverzahnungen, außerdem Innenverzahnungen, Keilbahnen sowie Kerb- und Keilverzahnungen – die Palette an Zahnrädern, die in den unterschiedlichsten Maschinen zum Einsatz kommen, ist unüberschaubar. Zu den Kunden von Kurt Riss zählen unter anderem Landwirte, deren Erntemaschinen mit gebrochenen Antriebswellen liegen geblieben sind oder Besitzer von Oldtimern mit verschlissenen Getrieben, für die es keine Ersatzteile mehr gibt. So baute der Zahnrad-Maßschneider unter anderem das Differential eines Sportwagens der Marke Mathis aus den 1920er-Jahren nach oder restaurierte ein komplettes Mercedes-Getriebe aus den 1930er-Jahren. Da der Zahn der Zeit die Zahnräder historischer Fahrzeuge oft bis zur Unkenntlichkeit abgenagt hat, orientiert sich Riss an den Achsabständen und Gegenrädern, damit sich sein Nachbau auf hundertstel Millimeter exakt in das Getriebe einfügt. Die Auswahl der geeigneten Stahllegierungen und Härteverfahren beherrscht Riss ebenso wie die komplizierten Berechnungen der optimalen Eingriffswinkel wie kein zweiter. Obwohl er nächstes Jahr sein Pensionsalter erreicht, denkt er nicht daran, die Schraubenschlüssel in den Schrank zu hängen. Nur etwas zurückschrauben will er seinen Hauptberuf, denn seine drei Enkerl kommen nun in ein Alter, in dem sie sich für Modellhubschrauber zu interessieren beginnen.




