Wirtschaftliche Resilienz

Gabriel Felbermayr analysiert die neue Weltwirtschaftsordnung

Die globale Wirtschaftsordnung steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Auf Einladung der Fachgruppe UBIT (Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie) der Wirtschaftskammer Salzburg sprach WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr vor mehr als 200 Gästen im Kavalierhaus Klessheim in Salzburg über die zunehmende Unsicherheit in der Weltwirtschaft und darüber, wie sich Europa in einem Umfeld wachsender geopolitischer Spannungen behaupten kann.

Felbermayr zeichnete die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte nach: Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei es zu einer Phase intensiver Globalisierung gekommen. Diese war geprägt von einer Ökonomie des Positivsummenspiels, in der viele Akteure gleichzeitig profitierten. Diese Epoche sei jedoch eher die Ausnahme gewesen. Spätestens seit der Finanzkrise 2009 werde sie schrittweise von einer neuen Logik abgelöst – einer „Turnier-Ökonomie“, in der es Gewinner und Verlierer gebe. „Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden das, was sie müssen“, brachte Felbermayr diese Entwicklung auf den Punkt.

Die dahinterliegenden Denkmuster seien keineswegs neu, sondern reichten bis ins 19. Jahrhundert zurück. Als Beispiel nannte Felbermayr die Monroe-Doktrin, mit der die USA ihren hegemonialen Anspruch auf dem amerikanischen Kontinent formulierten. Diese Logik habe unter Donald Trump, etwa durch Interventionen in Venezuela, wieder an Bedeutung gewonnen.

Verschiebung der globalen Machtzentren

Im Zentrum des Vortrags stand die Rolle wirtschaftlicher Stärke als Grundlage politischer und militärischer Macht. Felbermayr illustrierte dies am Beispiel Chinas: Seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 habe sich die chinesische Industrieproduktion rasant entwickelt, während sie in den USA und in Europa nur moderat gewachsen sei. Diese Dynamik habe zu einer deutlichen Verschiebung der globalen Handelsbeziehungen geführt.

Während die Europäische Union 1995 noch für 104 Länder der wichtigste Handelspartner war, ist sie es heute nur mehr für 61 Staaten. China hingegen habe sich in diesem Zeitraum vom Randakteur zum wichtigsten Handelspartner für 77 Länder entwickelt.

In einem zunehmend konfliktgeladenen Umfeld gelte jedoch eine andere Regel: „Big is beautiful.“ Kleine Staaten seien in Handelskonflikten klar im Nachteil. Für Europa bedeute das, den EU-Binnenmarkt konsequent weiterzuentwickeln und zu stärken.

Strategien im Umgang mit Unsicherheit

Trotz der angespannten geopolitischen Lage sieht Felbermayr Handlungsspielräume für Europa. Die EU müsse gezielt internationale Koalitionen schmieden und Handelsabkommen vorantreiben. Das Mercosur-Abkommen spiele dabei eine zentrale Rolle. Darüber hinaus könne sich Europa als sicherer Hafen für Investitionen positionieren – gerade in Zeiten globaler Volatilität ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Um in Verhandlungen bestehen zu können, brauche es laut Felbermayr jedoch auch glaubwürdige wirtschaftliche und militärische Stärke, um im Ernstfall Gegendruck aufbauen zu können. Unternehmern empfahl er, sich auf kürzere Planungshorizonte einzustellen und Entscheidungen mit größerer Vorsicht zu treffen: „Das ist, wie wenn Sie bei Nebel auf der Autobahn fahren. Da ist es nicht die beste Idee, mit 160 km/h zu fahren, sondern eher mit 60 km/h – also fahren auf Sicht.“

Felbermayrs Fazit: Die Phase relativer Stabilität ist vorbei. Umso wichtiger sei es für Europa, wirtschaftliche Resilienz aufzubauen, strategische Allianzen zu schließen und sich realistisch auf eine Welt einzustellen, in der Macht, Größe und Durchsetzungsfähigkeit wieder eine deutlich größere Rolle spielen.

 

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