Diagnosekrimi

Ford Focus: Der durstige Diesel

Diagnosekrimi
17.11.2022

 
Ein 15 Jahre altes Ford Focus Cabrio entwickelt von heute auf morgen einen nahezu unstillbaren Durst nach Diesel - angesichts der gestiegenen Spritpreise ein untragbarer Zustand, der jedoch nicht so einfach zu beheben war.
Ford Focus Cabrio

Das Ford Focus Cabrio mit 136 PS starkem 2.0 TDCi Dieselmotor hat bereits 276.000 Kilometer auf dem Tacho und ist mit einem Durchschnittsverbrauch von 5 Liter Diesel auf 100 Kilometer durchaus sparsam unterwegs. Dank regelmäßiger Wartung gibt es auch keinen Service-Rückstand, sodass der Besitzer einigermaßen überrascht ist, als sich die Tankanzeige eines Tages schneller als gewohnt dem Leerstand nähert. Der Dieselverbrauch steigt trotz normaler Fahrweise rasant auf 8 Liter an, und zu allem Überdruss kommt es bei einer Ausfahrt zu einem gefährlichen Zwischenfall. Während der Fahrt beschleunigt der Wagen plötzlich ganz ohne Gaspedaleinwirkung, und die Drehzahlnadel klettert bis in den roten Bereich. Dem Cabriolenker bleibt nichts anderes übrig, als den Selbstzünder brutal abzuwürgen. Er wendet sich daraufhin an Harald Buchner, den Mechaniker seines Vertrauens, der im niederösterreichischen Behamberg eine freie Kfz-Werkstatt betreibt. Hier nimmt ein neuer Diagnosekrimi seinen Anfang.

  • Der erfahrene Kfz-Meister öffnet zunächst den Verschluss des Motorölstutzens und stellt nicht nur einen deutlich zu hohen Füllstand, sondern auch einen ungewöhnlichen Geruch fest. Offenbar ist Diesel in das Motoröl gelangt, was das „Durchgehen“ des Motors erklärt.
  • Die nähere Untersuchung zeigt, dass der Motor offenbar Öl aus dem Kurbelgehäuse in den Verbrennungsraum gesaugt hat. Nun gilt es, die Ursache herauszufinden.
  • Harald Buchner verdächtigt den Differenzdrucksensor, an der Misere schuld zu sein, denn dieser misst über zwei Unterdruckanschlüsse den Druck vor und hinter dem Partikelfilter. Ist der Druckunterschied zu groß, schickt der Sensor ein Signal an das Steuergerät, das daraufhin zusätzlichen Kraftstoff einspritzt, um dem DPF frei zu brennen. Ein defekter Sensor könnte also für den erhöhten Kraftstoffverbrauch verantwortlich sein – so die Theorie.
  • Buchner will den Sensor nicht einfach auf Verdacht austauschen, da dieser immerhin über 300,- Euro kostet. Er kontaktiert sicherheitshalber eine Ford-Fachwerkstatt und lässt sich die korrekte Diagnose des Sensors erklären. Demnach muss das angeschlossene Diagnosegerät bei eingeschalteter Zündung in den Life-Daten des Sensors einen Druck von 0 anzeigen – dann ist alles in Ordnung. Ein höherer Wert weist dagegen auf einen Defekt des Sensors hin.
  • Buchner schließt wie empfohlen sein Mehrmarken-Diagnosegerät an, ruft den Sensor auf und erhält den Wert 0,00 bar. Er schließt daraus, dass der Sensor in Ordnung ist und setzt die Fehlersuche an anderer Stelle fort.
  • Nach diversen Druck- und Strommessungen, die er nach Protokoll systematisch abarbeitet, sind keine Auffälligkeiten festzustellen – es scheint alles in Ordnung zu sein. Buchner gibt zu, dass ihm in diesem Fall auch seine 30 Jahre Erfahrung nicht helfen und übergibt den Fall zur Lösung einem jüngeren Kollegen.
  • Dieser kann jedoch nach aufwändiger Suche ebenfalls keinen Fehler finden, sodass Buchner beschließt, das Cabrio in einer Ford Markenwerkstatt untersuchen zu lassen.
  • Dort wird der Wagen an ein Original Ford Markendiagnosegerät angeschlossen – und siehe da, dieses zeigt beim Differenzdrucksensor eine Abweichung von 486 Millibar an. Des Rätsels Lösung: 486 Millibar sind umgerechnet 0,00486 bar - eine Zahl, die das Mehrmarkendiagnosegerät nicht anzeigen kann.

Damit ist der Beweis erbracht: Der Differenzdrucksensor ist defekt. Er wird getauscht, und das Problem ist behoben – Fall gelöst.

Erkenntnis

Mehrmarken-Diagnosegeräte sind wertvolle Werkzeuge für freie Werkstätten, da sie die allermeisten Defekte erkennen können und dank regelmäßiger Updates ihrer Hersteller auf dem aktuellen technischen Stand gehalten werden. Harald Buchner hat interessehalber die gleiche Messung mit einem weiteren Mehrmarken-Diagnosegerät eines anderen renommierten Herstellers durchgeführt und ist auf das gleiche – leider falsche – Ergebnis gekommen. Wobei das Ergebnis nicht eigentlich falsch, sondern nur ungenau ist, denn auf zwei Nachkommastellen ist es ja korrekt. So zeigt sich an diesem Fall, dass ein gut gepflegter Kontakt zu Fachwerkstätten im Diagnose-Notfall ein Segen sein kann. Die Berufskolleg:innen nehmen es meist sportlich und helfen mit Rat und Tat gerne aus.