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Das Fieberthermometer für E-Autos

15.02.2021

Ein österreichisches Start-up könnte den Handel mit gebrauchten E-Autos massiv erleichtern. Die Grundidee ist dabei denkbar einfach. Und trotzdem noch einzigartig. Ein Lokalaugenschein aus unserer Reihe Tagebuch des Wandels.

Elon Musk hat die Automobilwelt für immer verändert. Seine E-Auto-Schmiede Tesla wurde anfangs belächelt, heute ist Tesla die wertvollste Automarke der Welt. Vermutlich wäre der E-Auto-Boom ohne Elon Musk und Tesla so nicht gekommen. Strenge, EU-weite Emissionsauflagen und politische Anreize verhelfen den Stromern zu immer größerer Popularität. Und immer mehr Hersteller präsentieren teil- oder vollelektrische Modelle. Diese Veränderung passiert und wird noch ein paar Jahre andauern. Das hat auch dramatische Auswirkungen auf den Fahrzeughandel.

„Die nimm i ned z’ruck“

Noch ist der Markt an gebrauchten E-Autos überschaubar – aber stetig steigend. Es gibt mehrere Knackpunkte bei den Gebrauchtstromern. Einerseits sind sie als Neuwagen noch immer deutlich teurer als vergleichbare Verbrennermodelle. Jedoch werden sie stark subventioniert, womit sie für den Konsumenten billiger werden. Gleichzeitig setzten die Förderungen den Restwerten dramatisch zu – sie fallen mitunter ins Bodenlose. Das führt dazu, dass noch der Großteil der freien Automobilhändler ganz offen sagt: „Ein E-Auto? Die tausche ich nicht ein. Die kaufe ich nicht an.“ Warum? Neue Technologien verlangen neue Zugänge und neue Bewertungen. Was früher die Laufleistung des Motors und das Baujahr waren, um den Fahrzeugwert ganz grob zu beziffern, ist bei E-Autos der Batteriezustand. Und den konnte man sich – ähnlich wie den Zustand eines Verbrennungsmotors – nur vorstellen oder abschätzen. Jedoch nicht wissen. Bis jetzt. Und da kommt das Start-up Aviloo mit Sitz in Wiener Neudorf ins Spiel. Die beiden Gründer haben einen Prozess entwickelt, der den Batteriezustand exakt definiert. Das könnte den Handel mit E-Autos nachhaltig verändern. 

Der goldene Wert

Hinter Aviloo stehen die Gründer Wolfgang Berger und Nikolaus Mayerhofer. Zwei Kindheitsfreunde, zwei Techniker, zwei Automotive-Manager. Wolfgang Berger war lange Jahre bei einem namhaften Automobilzulieferer tätig, sein Freund Nikolaus Mayerhofer bei einem Hersteller in der Motoren-Qualitätssicherung. Sie kennen die Automobilwelt – von beiden Seiten. Und dann kam ein BMW i3. „Wolfgang hat mir ständig seinen i3 zum Probe fahren angeboten. Irgendwann habe ich zugestimmt und bin ich gefahren. Lässiges Auto“, sagt Mayerhofer. Wolfgang hatte aber ein Problem: „Wenn man heute ein gebrauchtes E-Auto kauft, weiß man nicht, wie gut der Akkuzustand noch ist. Ist der Akku schon verschließen, kauft man praktisch einen wirtschaftlichen Totalschaden.“ Das Unternehmen Aviloo wurde geboren. Die Idee: die exakte Bestimmung des Akkuzustands. Das Geschäftsmodell: ein Wert, die Akkukapazität in Prozent, aufgedruckt auf einem Zertifikat. 

Raketenwissenschaft? Nein!

Um den Batteriezustand exakt bestimmen zu können, muss man die Aviloo-Box via OBD-Schnittstelle anstecken, das Auto vollgeladen bis auf wenige Kilometer Restreichweite leerfahren, fertig. Die Aviloo-Box sendet die Akkudaten des Fahrzeugs an die Aviloo-Server. Bei einem Tesla-Modell sind das rund eine Millionen Datenpunkte pro Stunde. Daher braucht es die Server-Rechenleistung, um den gigantischen Datenstrom zu verarbeiten. Am Ende wird aus all diesen Daten die exakte Akkukapazität errechnet. Der Algorithmus dahinter ist das Firmenkapital. Dabei heißt es aus der Industrie immer, dass das Batteriemanagement bei E-Autos die größte Kunst sei und dementsprechend komplex und einzigartig. „Nun, das stimmt so nicht“, lächelt Nikolaus Mayerhofer und relativiert: „So komplex ist das Batteriemanagement nun auch wieder nicht. Verglichen mit einer Getriebe- Motoreinheit, ist das Batteriemanagement keine Raketenwissenschaft.“

Hochinteressant für Autohändler

Nach der Messfahrt spucken die Aviloo-Server den exakten Akkukapazitätswert aus, beispielsweise 92,8 Prozent von der Hersteller-Werksnettoangabe. „Damit lässt sich der E-Auto-Fahrzeugwert viel deutlich berechnen und einschätzen als je zuvor“, sagt Wolfgang Berger. Für Autohändler sind das erfreuliche Nachrichten. Denn: „Wir können jedes E-Auto herstellerübergreifend, unabhängig und genau zertifizieren“, erklärt Berger. Ziel sei es, dass das Aviloo-Zertifikat der neue Industriestandard werde. Autohändler können sich mit der Zertifizierung gleich mehrfach absichern:
Einerseits lässt sich damit der Akkuzustand genauer berechnen als beispielsweise der Verschleiß eines Verbrennungsmotors. Neben der reinen Restkapazität lassen sich auch Zellfehler auswerten, womit gleich von einem An- oder Verkauf gewarnt werden kann. Eine oder mehrere fehlerhafte Zellen können Akkus extrem schaden und sogar zum Totalschaden führen. Da das Messverfahren herstellerunabhängig erfolgt, sind die Restkapazitäten auch vergleichbar. „Bisher war es so, dass der Autohändler nicht genau wusste, in welchen Zustand die E-Auto-Hochvoltbatterie ist. Er konnte nur vom Alter und der Laufleistung darauf schließen. Dabei spielt das Nutzungsverhalten eine viel größere Rolle“, sagt Mayerhofer. Beispielsweise, wie oft das Auto mittels Schnellladung betankt wurde, wie die Batterietemperatur war oder ob der Stromer öfter über Nacht angehängt an der Ladestation stand. „Der Gesundheitszustand zweier Fahrzeuge mit derselben Laufleistung kann, abhängig von Nutzerverhalten, bis zu 20 Prozent variieren“, erklärt Nikolaus Mayerhofer. Zellschäden seien für Autohändler überhaupt nicht verifizierbar gewesen. 

Einfache Abwicklung

„Wir haben unseren Fokus sowohl auf Firmen- als auch Privatkunden“, erklärt Wolfgang Berger. Der Ablauf ist recht einfach: Man bestellt sich auf der Aviloo-Website eine Aviloo-Box, folgt den ausführlichen Instruktionen, macht die Messfahrt und retourniert die Box wieder. Privatnutzer können damit neben der Akkukapazität auch die Realrestreichweite exakter bestimmen und im Fall eines Verkaufs eben auch die Akkugesundheit offiziell bescheinigen. Händler- und Werkstätten haben mit dem Zertifikat stichhaltige An- und Verkaufsargumente und die Gewissheit darüber, was sie handeln.
Vor allem für freie Händler ist damit das E-Auto-Risiko massiv geschrumpft. Für Profis wird Aviloo noch eigene Businesstarife bzw. Abo-Modelle anbieten. Für Endkunden soll ein Zertifikat rund 180 Euro (brutto) kosten. Laut den Gründern liegt man damit unter den Akkukapazitätsbescheinigungen der Hersteller, die jedoch weder so genau noch so aussagekräftig sein sollen. Mehr auf www.aviloo.com

Unser Tagebuch des Wandels dient als Plattform für Automodelle mit alternativen Antrieben, für neue Mobilitätslösungen und Geschäftsfelder sowie Mobilitätsreportagen aus dem Alltag, um einzufanden, wie sich Mobilität ab 2021 weiterentwickeln wird. 
Mit freundlicher Unterstützung von Total Austria

Autor/in:
Philipp Bednar
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