Führende Vertreter aus Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft sprechen sich für den raschen Aufbau einer europäischen Produktions- und Logistikinfrastruktur für klimaneutrale synthetische Kraftstoffe aus. Im Rahmen eines Hintergrundgesprächs der eFuel Alliance Österreich stand die Rolle von eFuels für Versorgungssicherheit, Verteidigungsfähigkeit und die langfristige Resilienz Europas im Mittelpunkt.

Nach Ansicht der Experten sind eFuels nicht nur eine Klimaschutztechnologie, sondern ein unverzichtbarer Baustein eines widerstandsfähigen Energiesystems. Da rund 40 Prozent des österreichischen Energieverbrauchs auf flüssigen Energieträgern basieren, seien diese insbesondere für Schwerverkehr, Luft- und Schifffahrt sowie für Einsatzorganisationen und kritische Infrastruktur weiterhin von zentraler Bedeutung.

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Bedeutung für Krisen- und Konfliktsituationen

Universitätsprofessor Christian Trapp vom Institut für Thermodynamik und nachhaltige Antriebssysteme der TU Graz sieht Europa künftig sowohl im militärischen Bereich als auch bei kritischer ziviler Mobilität auf eFuels angewiesen. „Resiliente Energiesysteme benötigen speicher- und transportfähige Energieträger. eFuels aus europäischer Produktion können insbesondere in Krisen- und Konfliktsituationen einen entscheidenden Beitrag zur Versorgungssicherheit und strategischen Autarkie Europas leisten. Wer Versorgungssicherheit will, muss technologische Souveränität sichern. Deshalb brauchen wir europäische Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Produktion bis zur Anwendung“, so Trapp. Er verweist zudem auf die Verwundbarkeit moderner Gesellschaften durch Störungen der Energieversorgung und internationaler Lieferketten. Aufgrund ihrer hohen Energiedichte und Lagerfähigkeit würden flüssige Kraftstoffe auch künftig für militärische Mobilität, Rettungsdienste, Landwirtschaft und kritische Logistikketten benötigt.

Diversifizierung der Energieversorgung

Ein Risiko sehen die Experten in der Konzentration der Energieimporte. Derzeit stammen rund 56 Prozent der österreichischen Rohölimporte aus Kasachstan. Gleichzeitig entfallen etwa 84 Prozent des heimischen Ölverbrauchs auf den Verkehrssektor. Ralf Diemer, CEO der eFuel Alliance e.V., betont die strategische Bedeutung einer europäischen Produktion: „Die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen deutlich, dass Versorgungssicherheit und Resilienz zentrale Standortfaktoren geworden sind. Mit einer europäischen eFuel-Produktion werden wir unabhängiger von kritischen Importen, schaffen zusätzliche Versorgungswege und stärken die Widerstandsfähigkeit unseres Energiesystems. Gleichzeitig entstehen neue industrielle Wertschöpfungsketten und langfristige Wachstumschancen für Europa.“

Technologieoffenheit gefordert

Stephan Schwarzer, Generalsekretär der eFuel Alliance Österreich, plädiert für eine breitere Ausrichtung der europäischen Energie- und Industriepolitik. „Wir müssen auch Risiken mitdenken, die in naher Zukunft schlagend werden können. Die Frage der Energieversorgung hat eine zusätzliche sicherheitspolitische Dimension erhalten. Wenn Europa seine kritische Infrastruktur, seine Mobilitätssysteme und seine Verteidigungsfähigkeit sichern will, müssen wir heute die Voraussetzungen für eine robuste europäische eFuel-Produktion schaffen. Versorgungssicherheit entsteht nicht im Krisenfall, sondern durch vorausschauende Investitionen und eine ganzheitliche Strategie.“

Zugleich warnt Schwarzer vor einer einseitigen Ausrichtung der Mobilitätswende: „Technologieoffenheit ist keine Ideologie, sondern eine Frage der Resilienz. Wer die Transformation ausschließlich auf batterieelektrische Mobilität ausrichtet, schafft neue Abhängigkeiten – insbesondere von China bei Batterien, Rohstoffen und Wertschöpfungsketten. Die Menschen wollen selbst entscheiden können, wie sie ihre Mobilität gestalten. Europa braucht deshalb einen fairen Wettbewerb klimafreundlicher Technologien statt einseitiger Verbote.“

Bestehende Infrastruktur könnte weiter genutzt werden

Nach Ansicht der Experten könnten bestehende Raffinerien und Logistiksysteme künftig eine wichtige Rolle bei der Produktion und Verteilung synthetischer Kraftstoffe übernehmen. Versorgungssicherheit, Klimaschutz und technologische Souveränität müssten künftig stärker gemeinsam betrachtet werden. eFuels könnten dabei eine verbindende Rolle zwischen Energie-, Industrie-, Verkehrs- und Sicherheitspolitik einnehmen.