Führende Lackhersteller wie BASF und Axalta kooperieren dafür mit dem Schweizer Technologieunternehmen aspaara AI. Ziel ist es, Arbeitsabläufe in Lackierbetrieben datenbasiert zu analysieren, Ressourcen effizienter zu nutzen und die Planung zu verbessern.
Herausforderungen (KI)ntelligent meistern
Viele Betriebe kämpfen mit Termindruck, Fachkräftemangel, steigenden Kosten und komplexeren Instandsetzungen, wodurch Werkstattabläufe immer schwieriger planbar werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen von Versicherungen, Flottenkunden und Endkunden an Durchlaufzeiten und Termintreue. „Die Systeme können aber nicht den Lackierer ersetzen, sondern sollen die organisatorischen Prozesse im Hintergrund optimieren“, meint Andreas Auer von Axalta Coating Systems Austria.
„Der Blick in viele Werkstätten zeigt noch erhebliches Potenzial: Unproduktive Standzeiten, ungenutzte Kapazitäten oder nicht eingehaltene Kundentermine sind keine Seltenheit. Die Folgen sind spürbar, sowohl wirtschaftlich als auch in der Kundenzufriedenheit. Genau hier sehen wir den Ansatzpunkt digitaler und KI-gestützter Lösungen. Sie helfen dabei, Transparenz zu schaffen und Abläufe gezielt zu optimieren“, ist Daniel Kohler von BASF Coatings überzeugt und ergänzt: „Mit unseren Marken Glasurit und R-M verstehen wir uns nicht nur als Produktanbieter, sondern als Lösungsanbieter. Unser Anspruch ist es, technologische Entwicklungen in praxisnahe Anwendungen zu übersetzen.“
Digitaler Zwilling plant
Sowohl Axalta als auch BASF setzen bei ihren Kooperationen mit aspaara AI auf eine KI-gestützte Planungslösung für Karosserie- und Lackierbetriebe. Kernstück ist ein sogenannter „digitaler Zwilling“ des Betriebs. Dabei bildet die Software sämtliche verfügbaren Daten und Abläufe digital nach – von Mitarbeiterkapazitäten über Auftragsstatus bis hin zur Auslastung von Spritzkabinen oder Trocknungsprozessen. Die Systeme greifen dabei auf bereits vorhandene Betriebsdaten zurück. Werkstattsoftware, Terminplanung, Auftragsstatus oder Mitarbeiterverfügbarkeit und -auslastung werden miteinander verknüpft. Auf dieser Basis analysiert die KI laufend die aktuelle Situation im Betrieb und erstellt Prognosen für die optimale Reihenfolge und Verteilung von Arbeiten. „Wöchentlich werden über 5.000 dynamische Simulationen durchgeführt. So entsteht eine Prognosemodell-Plattform, die sich in Echtzeit anpassen und den Durchsatz um bis zu 16 Prozent steigern kann. In seiner Funktion als persönlicher KI-Assistent ist aspaara in der Lage, jeden einzelnen Schritt im Lackierprozess zu unterstützen. Das Ergebnis sind kürzere Reparaturzeiten, termingerechtere Lieferungen und eine höhere Auslastung von Spritzkabinen und Mitarbeitern“, beschreibt Auer das System und betont: „Wir waren eines der ersten Unternehmen auf dem Markt, das die Vorteile digitaler Tools zur Farbtonfindung erkannt hat und treiben bahnbrechende Innovationen wie die vollautomatische Mischanlage Axalta Irus Mix voran. Wir sind davon überzeugt, dass der Einsatz von KI der nächste logische Schritt ist.“
Höhere Auslastung
Jede ungeplante Unterbrechung oder Verzögerung in einer Lackierkabine wirkt sich direkt auf die Produktivität aus. Experten wissen, dass Lackierkabinen-Auslastungen in vielen Betrieben deutlich unter dem möglichen Optimum liegen. Gleichzeitig würden Bearbeitungszeiten oft länger dauern als notwendig und Kundentermine nicht immer eingehalten werden. KI-Systeme sollen solche Ineffizienzen reduzieren. Statt starrer Terminpläne entstehen dynamische Planungsmodelle, die sich laufend an neue Situationen anpassen. Wird etwa ein zusätzlich beschädigtes Karosserieteil entdeckt oder verzögert sich eine Ersatzteillieferung, berechnet die Software automatisch alternative Abläufe. KI-gestützte Systeme übernehmen einen Teil der Planungsarbeit und liefern Handlungsvorschläge in Echtzeit. Axalta spricht in diesem Zusammenhang von einer deutlichen Reduktion des Planungsaufwands. Gleichzeitig sollen sich Durchlaufzeiten verkürzen und Engpässe reduzieren lassen.
„Bei uns wird das durch digitale Bewertungstools wie Body Shop Boost ergänzt, die den gesamten Workflow analysieren und Verbesserungspotenziale sichtbar machen. Zusätzlich erfasst das Eco Impact Assessment Tool innerhalb der Refinity-Plattform Material- und Energieflüsse im Betrieb, um ökologische und wirtschaftliche Kennzahlen transparent darzustellen – begleitet durch Beratungsteams und mit geringem Aufwand für die Betriebe“, konkretisiert Kohler das Angebot von BASF Coatings.
KI wird Teil größerer Digitalisierungsstrategien
Künstliche Intelligenz wird nicht als Einzelanwendung betrachtet, sondern als Bestandteil umfassender digitaler Ökosysteme. BASF verweist in diesem Zusammenhang auf die Verbindung von digitaler Farbtonbestimmung, automatisierten Mischsystemen, Effizienzprogrammen und KI-gestützter Werkstattplanung. Die KI wird damit Teil eines durchgängigen digitalen Prozesses – von der Schadenannahme bis zur Fahrzeugauslieferung.
Moderne Lackierbetriebe erzeugen heute große Mengen an Daten: Farbtondaten, Trocknungszeiten, Materialverbrauch, Kabinenauslastung oder Reparaturhistorien. KI-Systeme können diese Datenmengen wesentlich schneller analysieren als klassische Planungssysteme. Langfristig könnten solche Anwendungen auch mit weiteren Technologien verknüpft werden. Denkbar sind etwa automatische Ersatzteilprognosen, KI-gestützte Kalkulationen, predictive maintenance bei Lackierkabinen oder automatische Materialdisposition.
Fachkräftemangel beschleunigt die Entwicklung
Ein wesentlicher Treiber der Entwicklung ist der zunehmende Fachkräftemangel. Viele Betriebe suchen händeringend qualifiziertes Personal. Gleichzeitig steigt die technische Komplexität moderner Fahrzeuge kontinuierlich an – etwa durch Fahrerassistenzsysteme, neue Materialkombinationen oder Elektrofahrzeuge. KI soll hier nicht Personal ersetzen, sondern vorhandene Ressourcen effizienter nutzbar machen. Mittelgroße und große Betriebe könnten dadurch organisatorisch entlastet werden.
Entscheidung bleibt beim Menschen
Trotz aller Automatisierung bleibt die Verantwortung weiterhin beim Menschen. Die KI liefert Empfehlungen und Prognosen, die finale Entscheidung trifft jedoch der Werkstattleiter.
„Anwender können Empfehlungen annehmen, verändern oder ablehnen. Das wird zweifellos ein wichtiger Faktor für die Akzeptanz solcher Systeme. Denn gerade im Karosserie- und Lackierbereich spielen Erfahrung, Flexibilität und situative Entscheidungen weiterhin eine zentrale Rolle. Dank konsequent optimierter Arbeitsabläufe können Nutzer von aspaara ihren Planungsaufwand um bis zu 75 Prozent reduzieren und innerhalb von nur zwei Monaten eine Kapitalrendite erzielen“, betont Andreas Auer.
Die Qualität der KI hängt allerdings stark von der Datenbasis ab. Unvollständige oder fehlerhafte Betriebsdaten können die Aussagekraft der Systeme einschränken. Für viele Betriebe wird daher zunächst die Digitalisierung bestehender Prozesse Voraussetzung für einen sinnvollen KI-Einsatz sein. Auch Automatisierung und Robotik gewinnen nach Ansicht von Daniel Kohler zunehmend an Bedeutung. Erste Pilotprojekte zeigen, welches Potenzial in automatisierten Prozessen stecke. Entscheidend sei es, frühzeitig Erfahrungen zu sammeln und realistische Einsatzbereiche zu definieren.
KI als nächster Entwicklungsschritt
Die Kooperationen von Axalta und BASF Coatings mit aspaara AI führen vor Augen, wohin sich die Branche entwickelt. Nach Jahren der Digitalisierung einzelner Arbeitsschritte rückt nun die intelligente Vernetzung kompletter Betriebsabläufe in den Fokus.
Für Lackierbetriebe könnte KI mittelfristig zu einem wichtigen Werkzeug werden, um steigende Anforderungen bei gleichzeitig knapper werdenden Ressourcen zu bewältigen.

